Für SS-Wachmann Johann Breyer wäre es eng geworden - jetzt wird die Akte geschlossen
Ein Prozess ohne Angeklagten

Sommer 1944. Johann Breyer gehörte zu dieser Zeit den SS-Wachmannschaften in Auschwitz an. Das Foto hat das Staatliche Museum Auschwitz-Birkenau in Oswiecim zur Verfügung gestellt. Im Sommer 1944 zählte das Lager 4500 SS-Männer. Im Bild marschieren SS-Soldaten an den Lagerbaracken vorbei. Bild: Muzeum Auschwitz-Birkenau
 
Sommer 1944. Dieses Foto zeigt die Selektion von ungarischen Juden an der Rampe des Todeslagers Auschwitz II-Birkenau im Mai oder Juni 1944. Hinten steigt der Rauch der Krematorien auf. Exakt zu dieser Zeit gehörte Johann Breyer dem 8. Totenkopf-Sturmbann an. Die Kompanien wechselten sich bei den Tätigkeiten ab, bewachten unter anderem die Ankunft der Deportierten, wie auf dem Bild. Dieses Foto ist eine Besonderheit: Es stammt aus dem "Album Auschwitz", einem 56-seitigen Fotoalbum, angefertigt von SS-Angehö
 
Die Weidener Staatsanwaltschaft hat die Ermittlungen gegen Johann Breyer geführt: (von links) Gerhard Heindl, inzwischen Amtsgerichtsdirektor, Leitender Oberstaatsanwalt Gerd Schäfer, Staatsanwalt als Gruppenleiter Christian Härtl. Sie waren bereit für einen "Auschwitz-Prozess Weiden". Was am Ende für Breyer herausgekommen wäre? "Das weiß man nicht", sagt Schäfer. "Er kann sich ja nicht mehr verteidigen." Bild: Götz
 
Sommer 1944. Amerikanische Streitkräfte bombardieren am 13. September 1944 die Treibstofffabrik Monowitz, vier Kilometer von Auschwitz-Birkenau entfernt. Um eine vollständige Erfassung des Ziels sicherzustellen, war es allgemein üblich, die Kamera vorzeitig laufen zu lassen. So fotografierten die Bomber als "Nebenprodukt" das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau, das zu dieser Zeit auf "Höchstbetrieb" lief. Erst 1978 werteten CIA-Analysten die Luftaufnahmen aus, was eine Diskussion auslöste,
Weiden hätte weltweite Aufmerksamkeit erfahren. Journalisten aus den USA und Israel hatten sich angesagt. Die großen Agenturen hätten ihre Reporter geschickt. Ob der Schwurgerichtssaal gereicht hätte? Wahrscheinlich nicht. In Lüneburg hat die Justiz für ihren Auschwitz-Prozess die Ritterakademie angemietet. In Weiden wäre es vielleicht die Max-Reger-Halle geworden, in der die Jugendkammer des Landgerichts einem Greis aus den USA den Prozess gemacht hätte: Johann Breyer, geboren 1925, SS-Wachmann in Auschwitz-Birkenau, bis 1952 wohnhaft in Pirk bei Weiden.

So weit ist es nie gekommen. Johann Breyer starb am 22. Juli 2014. Er starb in der Nacht zu dem Tag, an dem ein amerikanischer Richter in Unkenntnis seines Ablebens der Auslieferung stattgab. In Weiden liegt die Anklageschrift fertig in der Schublade. "Uns hat bloß noch der Beschuldigte gefehlt", sagt Leitender Oberstaatsanwalt Gerd Schäfer. Schwingt Wehmut mit, wenn jetzt in Lüneburg dem rüstigen Oskar Gröning (93) der Prozess gemacht werden kann? Schäfer hat dafür allenfalls ein müdes Lächeln übrig. Man verfolge das Lüneburger Verfahren mit Interesse. Immerhin hat die Staatsanwaltschaft Weiden Teile ihrer Unterlagen zur Verfügung gestellt. Aber Wehmut? "Das kann man nun wirklich nicht sagen."

Freiwillig zur SS

Der US-Staatsbürger Johann Breyer wäre in Weiden angeklagt worden, weil sein letzter Wohnort bis 1952 in Pirk war. Von dort war der Werkzeugmacher in die USA ausgewandert, brachte noch einmal 6000 Kilometer mehr zwischen sich und Auschwitz, den Ort seiner Jugend. Johann Breyer war ein 17-jähriger Bauernsohn aus dem volksdeutschen Neuwalddorf in der Ostslowakei, als er sich freiwillig zur Waffen-SS meldete. Er war 19, als der Krieg zu Ende ging.

