Erster Fall nach zwei Jahrzehnten
Im Blickpunkt

Amberg/Schwandorf. (hwo) Wenn sich ein Schöffengericht zur Aburteilung für nicht zuständig erklärt, dann ist das eine äußerst selten vorkommende Entscheidung. Dafür muss es Gründe geben, die tief in den Bereich des Kapitalverbrechens reichen. Erst dann kann der Fall zum Landgericht verwiesen werden. Das Amberger Schöffengericht verhandelte zwei Tage lang (wir berichteten). Es vernahm zahlreiche Zeugen, hörte auch eine medizinische Sachverständige. Bei diesen Befragungen formten sich Bedenken. Denn es wurde zunehmend deutlicher: Da saß ein Mann aus dem Kreis Schwandorf, der dem Anschein nach seine 60-jährige Mutter umbringen wollte, als er im gemeinsam bewohnten Anwesen Feuer legte.

"Wir werten dieses Vorgehen als versuchten Mord und sind deshalb für ein Urteil nicht die zuständige Instanz", sagte Richter Markus Sand, als er den Prozess ergebnislos abbrach und das Verfahren an das Schwurgericht beim Landgericht Amberg weiterleitete. Dort waren die Akten heuer bereits einmal geprüft worden. Ergebnis: Das Schwurgericht hielt sich allerdings für nicht zuständig und übergab die gesammelten Unterlagen ans Schöffengericht. Nun ist die Strafkammer unter Vorsitz der LG-Vizepräsidentin Roswitha Stöber erneut gefordert.

Einen vergleichbaren Fall hatte es letztmals vor rund zwei Jahrzehnten gegeben. Er spielte sich ebenfalls im Kreis Schwandorf ab. Damals hatte das Schöffengericht die Umstände zum Ableben eines Drogenabhängigen aus dem Städtedreieck zu klären. Der junge Mann war in einer Wohnung plötzlich kollabiert. Von seinen Freunden wurde er danach unter eine Dusche gelegt. Dann kümmerten sie sich nicht mehr um ihn. Stunden später wurde der Rauschgiftsüchtige tot von seinen Kumpels aufgefunden. Der damalige Schöffengerichtsvorsitzende Walter Leupold, heute Präsident des Landgerichts Weiden, erkannte in der Vorgehensweise ein Verbrechen des "Mordes durch Unterlassen." Deswegen wurde der Fall ans Schwurgericht in Amberg verwiesen. Dort verneinten die Richter den Mord-Tatbestand. Sie urteilten wegen unterlassener Hilfeleistung.
Weitere Beiträge zu den Themen: August 2015 (7425)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.