Eine Reise ins Innerste des Menschen

In der Ausstellung "Körperwelten - Eine Herzenssache" präsentiert Plastinator Dr. Gunther von Hagens neben dem "Atlas" noch weitere Plastinate im Quelle-Areal in Nürnberg. Bild: Gunther von Hagens" Körperwelten, Institut für Plastination, Heidelberg

Der an Parkinson erkrankte Gunther von Hagens hat sich aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Im Plastinarium in Guben ist "Dr. Tod" aber noch immer allgegenwärtig.

In Guben ist der Tod zu Hause. Zumindest in dem roten Backstein-Gebäudeensemble direkt an der Neiße, wo Deutschland und Polen aufeinandertreffen. Der Tod hat der Kleinstadt mit knapp 20 000 Einwohnern zum Ruf einer Wissenschaftsstadt verholfen: Seit 2006 ist hier das Plastinarium Gunther von Hagens' beheimatet, jener Ort also, an dem die Präparate für die Körperwelten-Ausstellungen hergestellt werden. "Das ist sicherlich das bekannteste Feld unserer Arbeit, aber in erster Linie entstehen hier Lehrpräparate und anatomische Großplastinate für medizinische und biologische Lehr- und Wissenschaftseinrichtungen auf der ganzen Welt", erklärt Geschäftsführer Rurik von Hagens, der 34-jährige Sohn Gunther von Hagens. Dieser hat sich vor einigen Jahren aufgrund seiner Parkinson-Erkrankung aus der Leitung und größtenteils auch aus der Öffentlichkeit zurückgezogen.

Ungewohnte Gerüche

Wer wissen will, was es mit der Plastination auf sich hat, sollte viel Zeit nach Guben mitbringen - und sich auch von ungewohnten Anblicken und Gerüchen nicht abschrecken lassen. Zartbesaitete Menschen sollten auf einen Besuch verzichten: Denn wenn Rurik von Hagens eine "gläserne Produktion" ankündigt, dann verspricht er definitiv nicht zu viel.

Mehrere Schritte sind fürs Plastinieren nötig: Los geht es mit der Fixierung, bei der zunächst der Verwesungsprozess gestoppt wird, indem über die Arterien Formalin in den Körper gepumpt wird. Es tötet sämtliche Bakterien ab und verhindert durch chemische Prozesse den Zerfall des Gewebes. Dieser erste Schritt wird in Heidelberg ausgeführt. Im zweiten Schritt erfolgt die eigentliche Präparation, bei der die Besucher in Guben live dabei sein können: Mit Pinzette, Skalpell und Schere werden Haut, Fett- und Bindegewebe von der Leiche entfernt und die einzelnen anatomischen Strukturen freigelegt.

Wem hier als Betrachter ein Grusel oder bisweilen auch ein Ekel befällt, reagiert wohl sicher nicht über - und dennoch: Jeder tote Körper, der hier landet, hat dies zu Lebzeiten auch freiwillig so verfügt. "In unserer Kartei befinden sich über 14 000 Menschen aus der ganzen Welt, die nach ihrem Tod ihren Körper spenden wollen", sagt von Hagens. Dafür, so der Geschäftsführer, gebe es auch keine Gegenleistung.

Drähte, Nadeln, Klammern

Der Plastinationsprozess selbst basiert auf zwei Austauschprozessen. In einem ersten Schritt wird das Körperwasser, aus dem der menschliche Körper zu 70 Prozent besteht, durch ein Lösungsmittel ersetzt: Das Präparat wird dafür in ein eiskaltes Azetonbad gelegt, welches das Körperwasser nach und nach herauslöst. Dieser Prozess dauert je nach Größe des Präparats zwei Wochen bis drei Monate. Anschließend wird das Azetonbad auf Raumtemperatur erwärmt, um die löslichen Fette aus dem Gewebe zu entfernen.

Weiter geht es dann mit der sogenannten forcierten Imprägnierung, dem zentralen Schritt in der Plastination. Hierbei wird im Vakuum das Azeton gegen Silikon ausgetauscht. Im folgenden Arbeitsschritt - der Positionierung - wird der Körper in die gewünschte Pose gebracht, jede einzelne anatomische Struktur korrekt positioniert und mit Hilfe von Drähten, Nadeln, Klammern und Schaumstoffblöcken fixiert. In einem letzten Schritt wird das Präparat gehärtet: Dann ist der Plastinationsprozess abgeschlossen und das Präparat dauerhaft vor der Verwesung geschützt. "Alle Mitarbeiter sind sich auch darüber im Klaren, dass das Präparat früher ein Mensch war", so von Hagens.

Die Nachfrage nach Plastinaten ist nach wie vor groß, die Auftragsbücher des Plastinariums für die nächsten Jahre sind voll. Gunther von Hagens' Patente für die Plastination sind natürlich längst ausgelaufen, mittlerweile gibt es Mitbewerber auf dem Markt. Rurik von Hagens stellt aber fest: "Es gibt auch immer noch einen Unterschied zwischen einem Mercedes und einem Lada!" Die verschiedenen Körperwelten-Ausstellungen sorgen immer noch für Furore - das weiß auch von Hagens: "Ich denke aber, dass der Kulturkampf auch in Deutschland mittlerweile etwas abgeklungen ist." Die Ausstellung sei seiner Ansicht nach in der Gesellschaft angekommen, mit ablehnenden Stimmen könne er leben. "Ich setze mich gerne damit auseinander. Nur: Wer kritisieren will, sollte auch gesehen haben, worüber er spricht", fordert von Hagens.

Schwer kranker "Dr. Tod"

Das Thema Plastination ist in Guben auch heute ohne Gunther von Hagens nicht denkbar: Wer ihm begegnet, versteht aber, dass er sich aus dem Rampenlicht zurückgezogen hat. Die hagere Statur, der schwarze Hut und die schwarze Lederjacke sind zwar geblieben, das sprachliche Ausdrucksvermögen hat aufgrund der Parkinson-Erkrankung aber stark gelitten. Er, der mitunter auch die ganz große Show und Theatralik liebte und sich auch mit seinem Beinamen "Dr. Tod" arrangiert hat, hält sich heute lieber im Hintergrund.

Sein Rat und seine Expertise sind bei den Mitarbeitern im Plastinarium aber stets gefragt. Und auch sein wissenschaftliches Feuer brennt noch immer, wenn er die Besucher durch seine weit verzweigten Labor- und Forschungsräume führt. Woran er arbeitet? "Ich suche einen Weg, damit der Prozess der Plastination schneller durchgeführt werden kann", sagt Gunther von Hagens. Und einen großen Wunsch hegt der 69-Jährige noch, nämlich "irgendwann einen Blauwal zu plastinieren".

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Weitere Informationen im Internet:

http://www.plastinarium.de
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