Ein virtueller Spaziergang durch die Stadt Weiden um 1700
Geschichtsstunde in 3-D

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Um die Stadt Weiden verliefen früher eine Stadtmauer, ein Erdwall und Holzpalisaden. Die Stadt konnte nur durch das Obere und Untere Tor betreten oder verlassen werden. Vom Oberen Tor aus führte die heutige Max-Reger-Straße entlang des Siechenweihers (unten rechts im Bild) aus der Stadt hinaus. Dort, wo sich früher das Gewässer befand, hat jetzt die Firma Witt ihren Standort. Repro: Weigl
 
Ein Ausschnitt aus einem Plan des Staatsarchivs Amberg von 1715. Dieser zeigt das vor dem Unteren Tor in Weiden stehende Vortor durch die barocken Erdschanzen. Das Besondere an der Skizze ist, dass Maßangaben in Schuh notiert sind. Bild: Staatsarchiv Amberg

Die Altstadt von Weiden - ein "bekanntes Pflaster", das jedoch ein Geheimnis birgt. Was sich unter den grauen Pflastersteinen versteckt, ist alt und faszinierend. Es zeugt von einem früheren Leben in Weiden, welches fast schon in Vergessenheit geraten ist, wäre da nicht Bernhard Weigl aus Mantel.

In den Gassen der Weidener Innenstadt schlendern Menschen von Geschäft zu Geschäft. Puppen präsentieren steif die neuesten Trends von Jeans, Pullovern und flauschigen Winterjacken in hellbeleuchteten Schaufenstern. Tauben hüpfen über das Kopfsteinpflaster und sammeln Krümel vom Boden auf, die aus den Mundwinkeln der hungrigen Spaziergänger fallen. Ein Haus nach dem anderen ragt in die Höhe. An der Stadt führt eine Autobahn vorbei. So kennt man Weiden.

Vor ein paar Jahrhunderten - um genau zu sein im Jahr 1700 - sah der Ort noch ganz anders aus: kleiner, mit einer meterhohen Stadtmauer, die sich um die Häuser schlang, davor Holzpalisaden und ein Erdwall. So einfach kam da keiner rein und raus - schon gar nicht nachts. Aus und in die Stadt führten nur zwei Wege: Tore, die es heute noch gibt - das Obere und das Untere Tor. Damals gab es zudem den Türlturm in der Türlgasse und den Alten Turm von St. Michael mitten in der Altstadt. Ungewohnt ist auch: Direkt neben der Stadt erstreckte sich ein Weiher, der Siechenweiher. In das einen Kilometer lange Gewässer passte Weiden um 1700 einmal hinein. Dort entlang verlief die heutige Max-Reger-Straße. "Es ist beeindruckend, wie Weiden damals aussah", meint Bernhard Weigl. Der Manteler befasst sich seit vielen Jahren mit einem ungewöhnlichen Hobby. Hunderte Stunden hat er damit verbracht, im Amberger Staatsarchiv durch alte Pläne zu stöbern, die deutsche Kurrentschrift zu entziffern, Schriftstücke zu vergleichen, den Merian-Stich zu studieren und die Daten mit einem Programm zu veranschaulichen. In einem 3-D-Film, den er unter dem Titel "Stadtbefestigung Weiden um 1700" auf Youtube veröffentlich hat, baut er Häuser, Mauern und Wege von damals wieder auf. Weigl hat viel recherchiert. "Es fasziniert mich, etwas verloren gegangenes zu rekonstruieren. Wie hat es vorher ausgesehen, wo stehen wir eigentlich gerade drauf?"

Nicht rekonstruierbar

"Sobald solche Bauwerke verschwunden sind und nicht bildlich festgehalten werden, ist es auch in den Köpfen der Menschen in kürzester Zeit weg." Das findet der Manteler schade und so machte er sich an die schwierige Aufgabe, die Stadt Weiden um 1700 zu rekonstruieren. "Was hilft die am besten erforschte Wissenschaft, wenn die Vermittlung fehlt und in alten Büchern verstaubt", fragt sich Weigl, der für ein Ingenieurbüro in München arbeitet - von zu Hause aus. Veröffentlichen, veröffentlichen, veröffentlichen sei ihm mal geraten worden. "Alles andere ist für den Abfall." Für eine Rekonstruktion muss es allerdings genügend Daten geben. "Es ist Humbug zu sagen, ich mache eine Rekonstruktion von Weiden, wenn nicht genügend Material da ist. Es soll ja keine Fantasie sein, sondern der Realität nahe kommen", betont er. In der Wissenschaft geht es eben genau zu.

Trotzdem gibt es auch Schwierigkeiten. "Es kann immer Lücken geben, die nicht rekonstruierbar sind." Bei einem Wachhaus wurde die Dachform nicht notiert. "Das logischste ist, dass sie sich die Sicht der anderen Häuser nicht verbauen wollten, also muss das Dach flach gewesen sein." Die Mutmaßung muss dann deutlich gekennzeichnet werden. Heimatforscher haben allerdings schon gute Vorarbeiten geleistet, so dass vieles vermerkt ist. Manchmal findet Weigl aber noch bislang unbekannte Pläne von Weiden im Staatsarchiv.

