Ende eines Kindertraums

69 Jahre stand Erna Schiener hinter der Ladentheke. Für Generationen von Kindern haben die Eltern bei ihr Spielsachen gekauft. Doch nun schließt die 85-Jährige ihr Geschäft für immer. Seit einer Woche läuft der Räumungsverkauf, und die Regale sind bereits zu zwei Drittel leer. Bilder: bkr (2)
 
Noch ein letzter Blick in die Auslage: Kaum ein Mädchen und Bub ging an Spiel- und Lederwaren Neumeier vorbei, ohne nicht wenigstens einmal kurz durchs Schaufenster zu schauen.

Die Stadt verliert eine liebenswerte Perle. Etwas versteckt in einer Ecke am unteren Markt ist das Einzelhandelsgeschäft für Spiel- und Lederwaren Neumeier verborgen. Es ist ein Mekka für Mädchen und Jungs. Kinderaugen schauen aber seit dem 28. November traurig durch das Schaufenster und auf die sich dezimierenden Auslagen.

Kemnath. (bkr) Der Räumungsverkauf hat begonnen. Und wenn das letzte Stück verkauft ist, schließt die Tür für immer. Neumeier, das war der Anziehungspunkt für die Kleinen, es war der Begriff für Geschenke und Wünsche. "Es ist schwer aufzuhören", gesteht Besitzerin Erna Schiener. Im August feierte sie ihren 85. Geburtstag, seit ihrem 16. Lebensjahr betreut sie den Laden. 69 Jahre, die ihr Erfüllung gaben. "Ich habe es gerne gemacht", versichert die nette und jung gebliebene Dame.

Druck der Supermärkte

Zuerst waren es Waschpulver und Seife, die sie verkaufte. Später die Spielsachen. Wenn sie jetzt sagt: "Mit einem weinenden Auge mache ich zu. Es tut schon ein wenig weh", dann beruht das Gegenseitigkeit. Erna Schiener denkt an die vielen Kinder und an ihre zahlreichen Kunden. Viele dankten ihr in den zurückliegenden Tagen persönlich, drückten ihr die Hand, sagten Dankeschön. Oft hörte sie die Frage: "Kennen Sie mich nicht mehr? Ich war immer als Kind hier", wenn ihr die Hand geschüttelt wurde. "Das war mein Leben", seufzt sie leise und fügt an: "Aber es geht nicht mehr, es muss sein."Sie spürte in den vergangenen Jahren auch den Druck der Supermärkte am Rande der Stadt, die ihr "sehr zugesetzt" haben, berichtet sie dennoch nicht verbittert. Ihr Geschäft wäre jedoch nicht mehr rentabel gewesen, hätte sie Miete zahlen müssen.

Erna Schiener, geborene Neumeier, stammt aus Nürnberg. Die zerbombte Stadt mussten sie und ihre Mutter nach dem Krieg verlassen. Der Vater, ein Polizeibeamter, blieb in Nürnberg, die Mutter zog zu Verwandten nach Kemnath. Der Lebensweg von Erna führte in ein Riedenburger Internat. "Hier hat es mir keinen Tag gefallen", verrät sie. Daher kehrte sie der Anstalt sehr bald den Rücken. Kemnath wurde zur neuen Heimat. Hier schloss sie mit dem ortsansässigen Schreier Josef Schiener den Bund des Lebens. Sie schenkte ihm zwei Söhne. Seit seinem Tod am zweiten Weihnachtsfeiertag vor fünf Jahren bot ihr das Geschäft den notwendigen Halt. Weihnachtszeit? Schlechte Erinnerungen begleiten sie an ein Ereignis vor zwei Jahren. Aus ihrer Kasse wurden 500 Euro geraubt. Den Dieb erkannte sie auf einem Foto, das ihr die Kemnather Polizei vorlegte. Es war ein Deutscher, der in der Schweiz wohnte. Vorigen Monat kam die Nachricht von der Staatsanwaltschaft, dass sie leer ausgehen wird. 67 Verfahren hafteten dem Täter an.

Erna Schiener hat ihr Lachen nicht verlernt, wenn sie erzählt. Ihren Vater sah sie nur am Wochenende. Ihn holte sie mit dem Fahrrad vom Bahnhof Immenreuth ab. Zu dieser Zeit war die Straße noch nicht geteert, beidseits von Obstbäumen gesäumt und führte durch Oberbruck. Damit es schneller nach Hause ging, wurde immer wieder das Fahrrad getauscht. Im Fahren und Gehen wechselte sie sich mit dem Vater ab. Das Gleiche galt natürlich bei der Rückfahrt von Papa nach Nürnberg.

Erna Schiener ist zwischenzeitlich zweifache "Uri". Heuer zu Weihnachten freut sie sich besonders auf den Besuch ihrer beiden Urenkelkinder.
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