Es läuft und läuft und läuft

Im Steinwald auf dem Dachboden hat Rainer Schulze das historische blaue Rabeneick-Rad entdeckt. Dem Velo-Liebhaber ist die Funktionsfähigkeit und Gebrauchspatina der Oldtimer wichtiger als polierter Hochglanz. Fünf Personen wohnen in seinem Haus, deshalb hat er im Schuppen auch fünf alte Zweiräder stehen. Bild: Götz

Bei der Panoramatour sorgen einige Teilnehmer auf ihren historischen Velos für Aufsehen. Einer davon bekennt, eigentlich gar nicht so gern aufs Radl zu steigen.

"Wenn du das Rad umdrehst, es auf Sattel und Lenker stellst und einmal am Pedal drehst, das fasziniert mich." Rainer Schulze schwelgt neben dem historischen Gefährt der Marke Witteler. "Ich zünde mir dann eine Zigarette an und wenn es immer noch läuft, wenn die Zigarette fertig ist, dann macht mir das Freude." Schulze ist fasziniert von der alten, einfachen und immer noch funktionellen Technik gemäß der Formel "Masse in Bewegung bringen - und los - ergibt Entschleunigung". Technik und Funktion sind ihm wichtiger, als zu fahren.

Fünf dieser Oldtimer hat der Kaminkehrermeister bei sich stehen. "Ich bin kein großer Sammler, aber wir sind fünf Leute hier im Haus", lautet seine Begründung dafür. Doch die drei Kinder sind lieber mit modernen Bikes unterwegs. Angefangen hat die Leidenschaft mit einem geschenkten Rad, das Ehefrau Birgit mit nach Hause gebracht hatte. Schulze brachte das Gefährt der Marke Dürkopp wieder auf Vordermann.

Der mittlerweile bequeme Ledersattel für Birgit stammt von einem alten Premier-Rad, das jahrelang vergessen im Freien neben einer Scheune dahinsiechte. Der Sitz war spröde, das Leder brüchig. "Den habe ich in Fett eingelegt." Jetzt ist er wieder weich und geschmeidig. "Fährt sich gut", sagt sie .

Voller Leidenschaft

"Ich kann doch meine Frau nicht allein mit so etwas herumfahren lassen", dachte sich der Ehemann und sah sich auch nach einem Rad für sich selbst um. So kam die Leidenschaft ins Rollen. "Wenn ich etwas anfange, bin ich wie ein Tier."

Ein blaues Velo von Rabeneick fand der Kaminkehrer bei einem Kunden in Fuchsmühl auf dem Dachboden. Im Schafferhof nutzte ein Brautpaar das Schmuckstück sogar fürs Hochzeitsfoto. Schulze kann sich gut vorstellen, seine Schätze im Winter als Dekoration für Schaufenster zu verleihen. "Als Hingucker für ein Geschäft wären sie gut aufgehoben, statt bei mir müßig zu stehen."

Bei der Panoramatour bildet der Wurzer mit Schafferhof-Wirt Reinhard Fütterer, dem Ilsenbacher Karl-Heinz Thoma sowie den beiden Flossern Carsten Beierl und Christian Bogner die Oldtimer-Fraktion. "Es ist schon toll, den Hessenreuther Berg hinunter zu brausen", bekennt der Technik-Bastler.

Wissen und Gefühl

Wertvolle Tipps findet er im Internet, in Büchern und beim Gespräch mit Experten aus der Fachwerkstatt. So erfuhr Schulze, dass er beim Einbau eines uralten Vorderrades mit Fingerspitzengefühl genau die Position wiederfinden musste, in der es jahrzehntelang gerollt war. Wichtig ist ihm, dass alles funktioniert und zusammenpasst. "Stolz bin, wenn das historischen Schloss noch einen Schlüssel hat und schließt."

"Jetzt mal wieder ein Bonanza-Rad oder ein Rennrad aus der Zeit von Don Camillo zu haben, wäre geil", träumt der 42-Jährige. Weniger wichtig ist ihm die Marke wie die bei Sammlern begehrten Räder von Miele, NSU oder Opel.
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