Endlich den Mund halten

Pfarrer Josef Losch war ein friedfertiger Mensch. Doch er verfügte über eine Waffe, die sogar dem braunen Terror-Regime Angst einjagte: Das Wort. Seine Reden, Predigten und Briefe brachten Hitlers Schergen zur Weißglut, in allen Oberpfälzer Dörfern, in denen er als Geistlicher wirkte.

Der alte Pfarrer Losch - er ist den betagteren Bewohnern von Rottendorf (Kreis Schwandorf) noch in Erinnerung. Wenn sie vom "alten Pfarrer" sprechen, dann bestimmt nicht wegen der 45 Jahre, die er alt geworden ist, sondern im Sinne eines "guten alten Freundes", dem sie sich noch immer verbunden fühlen. Er war einer der ihren und er wurde geköpft von den Nazis, weil er damals nicht geschwiegen hat. Am Donnerstag, 29. Januar, jährt sich sein Todestag zum 70. Mal.

In Neusorg (Kreis Tirschenreuth) warnte er vor der Ideologie der NSDAP, noch bevor diese über die uneingeschränkte Macht verfügte. Von der Kanzel rief er zu Beginn des Jahres 1933 herab: "Die Roten, damit meine ich die Sozi, sind mir lieber als die Braunen. Gott möge uns vor den Nazis bewahren! Wenn die an die Macht kommen, werden wir dasselbe erleben, als kämen die Kommunisten ans Ruder. Nazismus ist Kommunismus in Reinkultur, nur mit einem braunen Mantel umgeben."

Die Nazis setzten den jungen Pfarrer auf die Abschussliste. In Neusorg sah sich Losch alsbald heftigen Denunziationen konfrontiert. Das Ordinariat versetzte ihn daraufhin zum 1. November 1933 nach Etzgersrieth bei Moosbach (Kreis Neustadt/WN). Doch auch hier hagelte es gegen den Seelsorger Anzeigen. "Es erfolgten wiederholt Verwarnungen und Geldstrafen", berichtet Helmut Moll in seinem Buch "Zeugen für Christus".

Losch musste die Pfarrstelle erneut wechseln. Zum 1. April 1938 trat er den Dienst in Miesbrunn bei Pleystein an. Kaum im Amt, holten die Nazis zum Schlag aus. Selbst vage Anspielungen bargen für sie Sprengkraft. Im April 1939 bezeichnete der Pfarrer in einer Predigt diejenigen als "religiöse Falschmünzer", die behaupteten, es gäbe neben Gott eine andere höhere Macht oder so etwas wie eine Vorsehung. Genau diesen Begriff hatte Hitler wenige Tage zuvor in einer Rundfunkrede gebraucht. Weil Losch diesen Zusammenhang herstellte, musste er sich vor einem Sondergericht in Nürnberg rechtfertigen.

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Die Denunziationen hörten nicht auf. Im Sommer 1941 musste er für drei Wochen ins Gefängnis, weil er drei Soldaten beleidigt haben soll. In Wirklichkeit war es wohl eher umgekehrt. Die Wehrmachtsangehörigen hatten nachts vor dem Pfarrhaus randaliert. Losch verlor seine Zulassung als Religionslehrer und um ihn mürbe zu machen, musste auf Druck der Nazis sogar der Organist den Dienst quittieren.

Das Fass zum Überlaufen brachte für die braunen Hetzer eine Grabrede im Januar 1944. Der Pfarrer sagte beim Trauergottesdienst für einen gefallen Soldaten, es hätten in diesem Krieg schon so viele Gute ihr Leben gelassen, nun sollten endlich die Maul-Aufreißer ihren Mund halten. Als ihn dann auch noch ein Ortsbewohner anzeigte, weil er für dessen gefallenen Sohn angeblich die Sterbeglocke nicht geläutet habe, schritt die Gestapo zur Hausdurchsuchung.

