Fakt oder weit überzogen?

Die Aussagen des Pestel-Instituts zum prognostizierten Wohnungsbedarf kann das Landratsamt nicht teilen. Archivbild: Götz

Im Landkreis Schwandorf werden rund 690 Wohnungen für die Flüchtlinge zusätzlich gebraucht - sagt das Pestel-Institut. Eine aktuelle Analyse, die für Hans Prechtl, Pressesprecher des Landkreises, "weit überzogen" klingt.

Schwandorf. (cv) Nach Berechnungen der vom Institut beauftragten Wissenschaftler steigt der Gesamt-Wohnungsbedarf für den Landkreis Schwandorf in 2015 auf rund 1030 Wohnungen. Im Schnitt seien in den vergangenen Jahren im Landkreis lediglich rund 340 Wohnungen pro Jahr fertiggestellt worden. Deshalb warnt Pestel-Institutsleiter Matthias Günther mit Blick auf einen wohl bleibenden starken Flüchtlingszuzug vor einem "Weiter so".

Zwei "Mangelerscheinungen" diagnostizieren die Wissenschaftler: "Es fehlen bezahlbare Wohnungen. Vor allem aber Sozialwohnungen. Also vier Wände für die Menschen, die sich teure Wohnungen in der Regel nicht leisten können." Gemeinsam sprechen sich die Vertreter der Baubranche für eine Offensive bei der Sanierung leerstehender Wohnungen und für eine Ankurbelung des Wohnungsneubaus aus. Ebenso für einen Neustart des sozialen Wohnungsbaus. Erreicht werden kann dies, so das Pestel-Institut, durch zinslose Darlehen und Investitionszulagen für genossenschaftliche und kommunale Wohnungsunternehmen. Um private Investoren zu gewinnen, schlagen die Wissenschaftler steuerliche Anreize vor.

Krise vorbeugen

Die vom Bund jetzt bereitgestellten 500 Millionen Euro, die die Länder bis 2020 jährlich für den sozialen Wohnungsbau bekommen sollen, sieht das Pestel-Institut kritisch. "Der Landkreis Schwandorf wird davon nicht wirklich spürbar profitieren", meint Günther. An die Adresse der heimischen Bundestagsabgeordneten gerichtet, fügt der Wissenschaftler hinzu: "Es muss dringend etwas passieren. Andernfalls droht eine Wohnungskrise, die das Potenzial hat, an vielen Orten zu erheblichen sozialen Spannungen zu führen." Das Pestel-Institut geht bei seiner Wohn-Prognose von 1740 Flüchtlingen aus. "Um die für Asylbewerber zusätzlich benötigten Wohnungen zu ermitteln, gilt die Formel: 100 Flüchtlinge, die in den Landkreis kommen, benötigen im Schnitt 40 Wohnungen", erläutert Matthias Günther.

Herbert Allert, Sekretär der IG BAU im Landkreis Schwandorf, hält die Zahlen für realistisch. Sein Anliegen: Nicht von einem Bedarf an Sozialwohnungen explizit für Flüchtlinge sprechen. Insgesamt fehlen für Bürger mit niedrigem Einkommen seit zehn Jahren im Schnitt 50 bis 100 Sozialwohnungen, so Allert.

Wissenschaftlich fundiert?

"Dass wir in diesem Jahr 690 Wohnungen für Flüchtlinge brauchen, kann ich nicht bestätigen", meint hingegen Hans Prechtl, Sprecher des Landratsamtes. Für ihn ist "die wissenschaftliche Methode dieser Erhebung nicht erkennbar". Es seien offenbar angenommene Gesamtgrößen lediglich einwohnermäßig auf die einzelnen Landkreise heruntergebrochen worden, ohne die Besonderheiten vor Ort zu sehen. Der Landkreis habe derzeit 120 Wohnungen für Flüchtlinge angemietet, von denen im Moment noch ein paar leer stehen. "Und auch wenn in unseren Unterkünften rund 70 sogenannte Fehlbeleger - das sind Menschen, deren Asylantrag anerkannt ist und die sich deshalb selbst eine Wohnung suchen müssten - wohnen, lässt sich daraus nicht dieser hohe Bedarf an Wohnungen ableiten."

Prechtl vermag "nicht zu erkennen", dass die Bautätigkeit im Landkreis zu gering oder am Bedarf vorbei sei. "Ein Wohnraum-Mangel wird sich nicht einstellen, zumal unsere Bauabteilung jedes Jahr mehrere Hundert Wohnungen neu genehmigt. In nahezu allen 33 Gemeinden des Landkreises steht Bauland zur Verfügung. Zuzugeben, der Bedarf ändere sich, räumt Prechtl mit Blick auf Single-Haushalte und Barrierefreiheit ein. "Doch der Markt reagiert bereits. Und auch die Baupreise sind bei uns noch ganz andere als etwa im Großraum Regensburg".
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