Eine Waldsassener Schwester gründete eine kleine Schule in La Paz
Morales und die Zisterzienserinnen

Zu Besuch auf dem Landgut Sapahaqui: (von links) ein einheimischer Landarbeiter, Hans-Wilhelm Forstner, Marlene Krieg, die im Bolivien-Büro arbeitet, Roswitha Forstner und der Chauffeur. Bilder: privat
 
Von wegen sinnesfeindlich: südamerikanische Lebensfreude hat auch im Konvent ihren Platz. Schwester Fatima bringt Hans-Wilhelm Forstner beim Tänzchen ins Schwitzen
 
Überhaupt Tanz: Seit 20 Jahren lernen Mädchen und Jungen Folklore aus allen Regionen, aber auch modernen Tanz und klassisches Ballett.

So klein ist die Welt: Eine Schwester aus Waldsassen gründete einen Schule. Dort entstand - später unter der Ägide von Kloster Seligenthal - eine der größten Bildungseinrichtungen Boliviens. Ein Mitherausgeber des Medienhauses "Der neue Tag" ist Unterstützer des Projekts.

Damals schauten sich viele Orden um, was sie Sinnvolles in der Welt tun könnten", erzählt Hans-Wilhelm Forstner (66), "so auch die Zisterzienserinnen in Waldsassen". Schwester Hedwig Eckert gründete 1964 das Collegio Ave Maria am Stadtrand von La Paz, Regierungssitz des Landes. "Sie wollte etwas für die Indios tun, die massiv diskriminiert wurden", erklärt der pensionierte Vizepräsident der Lotterieverwaltung. Für die Ureinwohner jedenfalls ein Glücksfall, dass sie eine eigene Schule bekamen, die über Spenden finanziert wurde.

Es sollte noch 30 Jahre dauern, bis sich mit der Verfassungsänderung von 1994 Bolivien offiziell als multikulturelle Gesellschaft verstand. Und erst in der neuen Verfassung von 2009 wurden für die Indios, die "naciones y pueblos indígena originario campesinos", umfangreiche Rechte festgeschrieben.

"Man kann von Präsident Evo Morales halten was man will", lobt der Enkel von Ignaz Forstner, der 1912 die Tageszeitung "Grenzwarte" in Oberviechtach gegründet hatte - heute ein Teil des Medienhauses "Der neue Tag" - "aber das bitterarme Land durchläuft inzwischen eine positive wirtschaftliche Entwicklung." Ursprünglich hätten die Reichen zwar gedroht, das Land wegen des Führers der sozialistischen bolivianischen Partei Movimiento al Socialismo (MAS) und der Bewegung für die Rechte der Coca-Bauern zu verlassen. "Aber der Mann des Hochlandes hat auch die Städte belebt", stellt Forstner fest. Morales, Spross einer Aymara-Familie aus dem kleinen Dorf Orinoca, weiß was Armut und Diskriminierung ist. Der 55-jährige "World Hero of Mother Earth", zu dem ihn 2009 die Generalversammlung der Vereinten Nationen kürte, befriedete das Land und integrierte die Ureinwohner, die immerhin 60 Prozent der Bevölkerung ausmachen.


Natürlich sieht der Oberpfälzer Jurist die Politik des kleinen Mannes, der an Maradonna erinnert, keineswegs durch die rosarote Brille. Die sozialen Reformen des bekennenden Maoisten brachte den Konvent bereits in arge finanzielle Nöte: "Das Schulgeld wird nicht erhöht, aber die Lehrer bekommen ein 15. Jahresgehalt - das muss man erst einmal mit Spenden finanzieren", klagt der Jurist, der in Deutschland die Oddset-Sport-Wette einführte. Dennoch scheint sich der Orden mit dem neo-marxistischen Morales-System einigermaßen zu arrangieren. "Das Werk der Waldsassener Gründungsschwester wird seit 1972 von vier Zisterzienserinnen aus der Abtei Seligenthal in Landshut zusammen mit vier bolivianischen Schwestern fortgeführt", fasst Forstner die Geschichte des Konvents zusammen, der vergangenes Jahr seit 50-jähriges Bestehen feierte. Die Zisterzienserinnen übernahmen damals eine kleine Indioschule mit Kinderheim am Rande der 800 000-Einwohner-Metropole. "40 Kinder hausten in kleinen schmutzigen Hütten. Es fehlte an allem - Nahrung, Wasser und Hygiene." Die Schwestern erbettelten sich zusammen mit einigen Kindern auf dem Markt das Nötigste.