Diese Aktion sollte das Ende des Widersachers einläuten. Im Pfarrhof fiel den Ermittlern ein Ordner mit Briefen in die Hände. Der Inhalt (siehe Infokasten) lieferte der NS-Justiz später die Begründung für das Todesurteil. Die Beamten führten Losch ab, an der Miesbrunner Kirche, so heißt es, habe er sich zum Abschied bekreuzigt und gesagt: "In Gottes Namen."

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"Für immer ehrlos"

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Die ersten Monate war Losch im Gefängnis in Regensburg eingesperrt. Im Sommer 1944 wurde er nach Berlin verlegt, damit ihm der Volksgerichtshof wegen Wehrkraftzersetzung und Feindbegünstigung den Prozess machen konnte. Am 24. November 1944 traten die braunen Richter zusammen, um den Landpfarrer aus der Oberpfalz abzuurteilen.

Den Vorsitz hatte Martin Stier, der bereits eineinhalb Jahre vorher als Beisitzer am Verdikt gegen die Mitglieder der Widerstandsgruppe Weiße Rose mitgewirkt hatte. Er fällte das Todesurteil und begründete es mit dem den Nazis eigenen Zynismus. Losch musste die Kosten des Verfahrens tragen, und Stier versäumte es nicht, darauf hinzuweisen, dass sich der Verurteilte "für immer ehrlos gemacht" habe. Der Hochmut rächte sich binnen kurzer Zeit. Richter Stier starb noch im Februar 1945 bei Löscharbeiten nach einem Fliegerangriff. Sein "für immer ehrlos" dauerte gerade mal bis Anfang Mai.

Am 29. Januar 1945 gegen 13.30 Uhr schritt der Henker zur Tat. Pfarrer Losch musste seinen Kopf auf das Schafott legen, das Fallbeil schlug nieder. Den Leichnam ließen die Nazis verbrennen. In seiner Heimat Rottendorf wurde ein Trauergottesdienst für den Hingerichteten untersagt. Die Urne befindet sich heute im Ehrenhain der Gedenkstätte für die Opfer des NS-Regimes in Brandenburg an der Havel. "Meine allerletzten Grüße auf dieser armen, armen Erde Euch Allen, Allen. Ich gehe zu Gott und den Heiligen. Vergeßt mich im Gebete nicht", sollen die letzten Worte gewesen sein, die Pfarrer Losch auf einen Fetzen Papier kritzelte.

Zeitzeugen, die Josef Losch persönlich kannten, gibt es nicht mehr viele. Im elterlichen Anwesen wohnt sein Neffe Ludwig Losch (81). "Ich kann mich schon noch an ihn erinnern", sagt er. Für ihn als Bub sei es jedes mal ein großes Fest gewesen, wenn der Onkel zu Besuch kam. "Die Anzeigen, die Verhaftung und auch der Prozess waren natürlich damals Thema in unserer Familie", erzählt er. Heute noch habe er das Bild seines verzweifelten Vaters vor Augen. Dieser hatte seinen Bruder in der Regensburger Haftanstalt besucht. "Sie hatten Angst, dass sie abgehört werden", berichtet Ludwig Losch. Dann habe der Inhaftierte nur gesagt: "Sag nichts. Du hast kleine Kinder. Geh heim zu deiner Familie."

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Gottesdienst am 29. Januar

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Viele Jahre fand das Verbrechen an dem aufrichtigen Pfarrer kaum Beachtung. 1985 ließ die Pfarrgemeinde Rottendorf eine Gedenktafel an der Außenmauer der Pfarrkirche St. Andreas anbringen. Ähnliche Tafeln gibt es in Etzgersrieth und Miesbrunn. Die Gemeinde Neusorg benannte den Platz vor der Kirche nach Pfarrer Losch. Erst vor fünf Jahren verlieh im die Stadt Pleystein posthum die Ehrenbürgerwürde. In der Nähe von Etsdorf, das früher zur Pfarrei Rottendorf gehörte, ist Pfarrer Losch seit 2013 ein Wegkreuz gewidmet. Die Pfarrgemeinde seines Geburtsortes feiert am Donnerstag, 29. Januar, um 18 Uhr einen Gedenkgottesdienst.
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