Ende September verwandelt sich der Urlaubsort in eine Geisterstadt - doch die Saison soll ...
Bibione im Winterschlaf

Der Leuchtturm ist das Wahrzeichen von Bibione. Das Gebäude aus dem frühen 20. Jahrhundert steht inzwischen zwar leer, wacht aber immer noch über die Seefahrer. Bilder: Staffe
 
Lange Schatten, leere Liegestühle: Die Saison in Bibione ist längst vorbei. Und auch die Hotels, Lokale und Geschäfte haben dichtgemacht. Jetzt hätten die Touristen am Strand viel Platz.
 
Abend für Abend ein prächtiges Schauspiel: Die Urlauber verfolgen fasziniert den Sonnenuntergang in der Lagune. In der Dämmerung glänzt das Abendrot.

Bevor sich Bibione in die Winterruhe verabschiedet, herrscht am Strand noch einmal Hochbetrieb. Dank des herrlichen Spätsommerwetters dauert die Saison heuer länger als üblich. Vor allem die Hotels sind voll.

Noch Mitte September glich Bibione Spiaggia einem Hexenkessel. Tausende Sonnenhungrige räkelten sich auf den Liegen unter bunten Sonnenschirmen. Lebensfreude pur am bis zu 400 Meter breiten Strand und im klaren Wasser sowie an den Strandbars. Der Eiswagen mühte sich vorbei an den Massen, der Kokosnussmann bot seine "Coco vero" an und die afrikanischen Händler ihre Handtücher und Sonnenbrillen. "Alles orginal Gucci für nur fünf Euro." Attraktion nicht nur bei den Kindern war der Drachenverkäufer, der zehn stark ziehende Fluggeräte auf einmal an einer langen Schnur in den Himmel aufsteigen ließ und sich damit durch den aufgeheizten, goldgelben Sand quälte.

Fast sechs Millionen Übernachtungen kommen nicht von ungefähr. Dieser ganze Rummel ist aber nicht jedermanns Sache und muss es auch nicht sein. Nur wenige Kilometer weiter westlich, in Pineda, keine Spur mehr von Massentourismus. Am hintersten und somit westlichsten Teil des acht Kilometer langen Strandes trifft dieser auf die Lagune: Das Salzwasser des Meeres vermischt sich mit dem Süßwasser, der dichte Pinienwald fällt behutsam zum Meer ab. In der Lagune mit dem romantischen Hafen Baselenghe plätschern leise die Wellen, immer wieder schnalzt ein Fisch auf.

Seltene Pflanzen und Tiere

Bibione Pineda ist eine Oase der Ruhe, ein Naturparadies. Hier triumphiert der Ökotourismus. Viele seltene Pflanzen und Tiere wie mediterrane Gebüschformationen, Schildkröten, Hirsche, Kormorane fühlen sich wohl. Kein Wunder, dass es hier schon Ernest Hemingway gefallen hat. Von der Lagune inspiriert, schrieb der amerikanische Nobelpreisträger den Roman "Abseits des Flusses und zwischen den Bäumen", der 1950 in Amerika und 1965 in Italien veröffentlicht wurde. Ein Erlebnis ist der Sonnenuntergang.

Im Sommer 2014 ließ Bibione mit dem ersten rauchfreien Strand Italiens aufhorchen. Nach einem dreijährigen Testlauf darf zwischen Wasser und der ersten Reihe der Strandliegen nicht mehr gequalmt werden. Bürgermeister Pasqualino Codognotto steht hinter dem Projekt "Atme das Meer" ("Respira il mare"). Gerade in dieser Strandlinie spielen die Kinder. Giftige Zigarettenkippen können sie hier nicht mehr aus dem Sand buddeln, und niemand verpestet mehr die Luft.

Wer rauchen will, muss sich unter seinen Sonnenschirm zurückziehen. Allerdings sollte er beachten, dass die Luftverschmutzung unter bestimmten Umständen stärker sein kann als an verkehrsreichen Straßen. Obwohl nicht kontrolliert wird und es keine Strafen gibt, hält sich so gut wie jeder an das Verbot.

Noch verwandelt sich Bibione alljährlich Ende September, wenn die letzten Urlauber nach Hause gefahren sind, in eine Geisterstadt. Hotels, Ferienwohnungen und Campingplätze sind leer, die 3000 Einwohner schnaufen durch. Für sie ist es schon eine Herausforderung, im Sommer Tag für Tag bis zu 100 000 Gäste zu versorgen. Erst im Mai wird das Leben zurückkehren.

