Ernst Grube schildert auf Einladung des Pfreimder Bündnisses gegen Rechts das Leben seiner ...
Ein Zeitzeuge des Holocausts rüttelt auf

Ernst Grube schilderte seine Kindheit im Dritten Reich und hinterließ aufrüttelnde Bilder. Bild: ohr
Pfreimd. (ohr) Ausgegrenztsein, Verachtung durch das Stigma des Judensterns, Verbot der Teilhabe am gesellschaftlichen Leben, Perspektivlosigkeit und stete Präsenz der Angst: Das zog sich wie ein roter Faden durch das Leben der Familie Grube nach der Machtübernahme 1933 durch das Naziregime bis Kriegsende 1945. In einer zweistündigen Abendveranstaltung erzählte der 83-jährige Sohn Ernst im Mehrzweckraum der Mittelschule aus seiner Kindheit und hinterließ bei den Zuhörern aufrüttelnde Bilder.

Bei der Schilderung seiner Erlebnisse am Vormittag vor Schülern "hätte man eine Stecknadel fallen hören können", berichtete Konrektorin Angelika Ibler zur Hinführung. Das Pfreimder Bündnis gegen Rechts initiierte das Gespräch mit dem Zeitzeugen, berichtete Bürgermeister Richard Tischler im Beisein seines Amtsvorgängers Arnold Kimmerl und freute sich über das große Interesse seitens der Bevölkerung.

Völlige Ausgrenzung

"Ich werde einfach aus meiner Kindheit erzählen", leitete Ernst Grube seine lebendige Darbietung ein. Die Mutter war Jüdin und gelernte Krankenschwester aus Darmstadt, der Vater Nicht-Jude und Handwerksmeister aus Ostpreußen. Die Familie mit den drei Kindern Werner (1930 geboren), Ernst (1932) und Ruth (1938) besaß in München in unmittelbarer Nähe zur Synagoge ein eigenes Haus. "Die Deutschen waren die bessere Rasse - die Juden, die Zigeuner und andere Gruppen die schlechtere," so seine Erinnerung. Diese Ideologie habe sich im Laufe der Jahre verfestigt und führte zur völligen Ausgrenzung.

Im Juni 1938 brannte die Synagoge nieder. Die Familie musste das enteignete Haus verlassen. Die Stadt sperrte Wasser, Strom und Gas ab. Für die Eltern bestand keine Perspektive und sie waren bei der Kultusgemeinde untergebracht. Die drei Geschwister hatten mit 43 weiteren jüdischen Kindern eine Unterkunft in einem Heim in Schwabing. "Eine andere Zeit beginnt für mich", merkte der Zeitzeuge an. Die Familie war zwar sicher, verspürte aber auf der Straße Ablehnung, Verachtung und Demütigung. Der Holocaust war noch nicht erkennbar, aber das "Leben der jüdischen Bürger wurde kaputt gemacht". Die Juden hatten kein Recht mehr auf Arbeit und Wohnen. Die Zerstörung beruflicher und materieller Existenz begann. Hilfe gab es von keiner Seite - auch nicht von den Kirchen.

Im November 1941 endete der Aufenthalt im Heim - die Hälfte der Kinder war bereits nach Litauen verschickt und umgebracht worden - das Leben in Baracken begann für die Mutter mit den drei Kindern. Nach der Auflösung der Lager in München 1943 bezog die Familie eine Zweizimmerwohnung. Der Vater ging als Malermeister seinem Beruf nach und hatte Vorteile als Nicht-Jude. Die Mutter war zur Zwangsarbeit eingesetzt. "Wir mussten einen Weg finden, um über die Runden zu kommen", lautete die Devise. In dieser Zeit traf der Vater eine wichtige Entscheidung: er ließ sich nicht scheiden.

Dann kam die Gestapo

Im Februar 1945 holte die Gestapo die Mutter ab. Ihre Kinder kamen getrennt nach Theresienstadt - eine Garnisonsstadt in der Nähe von Prag. Diese militärische Einrichtung war für fünf- bis sechstausend Soldaten ausgelegt. Sie diente nun rund 40 000 Juden verschiedener Herkunftsländer als Sammel- und Durchgangsstätte zu einem Vernichtungslager, wurde aber für Besucher aus dem Ausland als Vorzeigeprojekt deklariert.

Ernst Grube war mit weiteren 20 Insassen in einem 20 Quadratmeter großen Raum zusammengepfercht. Ungewissheit begleitete die Menschen. Mit Bekannten über die Angst und die Zukunft sprechen, war für ihn sehr wichtig. In der Zeit der Zusammenstellung eines Abtransports herrschte Beklemmung. Die bange Frage "Bin ich dabei?" stand im Raum. Am 8. Mai 1945 befreite die Rote Armee das Ghetto.
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