Eine Robinsonade auf Hiddensee

Für seinen Debütroman "Kruso" ist am Montagabend Lutz Seiler mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet worden. Am 20. November (20 Uhr) liest Seiler aus dem Roman im Literaturarchiv Sulzbach-Rosenberg. Bild: dpa

Die Kritiker überhäuften den Roman mit Lob, daher galt "Kruso" auch als Favorit: Für den DDR-Aussteiger-Roman hat am Montagabend der Lyriker Lutz Seiler den Deutschen Buchpreis erhalten.

Auch als Sieger bleibt Lutz Seiler in erster Linie ein Dichter: In seiner poetisch gehaltenen Dankesrede am Montagabend in Frankfurt nennt er gleich drei Lyriker, die im Wettbewerb um den besten Roman des Jahres mit ihren Gedichten leider gar nicht antreten konnten.

Stattdessen hat es der vielfach ausgezeichnete Lyriker Seiler tatsächlich selbst geschafft, mit seinem Debütroman "Kruso" den wichtigsten Literaturpreis des Landes zu gewinnen. Es ist eine wunderbar poetische Aussteigergeschichte aus dem Sommer 1989 kurz vor der Wende, mit der Seiler Hiddensee ein Denkmal setzt. Die Ostseeinsel war - was zumindest im Westen wohl nur wenige wussten - zu DDR-Zeiten ein Fluchtort für Außenseiter, Querdenker und Freiheitssucher.

Seiler spricht im Roman von den "Schiffbrüchigen", bewacht von den "Inselkriegern", wie er die Grenzsoldaten im Roman nennt. Darunter waren auch Fluchtwillige, die aber auf der Überfahrt nach Dänemark oft den Tod fanden. So hob die Jury in ihrer Urteilsbegründung hervor, "Kruso" sei auch ein Requiem für alle Ostseeflüchtlinge, die bei ihrer Flucht ums Leben kamen.

Die innere Freiheit

Mit "Kruso" gewinnt nach Uwe Tellkamps "Der Turm" und Eugen Ruges "In Zeiten des abnehmenden Lichts" erneut ein DDR-Epos den Deutschen Buchpreis. Doch Seiler interessiert sich in seinem Werk nicht für die große Politik, sondern die Sehnsucht nach der inneren Freiheit. Es geht um eine Gruppe von Aussteigern, die die Gaststätte "Klausner" auf Hiddensee betreibt. Im Zentrum steht die Freundschaft zwischen dem Ich-Erzähler Edgar ("Ed") und Krusowitsch ("Kruso"), dem Insel-Guru. Seiler erinnert mit dessen Namen auch an den berühmtesten Schiffbrüchigen der Literatur, Robinson Crusoe. Der Autor weiß, wovon er im Roman spricht: Er hat selbst auf Hiddensee im real existierenden "Klausner" als Abwäscher gearbeitet. Mit dem Deutschen Buchpreis findet also seine Tellerwäscher-Karriere den vorläufigen Höhepunkt.

Selten zuvor waren sich die Literaturkritiker so einig, dass Seilers Erstling den Preis verdient hat und große Literatur ist. Seiler "überzeugt durch seine vollkommen eigenständige poetische Sprache, seine sinnliche Intensität und Welthaltigkeit", würdigt die Jury den Roman treffend. Weiter heißt es: "Man darf die packende Robinsonade um den titelgebenden Kruso und den jungen Abwäscher Edgar als wortgewaltige Geschichte eines persönlichen und historischen Schiffbruchs lesen - und als Entwicklungsroman eines Dichters." Wie sein Romanheld Ed hat der 51-jährige Seiler in Halle/Saale Germanistik studiert. Zuvor machte der gebürtige Thüringer in der DDR eine Lehre als Baufacharbeiter.

Im Finale des Buchpreises setzte sich Seiler am Montagabend gegen fünf weitere Romane durch. Erneut gescheitert in der Endausscheidung ist Thomas Hettche ("Pfaueninsel"). Auch Angelika Klüssendorf ("April") war schon einmal nominiert. Ebenfalls auf der Shortlist standen Gertrud Leutenegger ("Panischer Frühling"), Thomas Melle ("3000 Euro") sowie Heinrich Steinfest ("Der Allesforscher").

Der Buchpreis wird seit zehn Jahren am Vorabend der Eröffnung der Frankfurter Buchmesse vom Dachverband der deutschen Buchbranche verliehen. Der Sieger erhält 25 000 Euro. Viel wichtiger aber ist die Aussicht auf einen großen Verkaufserfolg. "Kruso" hat es bereits in den vergangenen Wochen in die Bestsellerlisten geschafft. Die Auszeichnung ist auch eine Genugtuung für Seilers Verlag Suhrkamp. Das renommierte Haus wird seit Jahren von einem internen Machtkampf der Gesellschafter geschüttelt.
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