Doch die Niederbayern ließen sich nicht lumpen: "Spenden von Freunden des Klosters Seligenthal ermöglichten den Bau eines Internats, eines Klosters, zusätzlicher Klassenzimmer, eines Kindergartens, eines Schulgebäudes für die Mittel- und Oberstufe, Lehrwerkstätten und den Aufbau eines ärztlichen Gesundheitsdienstes", schildert Forstner die Entwicklung.

"1972 gab es 40 Kinder. Heute bildet die Schule mit ihren Gebäudekomplexen zu beiden Seiten der Avenida de las Américas etwa 3700 Schüler." Kinder armer Eltern - in der indigenen Bevölkerung nicht wenige - sind vom Schulgeld befreit. "Heute ist sie eine der größten Schulen Boliviens", freut sich der Stammgast. "Sie hat erfolgreiche Persönlichkeiten hervorgebracht, wie die Parteivorsitzende der MAS hat ihre Kinder auch hier einschulen lassen." Qualität setzt sich durch. Seit die resoluten Seligenthalerinnen die Geschicke des Schulkonvents leiten, gibt es für junge Europäer die Möglichkeit, Freiwilligenarbeit in La Paz zu leisten. Eine Gelegenheit, die sich Tochter Judith, wie die ganze Familie vom Bolivien-Virus angesteckt, nicht entgehen ließ. Um die Jahrtausendwende assistierte sie den Lehrkräften der "Unidad Educativa Boliviano Alemán Ave María", wie die Schule seit 2014 offiziell heißt. Ihre Schwestern Maria und Ruth, die in Arequipa/Peru als Medizinstudentinnen famulierten, folgten nach.


"Ich war mit meiner Frau Roswitha schon fünfmal dort", erinnert sich Forstner gerne an einige Abenteuer in dem Andenstaat. Ein großer Vorteil: "Meine Frau kann Spanisch, auch die Tochter hat's gelernt - denn Englisch kann kaum jemand." Man müsse sich erst einmal an die Höhe gewöhnen, sagt der Bewohner des Unterbayerischen Hügellandes, "das Kloster liegt auf 3800 Metern Höhe - da braucht man einen Tag Bettruhe und Coca-Tee." Im Yungas-Gebiet verläuft die gefährlichste Straße der Welt: "Es geht steil von 4500 Metern Höhe runter auf 100 Meter ins Amazonas-Gebiet - früher war das eine einspurige Sandpiste mit Ausweichstellen, wo öfter mal Busse und Lastwagen abstürzten." Immerhin, inzwischen ist die Straße asphaltiert.

Verpackter Gockel

Bei der Fahrt durch den südamerikanischen Binnenstaat sehe man zwar, dass dies ein armes Land sei: "Cholitas, wie die traditionell gekleideten Frauen in Bolivien genannt werden, mit weiten Röcken am Straßenrand verkaufen Obst und Gemüse", beschreibt er das Lokalkolorit in den Städten. "Es gibt aber keine typischen Slums."

Als die Forstners bei der Jubiläumsfeier wieder zu Besuch waren, erkundeten sie mit Freunden auch die Sehenswürdigkeiten von Sorata, im 19. Jahrhundert Treffpunkt für Goldsucher, Kautschukbarone und Freiheitskämpfer. "Für die 130 Kilometer ist man drei Stunden von La Paz aus mit dem vollgepfropften Minibus unterwegs." Forstner wunderte sich etwas über kratzende Geräusche von der Gepäckablage: "Abends sahen wir dann mal nach, da war ein verpackter Gockel", sagt er lachend.
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