Eine chinesische Parabel

Vorzeiten herrschte im alten China ein mächtiger Kaiser, der wollte, als er alt geworden war und sein Ende nahen fühlte, wissen, was dem Menschen nach seinem Tod im Jenseits erwarte.

Er rief deshalb alle Gelehrten und Weisen seines riesigen Reiches in seinen Palast und befahl ihnen, bei allem Volk, ob arm oder reich, hoch oder nieder, klug oder dumm, nachzuforschen, ob einer von ihnen aus eigener Erfahrung über das Leben nach dem Tode etwas berichten könne. Bei dem riesigen Volk müsse es doch den einen oder anderen geben, der von drüben zurückgekehrt sei, meinte der Kaiser.

Nach einem Jahr sollten sich die Versammelten zur gleichen Zeit im Palast erneut einfinden und vom Ergebnis ihrer Nachforschung berichten. Wer aber keinen Erfolg gehabt hatte und nichts zu sagen habe, der solle des Todes sterben, denn dann könne er am eigenen Leibe erfahren, wie es dort drüben zugehe. Da erschraken die Gelehrten und Weisen sehr. Sie machten sich aber auf den Weg. Pünktlich nach einem Jahr traten sie vor den Kaiser. Keiner hatte Erfolg, keiner konnte etwas berichten - und keiner wollte sterben!

___

Weder Streit noch Neid

___

Aber ein Jeder hatte sich eine Geschichte ausgedacht und zurechtgelegt. Einige berichteten, ein Zurückgekehrter habe drüben erfahren, dass der Mensch nach dem Tode in eine wunderbare überirdische lichte Welt eingehe, wo es weder Streit noch Neid gebe und ewiger Friede herrsche. Andere wollten gehört haben, jeder Mensch werde nach seinem Ableben von allen seinen Angehörigen und Freunden freudig empfangen und in diese Gemeinschaft wie im irdischen Leben wieder aufgenommen.

Eine dritte Gruppe meinte, jeder Verstorbene kehre nach einer Zeit der Läuterung und Meditation auf die Erde zurück. So gab es noch viele Meinungen, und bald brach zwischen den Gelehrten und Weisen ein lautes Gezänk und Geschrei darüber aus, wer wohl die Wahrheit gefunden habe, sie nannten sich gegenseitig Lügner und Betrüger und bald herrschte im Kaiserpalast Chaos. Der alte Kaiser war des schrillen Gezeters bald überdrüssig und befahl, die ganze Gesellschaft in den Kerker zu werfen. Da trat ein weißhaariger Mann vor und bat um Gehör.

Der Kaiser hob seine Rechte und alles verstummte. Es war ganz still. "Herr," sagte der Alte, "ich lebe schon viele Jahre auf dieser Erde, ich bin ein alter Mann und der Tod schreckt mich nicht. Mir ist es gleich, ob ihr mich richten lasst, wenn ich euch die Wahrheit sage.

Alles, was ihr bisher gehört habt, dient den Erzählern nur dazu, ihr Leben zu retten, denn kein Irdischer wird jemals wissen, was uns Menschen nach unserem Tod bevorsteht. Und wer darüber berichtet, lügt. Hört diese Fabel: Auf dem Grund eines Teiches leben hässliche Larven. Wenn ihre Zeit gekommen ist, steigt jede aus dem Wasser, um niemals zurückzukehren. Jede Larve verspricht den Zurückbleibenden darüber zu berichten, was nach dem Verlassen des Teiches geschehen ist.

___

Wunderschöne Libelle

___

Denn die Frösche hatten das Gerücht verbreitet, dass sich jede Larve auf der anderen Seite der Welt nach einer Zeit der Verpuppung in eine wunderschöne Libelle mit grazilem Leib und schillernden Flügeln verwandeln wird. Aber keiner Libelle wird es je möglich sein, wieder auf den Grund des Teiches zurückzukehren, um den Zurückgebliebenen Kunde zu bringen. Und so wissen die Libellenlarven bis zum heutigen Tag ebenso wenig wie wir Menschen, was nach dem Übertritt geschehen wird, denn der Tod ist das größte Geheimnis des Lebens.

Nach der Rede des Mannes war der Kaiser nachdenklich geworden, er saß in sich gekehrt auf seinem goldenen Thron und bewegte die Parabel in seinem Herzen. Und weil er nicht nur ein gestrenger, sondern auch ein kluger Kaiser war, ließ er den Greis nicht richten, vielmehr lobte er ihn und machte ihn wegen seiner Weisheit zu einem seiner Ratgeber. Die scheinheilige Gesellschaft der Gelehrten und Weisen aber jagte er mit Schimpf und Schande aus seinem Palast. (lir)
Weitere Beiträge zu den Themen: Magazin (11335)September 2015 (7742)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.