Erinnerungen an den Angriff auf Achtel und die Zeit danach

Georg Taubmann, später Bürgermeister der Gemeinde Hirschbach, erlebte als Zehnjähriger die Zerstörung seines Elternhauses und Heimatdorfs. "Bei mir waren Großvater, Großmutter, Mutter und mein fünfjähriger Bruder Karl. Vater kam erst später vom Militär heim", erzählt er.

"Wir hatten uns während des Kampfes mit vielen anderen in Grellners Bierkeller verkrochen und wagten uns nicht heraus. Alle hatten Angst vor den bösen Amis. Es waren ja so viel Schauergeschichten unterwegs. Irgendwann rumpelte es an der hölzernen Kellertür. Mäuschenstille. Dann wurde sie langsam von außen aufgemacht. Zwei Gewehrläufe tauchten auf, hinter ihnen zwei Amerikaner. 'Nix Soldat?' fragten sie in den Raum hinein. 'Nix Soldat', antworteten ein paar von uns, gerade so hörbar.

So nach und nach trauten wir uns alle nach draußen. Wir sahen nur auf unser Dorf und auf das, was noch davon übrig war. Die Soldaten boten uns Kindern Bonbons an. 'Nicht essen', drang an unsere Ohren, 'die sind vergiftet.' Ich muss gestehen, ich hab schon einige gelutscht.

Unsere Leute vom Keller wollten, als sie sich ein wenig gefangen hatten, natürlich nach Hause, um zu sehen, wie dort alles ausschaut und ob man nicht etwas retten könnte. Die immer noch große Hitze ließ sie gar nicht zu ihrer Habe kommen. Die, die es um jeden Preis versuchten, kamen mit verbrannten Haaren und Gliedmaßen zurück.

Nun begann die Suche nach Familienangehörigen, die irgendwie, irgendwo und aus irgendeinem Grund auseinandergerissen wurden. Die Nacht kam, und irgendetwas muss man ja auch essen. Die Leute leisteten sich gegenseitig Hilfe, wo es nur ging. Die Menschen aus den umliegenden Dörfern brachten ihrerseits das Nötigste.

Trotz aller Hilfen und Unterstützung waren es für die Betroffenen harte Jahre, vom Schutt wegräumen bis zum provisorischen Einzug. Am härtesten traf es zweifellos die Frauen. Die mussten überall ran. Viele wurden krank oder gar arbeitsunfähig. Meine Mutter bekam über die Jahre hinweg des öfteren Lungenentzündung. Meinen Vater überfiel dreimal eine Lungenembolie. Er überlebte sie und wurde 90 Jahre alt.

Für mich als Buben war der Tod meines gleichaltrigen Freundes Hans Herbst das Schlimmste, was ich in dieser Zeit zu verarbeiten hatte. Erst ein gutes Jahr nach den schlimmen Geschehnissen in Achtel wurde er in seinem Bett von einem immer noch frei stehenden Hausgiebel erschlagen. Ein Gewittersturm hatte ihn zum Einsturz gebracht. Viele Helfer gruben und schaufelten nach Hans. Die, die dabei waren und auf ein gutes Ende hofften, sahen nur, wie der Vater einen toten Sohn aus seinem Haus trug." (be)
Weitere Beiträge zu den Themen: April 2015 (8563)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.