Fremd sind sie gar nicht mehr

Irgendwann standen die jungen Männer vor dem Haus von Burga Seidl. Fremde offensichtlich, mit schwarzen Haaren und dunklen Augen. Hier, mitten in Rieden, wirkten sie sehr verloren. Doch das Dorf an der Vils ist ihnen schnell zur Heimat geworden.

Burga Seidl sitzt im Gemeinschaftsraum der evangelischen Kirchengemeinde und erzählt, wie sie "ihre" Syrer kennengelernt hat. Die 79-Jährige ist hier absolute Respektsperson. Wenn sie nach einem Stuhl sucht, dann springen Omran, Ibrahim und die anderen auf und holen ihr einen. Die jungen syrischen Flüchtlinge achten das Alter und sind doch so modern. Burga Seidl übrigens auch: "Ich habe jetzt so ein neumodisches Wisch-Handy" erzählt sie.

Das Smartphone ist keine Angeberei der alten Dame. Die Kommunikation zwischen den freiwilligen Helfern, die sich in Rieden der Flüchtlinge aus Syrien, der Ukraine und Äthiopien angenommen haben, läuft ganz zeitgemäß via WhatsApp. Heute sind einige von ihnen gekommen, um gemeinsam mit Onkel Ahmed, seinen Neffen, mit Khaled und seiner Frau Aisha, mit Mulato und Elias Deutsch zu lernen. Beispielsweise Pfarrerin Birgit Schwalbe, die gemeinsam mit ihrem Mann Klaus Eberius die Räumlichkeiten zur Verfügung stellt - aber nicht nur das.

Das Kreuz mit den Verben

Oder Gisela Link. Sie übernahm ganz unkompliziert den Erstlese- und -schreibunterricht für die Menschen, die zum Teil seit Jahren entwurzelt in Nordafrika herumzogen, bis sie sich endlich die Überfahrt nach Europa leisten konnten. Und Natalie Scharl. Sie ist der eigentliche Motor hinter dieser so ungewöhnlichen Gruppe. Normalerweise unterrichtet sie Erstklässler an der Max-Josef-Schule in Amberg. "Die ideale Voraussetzung, um jemand das Lesen und Schreiben beizubringen", wie sie verschmitzt anmerkt.

Während sie schildert, wie schwierig es doch ist, das passende Unterrichtsmaterial zu finden, wie kompliziert oft die Wege der Bürokratie für die Flüchtlinge verlaufen, mühen sich Ibrahim und Omran, die beiden Neffen von Onkel Ahmed, mit den unregelmäßigen Verben ab. Wie war jetzt wieder das mit der ersten und zweiten Vergangenheit? "Ich helfe, ich half, ich habe geholfen?" Für einen kleine Tipp sind die beiden immer zu haben. Derweil versucht Ahmed, die 16 deutschen Bundesländer und ihre Hauptstädte zusammenzubekommen.

Ahmed ist ein lustiger Kerl. 42 Jahre alt, Ehemann und Vater dreier Kinder. Heute lacht er ganz besonders viel. Er ist ein zufriedener Mann. Vor kurzem hat Ahmed seine Aufenthaltserlaubnis bekommen. Drei Jahre ist er jetzt erst einmal sicher. Und er darf arbeiten. In Damaskus war Ahmed Lkw-Mechaniker. Für ein paar Wochen ist er bei einem Busunternehmen vor Ort untergekommen. Stolz zeigt er seine ölverschmierten Hände. "In Deutschland", so sagt er, "musst Du immer langsam arbeiten." Großes Gelächter am Tisch.

Familie darf nachkommen

Natalie Scharl fragt nach, wie es seiner Familie geht, die er in Jordanien zurückgelassen hat, als er sich auf das enge Boot zwängte, das ihn über das Meer in die Freiheit bringen sollte. Ahmed strahlt: "Heute habe ich die Papiere bekommen. Meine Familie darf nach Deutschland." Alle freuen sich mit ihm. Ganz besonders auch die Helfer, die miterlebt haben, wie die Flüchtlinge monatelang in ihrer Unterkunft warten mussten, bis ihre Anträge auf Asyl bearbeitet waren. Monate der Untätigkeit, nur unterbrochen von den regelmäßigen Deutschstunden in der evangelischen Kirche.