Und er muss - muss - in diesen zwei Jahren Schauderhaftes gesehen, erlebt und getan haben. "Auschwitz ist an Grausamkeit nicht zu überbieten", zieht Staatsanwalt Christian Härtl die Bilanz seiner Ermittlungsarbeit. Der junge Gruppenleiter hat das Verfahren im Herbst 2013 vom damaligen Oberstaatsanwalt Gerhard Heindl übernommen, als dieser zum Amtsgerichtsdirektor befördert wurde. Heindl, 29 Jahre Berufserfahrung, sagt über die Ermittlungen: "Ich könnte mir vorstellen, manche könnten das nicht packen."

Stark beeindruckt hat ihn ein Besuch in Auschwitz. "Es ist in jedem Fall wichtig, dass man sich den Tatort ansieht." Erst recht in diesem Fall. "Das war unglaublich informativ und einprägsam. Wenn man das sieht, diese riesigen Flächen, das ist schon heftig." Heindl erinnert an den Frankfurter Auschwitz-Prozess in den 60ern, der gekippt sei, nachdem sich ein Richter das ehemalige Vernichtungslager vor Ort angesehen hatte. Die Baracken stehen zum Teil noch, die Krematorien sind gesprengt, aber erkennbar.

Das Landeskriminalamt hat Auschwitz für den Breyer-Prozess in einem 3-D-Modell virtuell begehbar gemacht - auch das ist eindrucksvoll. Am Computer kann der Nutzer quasi durch das Lager gehen. Raus aus der Truppenunterkunft, man sieht Krematorien, die Rampe, endlose Reihen der Unterkünfte, die eigentlich als Pferdeställe konstruiert waren. Zentrale Frage: Ist es möglich, dass Breyer als SS-Wachmann des 8. Totenkopf-Sturmbann-Bataillons nichts mitbekommen hat? Breyer hat das in mehreren Verfahren in den USA immer wieder behauptet.

Nichts bemerkt? "Nie!"

"Niemals", antworten Heindl und Härtl unisono. Zu diesem Schluss kommt auch das Gutachten des Sachverständigen Dr. Stefan Hördler, den die Weidener Staatsanwaltschaft dafür gewinnen konnte. Der Historiker war am Deutschen Historischen Institut in Washington tätig und ist seit 2015 Leiter der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora. Er hat sich mit den Aufgaben der einfachen SS-Männer befasst, die im Gegensatz zu den hohen Chargen historisch wenig erforscht sind.

Demnach schoben die Totenkopf-Bataillone rotierend Dienst. Dienst auf den Wachtürmen, als Postenkette um den Außen- und Innenzaun, zur Bewachung der Häftlinge auf dem Weg zur Arbeit, als Wache bei der Ankunft der Gefangenen an der Zug-Rampe. Wenn die Deportierten aus dem Zug stiegen, waren sie von Totenkopf-Wachleuten umstellt. Ein Drittel wurde zur Arbeit ausgesondert. Zwei Drittel gingen direkt in die Gaskammern - wiederum begleitet von Totenkopf-Wachleuten, welche die Türen zu den "Duschen" öffneten. "Und jede Kompanie war auf jedem Posten eingesetzt", fasst Härtl eine Kernaussage des Gutachtens zusammen.

Die Weidener Staatsanwaltschaft konzentrierte ihre Ermittlungen vor allem auf die "Ungarn-Aktion" von Mai bis Juli 1944. Täglich trafen zu dieser Zeit bis zu 10 Züge mit je 3000 bis 3500 ungarischer Juden ein. Die SS schob 12-Stunden-Schichten. Und Breyer mittendrin.


Wie das für diese Menschen gewesen ist, die mit diesen Zügen ankamen: Das haben die Staatsanwälte Heindl und Härtl aus erster Hand erfahren. Sie hörten über 20 Zeugen in Israel und den USA, allesamt Auschwitz-Überlebende. Diese Treffen haben die Juristen stark beeindruckt. "Der Rauch und der Gestank. Das hat eigentlich jeder gesagt", erinnert sich Heindl. "Der Geruch des verbrannten Fleisches sei in der Luft gehangen", so Härtl.

5 Tage, 16 Überlebende

Gerhard Heindl hat fünf USA-Zeugen befragt. Zwei weitere Befragungen mussten aus gesundheitlichen Gründen abgesagt werden. "Der Älteste war der Fitteste." Julius E., 95 Jahre, Long Island, hatte "heute noch eine diebische Freude daran, den Nazi-Schergen mit seinem Überleben ein Schnippchen geschlagen zu haben".

Christian Härtl reiste nach Israel und besuchte 16 Überlebende, verstreut im ganzen Land, hauptsächlich in Tel Aviv und Haifa. Auch er hat nur offene, freundliche Aufnahme erfahren. Der Staatsanwalt war mit zwei LKA-Beamten aus München unterwegs, begleitet von der israelischen Polizei. Härtl ist 41 Jahre alt: "Es gab Überlebende, die froh waren, dass wir altersmäßig so weit von den Tätern weg waren. Mit Leuten aus Deutschland in ihrem Alter hätten sie nicht darüber reden können."

