Ein wiedererwachtes Jahrhundert-Epos
"Horcynus Orca"

"Horcynus Orca" ist ein Epos über das Meer. Über Jahrzehnte schlummerte Stefano D'Arrigos Lebenswerk still und fast unbeachtet in der italienischen Literatur. Unübersetzbar, hieß es. Unlesbar sowieso. Jetzt, 40 Jahre nach seiner Mailänder Erstausgabe, ist das anderthalbtausendseitige Buch endlich in deutscher Übersetzung erschienen. Es ist ein Meisterwerk, ein Genuss, eine wunderbare Anstrengung.

Schon der Handlungsort von "Horcynus Orca" ist sagenumwoben: "Sullo scill'e cariddi", schreibt D'Arrigo, bei Skylla und Charybdis. An der Meerenge zwischen Kalabrien und der Insel Sizilien verschlingt im antiken Mythos die fürchterliche, sechsköpfige Skylla mit ihren drei Reihen gespitzter Zähne alle Lebewesen, die sich dem Festland nähern. Und Charybdis, die das Meerwasser mal ausgurgelt, mal schrecklich einschlurft, reißt alles und jeden ins Verderben.

Hier, wo sich Ionisches und Tyrrhenisches Meer vereinen, ist die Welt des 'Ndrja Cambrìa, eines einfachen Oberbootsmannes der italienischen Marine, der im Oktober 1943 desertiert. Es ist die Zeit, als die Alliierten im faschistischen Italien einmarschieren, und die Briten Sizilien besetzen. Cambrìa ist ein durch und durch homerischer Weltkriegs-Odysseus: So wie der antike Held nach 20 Jahren Krieg und Irrfahrt zurück auf seine Insel Ithaka möchte, zieht es auch Cambrìa in seine Heimat.

Abschluss über Hölderlin

D'Arrigo, 1919 in Nordsizilien geboren, diente nach seinem Hochschulabschluss über Friedrich Hölderlin selbst in der Armee Mussolinis - stationiert in Palermo. Nach dem Krieg zog er 1946 nach Rom, wo er bis zu seinem Tod 1992 lebte. Erst arbeitete er als Journalist, ab den 1950er Jahren widmete er sich ausschließlich der Literatur. Es entstanden Gedichte, bald aber begann die Arbeit an seinem Mammutwerk.

1956 schrieb der Italiener einen Urtext, fünf Jahre später lag eine erste Druckfassung vor. Dieser wollte der Autor eigentlich nur den letzten Schliff verpassen. Doch das dauerte dann noch einmal 14 Jahre. Beinahe die Hälfte des Werkes entstand erst während dieser "Korrekturzeit". D'Arrigo formulierte um, ergänzte, schrieb neue Episoden, veränderte die Syntax, gestaltete seine Prosa dichter und subtiler.

"Horcynus Orca" ist ein episodisch erzählter Roman über die Heimkehr des Matrosen Cambrìa, wo Traum und Realität, Gegenwart und Rückblenden ineinander verwischen. D'Arrigo schafft dabei schnörkellose und feine, bäurische Metaphern: "Er sah die Mutter an und sagte sich: (...) Die kehrt doch die ganze Welt von zuunterst nach zuoberst, gibt ihr die Gestalt ihrer Gedanken, und die Welt ist das für sie: ihre Schürzentasche, in die sie über Tage hinweg ihre Hand steckt, mit ihren engenden Gedanken in der Faust."

Faszinierende Sprache

Das wohl Faszinierendste des Romans ist denn auch die Sprache - ein Nebeneinander von Sizilianisch und Italienisch, von Derb-Archaischem und Süßlich-Fremdem. Feren, Pellisquadre, Feminoten - D'Arrigos Wortneuschöpfungen, die anfangs fremd wirken, werden nach und nach vertraute Begleiter der Lektüre.

Besonderes Verdienst hat hierbei der Übersetzer Moshe Kahn. Ihm ist zu verdanken, dass 23 Jahre nach D'Arrigos Tod eine deutsche Fassung des Romans vorliegt. Diese ziseliert wunderbar den Rhythmus, die Farbe und den reichen Klang des Originals. Für seine aufopferungsvolle, acht Jahre dauernde Arbeit erhält Kahn den diesjährigen Deutsch-Italienischen Übersetzerpreis.

Auch wenn D'Arrigos Zeitgenossen wie Pier Paolo Pasolini oder Primo Levi "Horcynus Orca" bei Erscheinen feierten, galt er bei Verlagen bisher als unlesbar und unübersetzbar. Dennoch wird das Werk in einem Atemzug mit Musils "Mann ohne Eigenschaften" oder Melvilles "Moby Dick" genannt.

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Stefano D'Arrigo: "Horcynus Orca". 1472 Seiten, 58 Euro, Verlag S. Fischer.
Weitere Beiträge zu den Themen: Magazin (11335)Hamburg (1951)Juni 2015 (7772)
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