Fest vernäht mit Auerbach

Der Geruch nach Stoffen und Nähseide liegt in der Luft. Dutzende Hosen und Kleider hängen sauber geordnet auf Ständern. Die alte Pfaff-Nähmaschine surrt leise, wenn Kerim Cimen mit geübtem Griff ein Kleidungsstück unter der Nadel durchschiebt.

Seit 30 Jahren betreibt der gebürtige Türke seine Maß- und Änderungsschneiderei in Auerbach; erst 15 Jahre in der Apothekergasse und seit 2000 direkt am Oberen Marktplatz. Er repariert alles, von der Tischdecke über Anzüge oder auch Lederbekleidung, kürzt Kleider oder näht Reißverschlüsse in Stiefel ein.

Geboren und aufgewachsen in Mardin, das nahe der Grenze zu Syrien liegt, lernte der junge Kerim bereits mit zwölf Jahren das Handwerk des Schneiders. "Damals war es so, dass du bald nach den ersten Schuljahren einen Beruf erlernen musstest", erklärt er. 1976 folgte der damals 18-jährige seinem älteren Bruder nach Auerbach, um hier mehr Geld zu verdienen.

Der junge Mann fand Arbeit in einer Hosenfabrik in Plech. Als diese einige Jahre später verkauft wurde, reifte in ihm der Entschluss, sich selbstständig zu machen. Er eröffnete 1985 in der Apothekergasse seine erste Schneiderwerkstatt. Maßanzüge, Hosen, aber auch Änderungen an Kleidern und später die Annahmestelle einer chemischen Reinigung lockten Kunden aus der Stadt und der Region.

Kerim Cimen machte sich als geschickter und freundlicher Handwerker einen Namen. Er bedient Stammkunden, die aus Pegnitz oder sogar Nürnberg zu ihm kommen. Während des Besuchs der SRZ in der schlichten Werkstatt holt gerade ein Mann aus Mosenberg seine Hosen ab. Überrascht hört er, dass es die Schneiderei schon 30 Jahre gibt.

Erster Euro für den Anorak

Spontan fällt ihm eine Anekdote aus den Januartagen 2002 ein, als der Euro eingeführt wurde: "Ich hatte mir einen Riss in meinem Winteranorak geholt, während ich aus dem Auto ausstieg. Was nun? Da ging ich zu Kerim und ließ den Anorak gleich reparieren. Nach zwei Stunden hatte ich ihn wieder. Und bezahlte mit meinem ersten Euro."

Kerim Cimen schmunzelt bei der Erzählung. Er erinnert sich an Kunden, die ihm über viele Jahre die Treue hielten. Er hat sie alt werden sehen, einige starben. Aber er gewinnt wieder neue dazu. Vielleicht deshalb, weil er inzwischen auch Anzüge und Hosen aus Italien verkauft.

Privat hat er mit Ehefrau Selva sein Glück gefunden. Die beiden haben vier Kinder: Daniela, Daniel, Gabriela und Christine. Der gläubige Christ hat sich am Rosenhof ein Häuschen gekauft und lebt dort mit der Familie. Er fühlt sich wohl in Auerbach, hat hier seine zweite Heimat gefunden. Ab und an fliegt die Familie in die Türkei. Zwei Brüder von Kerim Cimen leben in Istanbul; auch in Mardin hat er noch Verwandtschaft.

Sorge um die Flüchtlinge

Zwar reicht der Arm der Terroristen, die an der syrischen Grenze ihr Unwesen treiben, momentan noch nicht bis in seinen Heimatort. Doch auch Cimen verfolgt besorgt die Berichte über die vielen Flüchtlinge. "Sie müssen weg aus ihrer Heimat, sonst verlieren sie ihr Leben", bedauert er deren Schicksal. Kerim ist dankbar, dass es ihm und seiner Familie gut geht. Und er möchte noch viele Jahre seinen Beruf ausüben, auch wenn ihm nicht viel Freizeit bleibt. Die verbringt er meistens in seinem Garten am Rosenhof.

Heute, Freitag, feiert Kerim Cimen sein Geschäftsjubiläum mit einigen geladenen Gästen. Auch Bürgermeister Joachim Neuß hat sich angesagt.
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