Bei manchen geriet die Befragung fast zum "Familienhappening". Große Teile der Verwandtschaft saßen mit im Wohnzimmer, als die deutschen Ermittler ihre Fragen stellten. Teils waren die Verwandten aus den USA angereist, extra für die Vernehmungen. "Sie wollten endlich hören, was da passiert war." Manche Überlebende haben überhaupt erst in den letzten Jahren angefangen, über das Unsägliche zu sprechen.

Härtl hat von "nicht zu überbietender Grausamkeit" erfahren, deren Wirkung bis heute anhält. "Es gab Angehörige, die betrachteten die Aussage als letzten Therapieversuch für ihre Oma." Die Überlebenden schilderten die Ereignisse in Ungarn, wie sie aus ihren Häusern und Dörfern getrieben wurden. "Sie schilderten den Transport, diese drei Tage, die Verhältnisse im Zug." Und sie beschrieben Auschwitz. Ein israelisches Fernsehteam begleitete die Deutschen, es gibt einen Dokumentarfilm.

Die Zeit läuft davon. Das spürten auch die Weidener Staatsanwälte. Während der Woche in Israel starb ein Zeuge. Zu spät ist es nicht. Härtl: "Es waren schon welche dabei, die gesagt haben: Hört's auf, es reicht. Aber es waren die in der Mehrzahl, die sagten: Solange einer lebt, muss er verfolgt werden."

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Die Beweise

Die Expertise des Historikers Dr. Stefan Hördler verträgt sich nicht mit Johann Breyers früheren Einlassungen in den USA. "Breyer sagte, er wäre immer nur in der großen Postenkette eingesetzt gewesen, ums Lager rum - ganz weit außen rum -, wo man das Lager gerade mal sieht", fasst Staatsanwalt Christian Härtl zusammen. Häftlinge habe er dabei nicht gesehen. Nur drei Mal habe er Arbeitskommandos bewacht.

Ohnehin sind Breyers Aussagen in sich widersprüchlich. "Ich habe mal nachgezählt: Es gibt zehn verschiedene Äußerungen von ihm", sagt Härtl. Für die Weidener Staatsanwälte steht nach ihren Recherchen fest: Johann Breyer, Werkzeugmacher aus Philadelphia und Vater zweier Söhne, hat sich in seinem Erwachsenenleben seine Rolle in Auschwitz kleingeredet. Vor einem US-Gericht sagte Breyer einmal, sogar seine Waffe war ungeladen. Gerhard Heindl: "Völlig unglaubwürdig."

Völlig unglaubwürdig sei auch Breyers Version, er sei nach einem Heimaturlaub im Sommer 1944 nicht mehr nach Auschwitz zurückgekehrt. Noch im Januar 1945 stellte er persönlich in Pressburg Antrag auf Angehörigen-Unterhalt für seine Eltern. Als seine Einheit wird die Waffen-SS in Auschwitz angegeben. Dieser Antrag liegt in Weiden in beglaubigter Kopie aus dem russischen Militärarchiv vor.

Historiker Hördler kann die militärische Laufbahn von Breyer relativ genau nachvollziehen. Der 17-jährige Breyer gehörte demnach zu einer Gruppe von 302 slowakendeutschen Rekruten. Sie hatten sich im November 1942 nach einem Aufruf des Karpatenführers Franz Karmasin freiwillig zur SS gemeldet. Drei Monate vor seinem 18. Geburtstag wurde Breyer mit den anderen Rekruten zur Basisausbildung in das KZ Buchenwald geschickt und zunächst dort eingesetzt. Im Juli 1943 - und nicht erst 1944, wie Breyer behauptete - ist diese Gruppe nach Auschwitz verlegt worden. Sie sollte ukrainische "Hilfswillige" ersetzen, nachdem es unter diesen zu vermehrter Fahnenflucht gekommen war. Ein Beweismittel ist auch eine Zeitungsannonce aus der slowakendeutschen Zeitung "Der Grenzbote" . Am 22. Dezember 1943 erschien dort die Anzeige: "Zum Neuen Jahr grüßen aus Auschwitz die SS-Männer: ... (es folgen 19 Namen) Johann Brejer."

Es lässt sich aber auch belegen, dass Johann Breyer tatsächlich weg wollte aus Auschwitz. Im April 1944 sprach er bei einem Heimaturlaub mit dem Bezirksvorsitzenden der Deutschen Partei, Adalbert Wanhoff. Dieser setzte sich daraufhin in einem Brief an Volksgruppenführer Franz Karmasin dafür ein, dass Breyer zurück auf den elterlichen Hof dürfe. Seine Arbeitskraft sei dort aufgrund des Alters seiner kränklichen Eltern unabkömmlich. Karmasin schrieb daraufhin an die Waffen-SS in Pressburg und bat ebenfalls um Breyers Entlassung. Auch diese Briefe liegen in Weiden vor.

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