Für ihn ist es immer wieder ein besonderes Erlebnis, die Originale in den Händen zu halten. "Manchmal können es nur zwei Blatt Papier sein, manchmal ein dicker Schinken. Früher hat man Sand auf das Papier gestreut, damit die Tinte schneller trocknet", weiß Weigl. "Wenn Sie eine Schachtel mit Schriftstücken öffnen und diese herausnehmen, kommt Ihnen schon mal der Sand entgegen."

Bei den mit der Hand beschriebenen Papieren tut er sich meistens nicht schwer, die Buchstaben zu entziffern. "Man merkt aber schon, ob es ein professioneller Schreiber von der Stadt verfasst hat. Die haben sauber geschrieben. Andere schmieren richtig." Die Daten schreibt er feinsäuberlich ab, Skizzen kopiert er, um sie dann mit Hilfe seines CAD-Programmes bildlich darzustellen. "Das Zeichnen an sich ist schwierig zu erklären, aber im Kopf entsteht eine Vorstellung, die man dann versucht, umzusetzen."



Mit verschränkten Händen sitzt er auf der Holzbank, das blau-weiß gestreifte Hemd in die Hose gestopft. Neben der Couch liegen Spielsachen in einer Ecke. "Was mich stark beeindruckt hat, war ein Plan vom Unteren Tor. Dass man eine vermaßte Skizze findet, ist wie ein kleiner Lottogewinn", sagt Weigl und strahlt. Der Familienvater fährt mit dem Finger eine Linie entlang: "Sehen Sie, hier steht 50 Schuh. Damals wurde noch nicht in Metern gemessen", gluckst er.

Dann wechselt er wieder zu seiner 3-D-Animation auf dem Laptop. Wie aus der Perspektive eines kleinen Spatzes dreht sich die Skyline von Weiden gegen den Uhrzeigersinn und schwenkt nach unten. Unterhalb der hölzernen Zugbrücke, die zum Oberen Tor führt, erscheinen weiße Buchstaben im Bild. "1783 durch Steinbrücke ersetzt." Weigl hält den Film kurz an und erklärt: "Die alte Steinbrücke liegt noch unter dem Pflaster. Es gibt dazu Literatur, die wird aber von wenigen gelesen. Und das ist mein Ziel, dass man eher mal hinschaut."

Kleine Geschichten

Zu nahezu jedem Bauwerk, das in dem Film zusehen ist, weiß er eine kleine Geschichte oder Fakten. "Da ist der Wasserturm und da der Faulturm. Davon gibt es ein Gemälde, das kurz vor seinem Abriss 1860 entstanden ist.

Für Sie ist es beim ersten Blick schwer, aber ich weiß genau, wo wir in der Animation sind." Die Faszination, die den 46-Jährigen fesselt, ist spürbar. "Ich hab das nicht nur für andere gemacht, sondern für mich. Das ist der Forscherdrang, ich will das rausfinden." Weigl kneift seine Augen zusammen und reibt sich die Hände.

Schon als Jugendlicher war er sehr geschichtsinteressiert. Ob Geschichte in der Schule zu seinen Lieblingsfächern zählte, kann er aber nicht mehr genau sagen. Angefangen hat das Ganze mit der Familienforschung - "wie bei vielen anderen auch", kommentiert er. "Je länger man sich damit beschäftigt, desto mehr beschäftigt sich man auch mit der Heimat. Ich will über meine Heimat mehr wissen und es anderen zeigen."

Das bewegte Bild ist für Weigl deshalb der perfekte Weg, um seine Arbeit darzustellen. "Es erregt Aufmerksamkeit und vermittelt prinzipiell den Eindruck, wie es ausgesehen hat - besser als Fotos."

Jede Linie, jeder Ziegel, jeder Mauerstein in der 3-D-Animation sind mit der Hand gezeichnet. "Es gibt keine fertigen Muster, es sieht ja alles anders aus." Seit Ende des letzten Jahres beschäftigt sich Weigl intensiv mit der Stadtbefestigung. Ein Haufen Arbeit für ein Hobby, aber Weigl macht das gern: "Andere kaufen sich ein neues Surfbrett und ich schau so etwas im Archiv nach."



Die Stadtbefestigung von Weiden ist deshalb auch nicht sein einziges Projekt. In den vergangenen Jahren hat er sich unter anderem mit der Festung in Parkstein, der Friedrichsburg in Vohenstrauß und dem Galgen in Burglengenfeld beschäftigt. Von denjenigen, die richtig nachforschen, gibt es nur wenige, davon ist Weigl überzeugt. "Wer beschäftigt sich schon damit. 80 Prozent der Bevölkerung denken, was willst du mit dem alten Zeug, aber ich will, dass es nicht in Vergessenheit gerät und diese Fünf-Eck-Schanzen bei der Weidener Stadtbefestigung machen schon was her", schwärmt er.

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