Faszination Klettern: Unterwegs in den Dolomiten, dem prächtigen Unesco-Welterbe
Die verlockende Vertikale

Dolomitenästhetik: Sellastock und Pordoispitze.
 
Tiefblickgarantie in der "Delenda Carthago", einer der neueren Kletterrouten mit Schwierigkeiten bis zum siebten Grad. Bilder: Schornbaum
Wir befinden uns auf dem Sella Pass, im Herzen der Dolomiten, auf 2180 Meter Höhe. Es ist Anfang September, strahlend blauer Himmel, und die Anzahl derer, die die letzten schönen Spätsommertage des Jahres genießen möchten, ist groß. Im Fünfminutentakt dröhnen Motorradgruppen über die kurvige Passstraße, steigen Aussichtgenießer aus ihren Autos. Rennradfahrer lehnen kurz ihre Hightechmaschine an die Leitplanke, bevor es nach unten geht.

Zehnminutengeher, den Minivierbeiner im Arm, begegnen rucksackbepackten Ernsthaftwanderern. Kreisende Gleitschirmflieger schauen auf bergauf und bergab rasende Mountainbikes herab. Die Anzahl der Liftanlagen auf der grünen Wiese zeugt von ähnlichem Gewimmel auch im Winter. Sella Ronda. Auch die Anzahl der Kletterer trägt zum allgemeinen Trubel bei, ist der Sellastock doch als Kletter-Dorado bekannt. Verheißungsvoll steigen gelbgraue steile Wände aus grünen Matten und locken zu einer Besteigung. Die Ästhetik der natürlichen Architektur führte 2009 zur Ernennung zum Unesco-Naturwelterbe.

Auf prominenten Spuren

Klettern in den Dolomiten heißt, auf den Spuren berühmter Bergführer und Bergsteiger unterwegs zu sein, eines Johann Baptist Vinatzer, eines Luis Trenker oder eines Reinhold Messner, dessen herausragendes Kletterkönnen im steilen Fels aufgrund seiner Erfolge als Höhenbergsteiger fast schon ein bisschen in Vergessenheit geraten ist.

Klettern in den klassischen älteren Wegen bedeutet Verzicht auf in den Fels gebohrten, ausbruchssicheren Sicherungshaken, statt dessen Verwendung von Normalhaken, mit dem Hammer in Risse geschlagen, wie zu Zeiten der Erstbegeher. Diese strengen Regeln haben sich die Südtiroler Kletterer und Bergführer auferlegt, um sich und anderen das Abenteuer zu erhalten.

Kreativität gefragt

Deswegen heißt es zunächst, sich herantasten, etwa 200 Meter "Normalweg" im 1. bis 2. Schwierigkeitsgrad bis in die Scharte zwischen erstem und zweitem Sellaturm ansteigen, um 200 Meter in leichter (4. Schwierigkeitsgrad) Kletterei auf den Gipfel zurückzulegen. Ein Rucksack mit Biwaksack, Getränk und Regenjacke ist hier Pflicht. Gut wieder auf dem Boden angekommen, steigen die Ansprüche, und der folgende Tag sieht uns die "Via delle Guide", den "Weg der Bergführer" auf den Piz Ciavazes klettern. Das Absichern der acht Seillängen bis zum Schwierigkeitsgrad 6 fordert erneut die Kreativität des Vorkletternden.

Bilderbuchlandschaft

Um erneut und ohne Gefahr das Schwierigkeitsniveau zu heben, entscheiden wir uns am letzten Klettertag für eine der neueren Kletterrouten. "Delenda Carthago", eine mit ausbruchssicheren Bohrhaken versehene, moderne Kletterroute mit Schwierigkeiten bis zum 7. Grad. Der Beginn mit einer brüchigen, kaum versicherten Querung ist wenig verheißungsvoll, um in den weiteren Seillängen mit fantastisch senkrechter und kleingriffiger Kletterei aufzuwarten, die uns begeistert und die wir nur zu gern verlängert hätten. Klettergenuss pur. Herrliche Tage unter blauem Himmel in einer Bilderbuchlandschaft gehen zu Ende.

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Dr. Michael Schornbaum ist Jugendbeauftragter und Ausbildungsreferent der DAV-Sektion Karlsbad mit Sitz in Tirschenreuth.
Weitere Beiträge zu den Themen: Magazin (11338)Oktober 2013 (9711)
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