Ende erwartet

April 1945. Kurz nach 10 Uhr jaulten Alarmsirenen abermals über der Stadt. Mit hastig Schutzsuchenden drängte ich mich in den Einstieg eines U-Bahnschachtes in der Lindwurmstraße, der damals in München als Luftschutzkeller diente. Eine unterirdische Straße. Dort konnte man auf- und abgehen, das war weniger beklemmend, als eingepfercht zwischen schlotternden Leibern zu hocken. Kaum waren die Schleusen geschlossen, hörte man schon die Einschläge erster Bomben, die beängstigend näher kamen.

Auf meinem Lauf zwischen Goethe- und Sendlinger-Tor-Platz begegnete mir ein blondes Mädchen mit einem Pferdeschweif. Wir kamen ins Gespräch und schlenderten gemeinsam durch die matt beleuchtete U-Bahn-Röhre. Wir unterhielten uns über unsere Erlebnisse in Luftschutzräumen und ich schilderte ihr mein unglaubliches Glück im Keller in der Goethestraße 18 bei einem überraschenden Mittagsangriff am 4. Oktober 1944.

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"Ein dröhnender Bombeneinschlag. Die Druckwelle warf mich zu Boden. Dunkelheit. Dichter, atemberaubender Staub. Herabstürzende Ziegelmassen begruben meine Beine. Ein neuer Geröllschub - ich erwartete das Ende. Mein kurzes Leben lief wie ein Film in rasender Zeitraffung vor meinem geistigen Auge ab. Dann rührte sich nichts mehr: Ich lebte. Zum Glück trug ich Schaftstiefel. Mit äußerster Kraftanstrengung zog ich meine Beine aus ihnen heraus. Ich kroch zur Kellerwand hinter mir. Es gab einen Wanddurchbruch zum Nachbarhaus, der mir das Leben rettete." Nach der Entwarnung wünschte ich meiner Begleitung ein gesundes Kriegsende und verließ den Schutzraum am Goetheplatz, wo sich frische Ruinen zeigten.

Im letzten Kriegsmonat herrschte nur noch Angst und Ungewissheit in München. 20 Luftangriffe gab es in 17 Tagen vom 9. bis 25. April. War das die Vorbereitung für Kampfhandlungen zur Einnahme der "Hauptstadt der Bewegung"?

Das hätte auch für die Studentenkompanien den Einsatz mit der Waffe bedeutet. Zum Glück kam es anders. Am 23. April erhielten alle neunsemestrigen Studenten, zu denen ich gehörte, eine "Notbestallung als Arzt" vom Innenministerium und die Beförderung zum Unterarzt von der Wehrmacht. Anschließend wurden alle zu einem selbstgewählten Lazarett in Marsch gesetzt. Ich hatte mich für Herrsching entschieden und fuhr am 26. April mit dem Luftwaffen-Dienstrad eines Stabsoffiziers aus dem Luftgau-Kommando dorthin. Wegen Überfüllung mit Ärzten gab es für mich weder Arbeit noch Unterkunft, deshalb quartierte ich mich in einem Seglerheim am Ufer des Ammersees ein. Am Sonntag, 29. April, nachmittags um 17 Uhr rollten amerikanische Panzer in den Ort und machten sich mit Schüssen in die Luft bemerkbar.

Damit begann für mich eine höchst ungewöhnliche Gefangenschaft. Amerikaner bekam ich nicht zu Gesicht. Im Seglerheim wohnte ich weiter und Verpflegung erhielt ich im Lazarett: ein Seeurlaub mit Vollpension auf Staatskosten. Mein Zimmer mit Blick auf den See teilte ich mit einem Stabsapotheker. Der hatte sich eine Kiste zugelegt und sammelte fleißig Medikamente aus einem Depot im Erdgeschoss des Hauses als Einstand für eine eigene Apotheke. Ich bevorzugte Instrumente, Spritzen, Morphium, Pervitin und Süßstoff-Tabletten. Letztere erwiesen sich später als begehrte Schwarzmarkt-Tauschobjekte.

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Sommer am See

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In diesem Jahr meinte es die Mai-Sonne besonders gut. Ich fühlte mich befreit von allen Zwängen und Gefahren und von der Angst ums Überleben. So genoss ich die friedliche Frühlingsstimmung bei sommerlichen Temperaturen am See. Eines Tages schaute ich aus dem Fenster und traute meinen Augen kaum: Auf der Strandwiese warf ein blondes Mädchen mit einem Pferdeschweif ihr Kleid ab und stellte ihre bezaubernde Figur im Badeanzug zur Schau. Kein Zweifel: Es war das Mädchen aus dem Luftschutzkeller! Wir begrüßten uns freudig. Sie hatte die letzten Kriegstage in ihrem Familien-Sommerhaus in Herrsching überstanden.

In den nächsten Wochen sahen wir uns täglich. Kristin holte ihr Kanu aus dem Bootsschuppen und wir paddelten über den stillen See. Kein anderes Boot weit und breit, wir waren allein auf dem weiten Wasser. Ein Bootssteg lud zum Bleiben. Vor der Hütte legten wir uns auf die sonnendurchwärmten Holzplanken und wünschten, die Zeit bliebe stehen.

Am 24. Mai boten die Amerikaner eine Fahrt vom Lazarett in ein "Durchgangslager" zur angeblichen Entlassung an, von der ich fernblieb. Später erfuhr ich, dass alle Teilnehmer noch im September hinter Stacheldraht saßen. Dagegen kam am 22. Juni ein Offizier der Besatzungsbehörde ins Lazarett, der eine direkte Entlassungsaktion durchführte. Das war die Gelegenheit, dem gefürchteten Gefangenenlager unter freiem Himmel zu entgehen. Mit anderem Sanitätspersonal entließ er mich gegen Angabe einer selbstgewählten Diagnose "aus Krankheitsgründen". Am folgenden sonnigen Sonntagnachmittag stand ich mit meinem medizinischen Gepäck am Straßenrand und winkte einem vorbeifahrenden Cabriolet. Der Fahrer hielt und nahm mich mit in die Freiheit zurück nach München.
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