Für zwei Tage zieht die Stadt Selb internationales Interesse auf sich
Der Zauber alten Porzellans

Sie stehen in vielen Wohnzimmern: Einen Wertverfall erleben die beliebten Katzen-Figuren der Künstlerin Rosina Wachtmeister. Bilder: Fütterer
 
Porzellan so weit das Auge reicht: Die Plätze für die Stände werden übrigens verlost. Die Erfahrung zeigt, dass die Anbieter am zweiten Tag des Flohmarkts - am Sonntag - mehr mit sich reden lassen.

Der weltweit größte Porzellan-Flohmarkt weckt ein wenig melancholische Erinnerungen: Hier wird das frühere "weiße Gold" der Region verramscht. Das gute "Sonntags-Geschirr", das vergoldete Kaffee-Service oder die Designer-Vase längst untergegangener Porzellanfabriken gibt es zum Schnäppchenpreis beim Porzelliner-Fest im oberfränkischen Selb.

Seit 25 Jahren füllen Zehntausende Besucher an jedem ersten Wochenende im August das vom Bevölkerungsschwund ausgezehrte Städtchen Selb: Kilometer lang schlängeln sich die Stände beidseits der innerstädtischen Hauptstraßen. Unter Sonnenschirmen, auf Garten- und Biertischgarnituren präsentieren Hobby- und Profi-Händler jede nur denkbare Porzellan-Spielart in allen Facetten und Preisklassen.






Die Erzeugnisse der von Billigprodukten aus Fernost in die Pleite getriebenen Porzellanfabriken aus dem südlichen Oberfranken und der nördlichen Oberpfalz dominieren das Angebot. In keiner anderen Region der Welt gab es im 20. Jahrhundert eine solche Dichte an traditions- und ruhmreichen Porzellanfabriken. Es finden sich neben Designer-Raritäten von Rosenthal und Hutschenreuther auch klassische Plastiken für vierstellige Summen aus den Thüringer Manufakturen und aus Meißen. Noch niemals in der Geschichte Deutschlands kam es zur Auflösung so vieler gut bestückter Haushalte; die Erben wissen mit den damals sündteuren Komplett-Servicen für zwölf Personen nichts anzufangen - und räumen die Vitrinen aus.

Auch die Besitzer von Weihnachts- und Sammler-Tellern wie von Rosenthal oder Königlich Tettau, von Weihnachtsglöckchen und -kugeln oder von possierlichen Katzenfiguren einer Rosina Wachtmeister müssen in Selb ganz tapfer sein: Der finanzielle Wert ihrer vermeintlichen Schätze hat sich längst pulverisiert.

Trotz Preisen von fünf Euro (und weniger) finden sich kaum Käufer für die Rosenthal-Sammelteller aus der Serie "Aladin" von Designer Björn Wiinblad. Für sechs Euro werden die Hutschenreuther Weihnachtsglocken verscherbelt und Wachtmeisters Katzen gibt es zu Schleuderpreisen von 12 bis 30 Euro in allen Größen. Die von den Großeltern so geliebten und behüteten Sammeltassen, zum Beispiel von Winterling, sind auf drei Euro abgestürzt, Untertasse und Kuchenteller inklusive.

"Romanze" abgestürzt

Ähnlich ist die Abwärts-Entwicklung für das Porzellan-"Must have" der 70er und 80er Jahre, etwa Hutschenreuthers "Zwiebelmuster" und "Wild-Rose" von Villeroy & Boch. Wie der Aktienkurs manches Porzellanherstellers ist der Preis für den Rosenthal-Designklassiker "Romanze" abgeschmiert: Wie saures Bier bietet eine elegante Dame ein komplettes Speise- und Kaffeeservice für zwölf Personen zur "VB" von 400 Euro an.

Mit Bussen bis aus Südtirol und Österreich, mit Autos aus dem gesamten deutschsprachigen Raum reisen die Schnäppchenjäger an. Das fachkundigere Publikum ist an Tablet-PC und der mitgeführten Porzellan-Nachschlagewerke leicht zu erkennen. Die Käufer fliegen sogar aus den USA oder Brasilien über Nürnberg ins Fränkische ein. In Kleingruppen schwärmen russische Aufkäufer aus: Mit geübtem Auge mustern sie die Top-Ware und demonstrieren ihre beeindruckende finanzielle Potenz mit dicken Bündeln von 50- und 100-Euro-Scheinen. Selb wird für zwei Tage zum internationalen Hotspot für altes Porzellan.

Altersarmut ein Thema

"Es wird nur nach ganz bestimmten hochwertigen Stücken gesucht", erzählt eine Witwe, die nach dem Tod ihres Mannes Keller und Speicher leer geräumt hat. "Ich brauche die Sachen nicht mehr und die Kinder wollen sie nicht, also mache ich das schöne Porzellan zu Geld ..."

Altersarmut ist auch ein Thema, wenn sich Senioren mit resigniertem Achselzucken von ihrer Marcello-Morandini-Wandplastik für 520 Euro, vom filigranen "Frühlingsreigen" aus dem thüringischen Sitzendorf für 1300 Euro oder von der Rosenthal "Bulgari"-Vase für 110 Euro trennen. Klingt teuer, ist aber im Vergleich zu den Originalpreisen ein Witz.

Manch scheinbares Schnäppchen entpuppt sich jedoch bei näherem Hinsehen als versuchter Nepp. Auf den ersten Blick lässt ein Relief von Salvador Dali aus dem Jahr 1977 zum damaligen Preis von knapp 14 000 D-Mark den Puls des Sammlers schneller schlagen. Das Porzellan-Kunstwerk ist mit 1450 Euro ausgezeichnet. Erst der fünfte Blick offenbart einen dünnen Riss, der sich durch die obere Hälfte des Reliefs zieht. So wird Kunst zum Abfall. Auch die von Design-Legende Helmut Drechsler handgearbeitete Rosenthal-Vase zu 35 Euro fällt in diese Kategorie: Sie weist - von einem Fettfleck verdeckt - einen dicken "Einschuss" in der schwarzen Glasur auf.

Erhebliche Unterschiede

Die Preisunterschiede zwischen den Hobby-Verkäufern und den professionellen Händlern sind erheblich. So differiert die "VB" für die Figur "Gänseliesl" von Hummel zwischen 50 und 150 Euro: in weniger als 20 Metern Abstand der beiden Stände. Der Melitta-Porzellanfilter 102 (leichte Gebrauchsspuren) kostet hier 10 Euro, dort 24 Euro.

Der Bummel über den Porzellanflohmarkt gleicht einer kuriosen Zeitreise, deren modische Irrungen rührend wirken. "Wandelt froh, beglückt in Frieden, bis euch strahlt der goldene Kranz", steht auf dem Hochzeits-Wandteller, der so groß wie ein Wagenrad ist. Wir machen zum Schluss noch einen außergewöhnlichen Fund mit sechs formschönen, vergoldeten Spirituosen-Becherchen auf einem vergoldeten Teller zu 28 Euro von der einstigen Porzellanfabrik Tirschenreuth; sie staffierte vor 100 Jahren die Adelshäuser aus und sorgte für Tischkultur in den besseren Kreisen. Der Porzellanflohmarkt 2016 am ersten August-Wochenende in Selb ist jedenfalls wieder als feste Größe im Terminkalender vermerkt.
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