Es geht voran bei den meisten von ihnen: Omran fängt demnächst ein Praktikum bei einem Schreiner an, Ibrahim fährt schon jeden Tag nach Amberg, um bei Kolping eine Qualifizierungsmaßnahme zu machen. Auch Abdul, der in Damaskus in einem Call-Center gearbeitet hat, hofft, dass er bald arbeiten darf, um der quälenden Langeweile in der Asylbewerberunterkunft zu entgehen. "Auf Arbeit stürzen sie sich regelrecht", erzählt Natalie Scharl, die ihnen ab und zu kleine Tätigkeiten besorgt.

Nun werden wieder die Mobiltelefone herausgezogen. Sie sind für die Syrer die einzige Verbindung in die Heimat, sind Kommunikationsmittel und Speicher für die Fotos von ihrer Flucht. "Bitte kein Neid", sagt Burga Seidl. "Die brauchen ihre Telefone ganz dringend." Die alte Dame weiß Bescheid: "Mit dem eingebauten Google-Übersetzer konnten sie sich am Anfang wenigstens ein bisschen verständlich machen." Und außerdem sind sie keine Armutsflüchtlinge. Viele Syrer, die nach Deutschland flüchten, hatten es in der Heimat zu bescheidenem Wohlstand gebracht.

Aber wie sind sie nun nach Deutschland gekommen? Ibrahim, Omran und Abdul scharen sich um Onkel Ahmed, der Fotos von seiner Familie zeigt, die in einem halbverfallenen Gebäude Unterschlupf gefunden hat. In ihrem bescheidenen Deutsch erzählen sie von ihrer Flucht aus Syrien. Über Jordanien, Algerien und Tunesien sind sie schließlich nach Libyen gekommen. Zwei Jahre waren sie unterwegs, haben gearbeitet, um das Geld für die Überfahrt nach Europa zu verdienen.

"Wir mussten insgesamt 5000 Dollar bezahlen", erzählt Omran. "Pro Person", so ergänzt Abdul. Auf seinem Handy sind Aufnahmen von der Überfahrt. "Unser Boot war nur 18 Meter lang", schildern die jungen Syrer ihre Passage übers Mittelmeer. 450 Erwachsene und 45 Kinder drängten sich auf diesem Seelenverkäufer. Und doch: Sie haben es geschafft, irgendwann landeten sie auf europäischem Boden und im Zug nach Deutschland. Von Zirndorf, der zentralen Sammelstelle, ging es in die Oberpfalz, nach Rieden.

Während die Syrer ihre Geschichte erzählen, sitzt Mulato schweigend daneben. Der junge Äthiopier spricht noch nicht so gut deutsch. Englisch kann er ein wenig, schildert nur, dass er mit dem Flugzeug gekommen ist. Mulato, so sagt Natalie Scharl, ist ein kluger Kopf. Besitzt zahlreiche Diplome im Fach Landwirtschaft. Freut sich, wenn er mit Natalie Scharls Mutter ein bisschen garteln kann. Seine Geschichte, seine Flucht aus Äthiopien behält er für sich.

Auch sein Landsmann Elias ist eher einer von den Stillen. Es gibt Probleme in der Unterkunft, so sagen die ehrenamtlichen Helfer. Dort wohnen Äthiopier aus unterschiedlichen Stämmen, die sich nicht so gut verstehen. Hier müssen sie sich auf engstem Raum ein Zimmer teilen.

Die falsche Hausnummer

Aber zurück zu Burga Seidl. Sie hätte die jungen Männer vor ihrem Haus beinahe weggeschickt. "Die haben so ausgeschaut, als wollten sie mir was verkaufen." Doch ihre Neugier und Hilfsbereitschaft überwog. Die Burschen, so stellte sich auf Nachfrage heraus, hatten sich nur in der Hausnummer geirrt. Burga Seidl kümmert sich seither rührend um ihre neuen Nachbarn.

Für heute ist der Deutschunterricht beendet. "Ich liebe Deutschland", sagt Ibrahim und lacht. "Pfüate", sagt er noch und geht heim. Da ist jemand angekommen in Rieden.
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