Doch das soll sich ändern. Die Verantwortlichen tun alles, um die Saison zu verlängern. Ganz wichtig im Konzept ist das neue Thermalbad, das einzige in Italien direkt am Meer. Es ist das ganze Jahr über geöffnet. Das 52 Grad heiße Wasser aus einer Tiefe von 500 Metern kommt aus der Lagune. Außer den traditionellen Behandlungen, wie Inhalationen und Hals-Nasen-Ohren-Therapien, Fango- und Balneotherapie, werden auch diagnostische Leistungen sowie physiotherapeutische und rehabilitative Behandlungen geboten.

Neues "Sport Village"

Außerdem setzt Bibione, das zur Stadt San Michele al Tagliamento gehört, auf das neue "Sport Village". Die 6000 Quadratmeter große Anlage beherbergt direkt am Strand, gleich neben dem Piazzale Zenit, eine offene Tribüne mit 420 Sitzplätzen, ein zentrales und sechs seitlich angelegte Sportfelder sowie einen Krafttrainingsbereich. Volleyball, Rugby, Soccer, Tennis, Footvolley, Bodybuilding, Pilates, Striding, Acquagym, Zumba, Spinning und Gymnastik sind im Angebot.

Die über 50 Kilometer, auch für Kinder absolut sicheren Radwege sind eine tolle Möglichkeit, Bibione und sein Umland zu erkunden. Große Hoffnungen setzt Bürgermeister Codognotto auf das Fahrrad. Weil das Auto allmählich aus dem Stadtzentrum verschwinden soll, wurde ein attraktives, 35 Kilometer langes Radwegenetz aufgebaut. Allein 20 Kilometer verlaufen parallel zu den Straßen des Badeortes.

Ganz neu ist der breite Radstreifen an der aufgehübschten Promenade entlang des acht Kilometer langen Strandes. Man kann aber den gesamten Küstenstreifen, die charakteristischen Dünen, den Pinienwald, den Leuchtturm am östlichen Strandende, den Damm des Flusses Tagliamento, die Fischzuchtgebiete und den angrenzenden Landstrich, der durch weitläufige Grünflächen, Wein- und Obstgärten geprägt ist, auf zwei Rädern erkunden.

Kolumbus der Lagune

Im letzten Winkel von Pineda liegt Porto Baselenghe. Der in viele weitverzweigte Kanäle eingebettete Hafen bietet 400 Segel- und Motorbooten Platz. Von hier aus startet der originelle "Captain Igloo" mit seinem kleinen Motorboot Ausflüge in die Lagune. Der bärtige Seemann, der an einen Klischee-Piraten erinnert, zeigt seinen Gästen eine neue Seite von Bibione.

Entlang der uralten, im Schilf versteckten Fischerhütten, den Casoni, staunt man über auf kleinen Inseln errichteten Ferienhäuser mit Strohdächern, die man von der Nordsee her kennt und an der Adria nicht vermuten würde. Einige Touristen räkeln sich in Badewannen im Freien, die mit 35 Grad warmem Thermalwasser der Lagune gespeist werden.

Die Kanäle sind buchstäblich Wasserstraßen. Öffnet sich links oder rechts ein neuer Weg, der noch tiefer in die Lagune zwischen Bibione und Caorle führt, ragt plötzlich aus dem Wasser ein Schild zum Beispiel mit der Aufschrift "Venedig" heraus. Nur die Kilometerangabe fehlt. "Captain Igloo" hat nach eigenen Angaben die Wasserstraßen vor zehn Jahren touristisch entdeckt und bezeichnet sich selbst als "Kolumbus der Lagune".

Ziel vieler Pilger ist die Madonnina dell' Isola, eine eingezäunte Mini-Insel. Dort erinnert eine Marienstatue an einen Großbrand, der viele der aus Sumpfgras und Holz bestehenden Fischerhütten eingeäschert hat. Papst Benedikt XVI. ließ die Freiluftkapelle vor fünf Jahren von Kardinal Giuseppe Calcagno weihen.

In der Lagune hat sich der amerikanische Schriftsteller Ernest Hemingway Mitte des 20. Jahrhunderts gerne zur Entenjagd aufgehalten. Seine Eindrücke fanden Eingang in seinen Roman "Über den Fluß und die Wälder" - eine großartige Huldigung der Lagunen-Landschaft Venetiens. Das Haus, in dem der Nobelpreisträger gelebt hat, ist heute ein Museum.
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