Formen erkennen

Nachbarschaften sind immer etwas Zufälliges, selten frei Gewähltes. Menschen finden sich in einer Symbiose des Wohnens oder des Lebens. Das kann gut funktionieren, manchmal aber auch zu Konflikten führen. Nachbarschaften in der Kunst sind hingegen gezielter geplant, können aber auch einem gewissen Zufallsprinzip unterliegen.

Rund 30 Künstler aus der Oberpfalz, der Region Annaberg-Buchholz und Tschechien (Vereinigung UVUPilsen) zeigen auf Einladung des Oberpfälzer Kunstvereins (OKV) bis 12. Juli zirka 50 Exponate darunter Plastiken, Holz- und Keramikarbeiten, Reliefs und Skulpturen. Die verwendeten Materialien sind ebenso vielfältig wie die Statements, die jeder Künstler mit seiner Arbeit abzugeben versucht. Der Fantasie des Betrachters sind keine Grenzen gesetzt, die gezeigten Objekte sprechen für sich, geben jedem die Möglichkeit zur individuellen Definition. Mag dabei auch manch andere Geschichte herauskommen als der Künstler sie bei seiner Arbeit im Kopf und beabsichtigt hat - die Vielfalt ist grenzenlos. Die Verantwortlichen des Oberpfälzer Kunstvereins, der die Ausstellung kuratiert, haben bewusst keine inhaltlichen Vorgaben gemacht. Die Ausstellung soll ebenso frei sein - wie es eine Nachbarschaft im herkömmlichen Sinn ist.

Die Idee dazu geht noch auf den kürzlich verstorbenen OKV-Vorsitzenden Gerhard Bihler zurück. Er griff den Vorschlag einer gemeinsamen Skulpturenausstellung auf, anlässlich der 25-jährigen Partnerschaft zwischen Weiden und Annaberg-Buchholz. Jetzt wird sie von seiner Nachfolgerin Irene Fritz mit Unterstützung der OKV-Künstler Hugo Braun-Meierhöfer und Uwe Müller umgesetzt. "Wir wollten keinen Künstler, keine Arbeit ausgrenzen, sondern bewusst die freie Nachbarschaft mit Skulpturen füllen", erklärt Braun-Meierhöfer.

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Der gelernte Schreiner widmet sich seit rund zehn Jahren nahezu ausschließlich der Kunst. Seine konkrete Auseinandersetzung mit Formen begann Mitte der 1990er Jahre. Sein Anliegen: Formen erkennen und herausschälen. Für ihn ist die Geometrie der äußeren Form von den innen liegenden Strukturen bestimmt.

Uwe Müller (Weiden) zeigt Plastiken, die er unter Verwendung von Fahrradteilen oder CDs fertigt. Sein Thema ist die Vernetzung des Menschen, ihm widmete er sich anfangs mit Zeichnungen, Acrylmalerei und Keramiken, später mit bearbeiteten Fotos und kreativer Objektkunst. "Kunst braucht Kommunikation" ist sein Credo. "Nachbarschaften" will Spannung aufbauen, Diskrepanzen und Materialverknüpfungen zeigen, Rätsel aufgeben und Lösungen anbieten. Der riesige Raum der ehemaligen Kirche bietet sich für die Ausstellung an, die Möglichkeiten der Präsentation sind vielfältig: entlang der Kirchenwände, im ehemaligen Altarraum, auf den Kirchenbänken, von der Decke hängend. Die Raumgröße macht es jedoch auch schwierig, der Besucher soll sich nicht in den Exponaten verlieren, die Ansprüche an ihn sind groß. Er muss sich seinen eigenen Betrachtungsweg suchen, seine Wahrnehmungsgrenzen ausloten und erfahren. Ihre Arbeiten zeigen auch Künstler wie Tone Schmid (Weiden), Tomás Kus (Tschechien) und Axel T Schmidt (Weiden). Schmids l Anliegen ist es, "Menschen zu bewegen, sie emotional zu berühren". Dies geschieht manchmal auf komische und ernste Weise, einmal spielerisch zweckentfremdet, dann nützlich-konkret. Der promovierte Philologe und Bildhauer Kus verbindet sein künstlerisches Schaffen mit Aspekten der Literatur. Typisch für seine Arbeit ist das Schweißen von Eisen und die Herstellung realistisch wirkender Figuren in Lebensgröße.

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Prominente Position

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Zwei seiner Werke nehmen in der Ausstellung eine prominente Position auf den Stufen des Altarraumes ein. Sie wirken beängstigend, der Ausdruck in den Gesichtern, die verkrampfte, verkrümmte Körperhaltung lässt an die Ausgrabungen in Pompeji denken. Der Betrachter wird unwillkürlich an Hiroshima, Bombenangriffe, Dresden, Mariupol und Luhansk, Sarajewo oder Aleppo denken.

Rätsel geben einzelne Stiefel auf, in denen künstliche Beine stecken, oder Teddybären in Einweck-Gläsern von Jörg Seifert. Manche Arbeiten erklären sich fast auf den ersten Blick, andere erfordern Betrachter-Geduld. Jedes Objekt ist spannend, mal ästhetisch-schön, mal verwirrend, immer aber ansprechend und aufregend. Künstler wie Melitta Todorovic, Gerda Gilitzer, Irene Hey, Jörn Michael oder Petr Kozel, um nur einige zu nennen, bereichern die Idee einer "Nachbarschaftsausstellung" mit ihren beeindruckenden Werken. Die Idee einer nachbarschaftlichen Skulpturenausstellung sollte nicht einmalig bleiben, sie fordert zur Wiederholung auf.
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