Garri Kasparow
In Rente

Georg Böller. Archivbild: Hartl
Wenngleich unser heutiger Protagonist am 13. April keinen runden Geburtstag feiert - er wird 52 Jahre alt - weist seine Vita etliche "runde" Jahreszahlen auf. Mit fünf Jahren hat der in Baku/Aserbaidschan als Garik Weinstein Geborene das Schachspiel von seinem Vater gelernt. Mit 10 Jahren kam er unter die Fittiche seines Schachlehrers, großen Vorbildes und Kritikers Exweltmeister Michail Botwinnik.

Schon mit 15 Jahren übernahm er in dessen Schachschule eine Art Assistentenfunktion. Mit 13 gewann er 1976 die sowjetische Juniorenmeisterschaft, einen Erfolg, den er im folgenden Jahr wiederholte. 1980, also vor 35 Jahren, erhielt er den Großmeistertitel, um im selben Jahr in Dortmund Junioren-Weltmeister zu werden.

Doch die Reise sollte weitergehen. Er qualifizierte sich für den WM-Kampf 1984 gegen Weltmeister Anatoli Karpow, als er nacheinander Alexander Beljawski mit 6:3, Viktor Kortschnoi mit 7:4 und Ex-Weltmeister Wassili Smyslow mit 8,5:4,5 klar besiegte. Der WM-Kampf über sechs Gewinnpartien, der im September 1984 begann, sollte zur unendlichen Geschichte werden. Recht bald ging der Weltmeister mit 4:0 in Führung. Danach änderte Kasparow seine Taktik.

Er riskierte nichts mehr. So folgte eine unendlich lange Remisserie. Zwar gelang Karpow noch ein fünfter Sieg, doch machten sich bei ihm Erschöpfungszustände bemerkbar. Innerhalb weniger Partien kam Kasparow auf 3:5 heran, bevor der damalige FIDE-Präsident Campomanes nach 48 Partien und fünf Monaten Spieldauer den Wettkampf ergebnislos abbrach. Den Rückkampf, diesmal über maximal 24 Partien, gewann Kasparow mit 13:11 und wurde damit 13. und jüngster Weltmeister der Schachgeschichte.

2005, also vor zehn Jahren, trat Garri Kasparow nach dem Superturnier von Linares, das er gewann, überraschend vom Turnierschach zurück. Er hatte 21 (!) Jahre lang ununterbrochen die Weltrangliste angeführt und gilt als einer der weltbesten Schachspieler aller Zeiten.

Unsere Partie zeigt den langjährigen Leiter dieser Schachecke in Aktion, in der dieser in Meisterklasse 1 der bayerischen Meisterschaft 1976 einen überzeugenden Königsangriff vorträgt. Der Unterlegene sollte vier Jahre später den Titel eines Bayerischen Meisters erringen.

Weiß: Georg Böller

Schwarz: Bernd Saacke

1.e4 g6 2.f4 c6 3.d3 d5 4.Sd2 Dc7 5.Sb3 Sf6 6.e5 Sg4 7.h3 Sh6 8.g4 f6 9.Sf3 Sf7 10.De2 fxe5 11.fxe5 Lg7 12.d4 0-0 13.Le3 b6 14.Dd2 a5 15.Ld3 a4 16.Sc1 c5 17.c3 Sc6 18.Se2 a3 19.b3 Tb8 20.0-0 b5 21.Sf4 e6 22.b4 cxb4 23.cxb4 Se7 24.h4 Ld7 25.h5 g5 26.Sh3 h6 27.Tac1 Sc6 28.Lb1 Tfc8 29.Dd3 Le8 30.Dh7+ Kf8 31.Sfxg5 hxg5 32.Sxg5 Dd7 33.h6 Lxe5 34.dxe5 d4 35.Dg7+ Ke7 36.Df6+ Kf8 37.Sh7+ 1-0

Tagesnotizen: Die Partie zu Taktikaufgabe Nr. 94a wurde im B-Turnier des diesjährigen Schachfestivals von Wijk aan Zee zwischen dem tschechischen Super-GM David Navara und dem belgischen GM Bard Michiels gespielt. Die weiße Streitmacht befindet sich bereits im Angriffsmodus. Wie muss Weiß am Zug vorgehen, um die Partie für sich zu entscheiden?

Fünf gegen einen heißt es in der Vierzüger-Miniatur aus eigener Werkstatt in Aufgabe Nr. 94b. Gegen die drei weißen Leichtfiguren hat der schwarze Einzelkönig letztlich keine Chance. Eine Figur wird sich dabei als Langstreckenläufer betätigen. Sehen Sie, wie Weiß den schwarzen König in vier Zügen in die Knie zwingt?

Lösungen: Die Partie zu Taktikaufgabe Nr. 93a (Epishin - Ernst, W: Kc1, Dc5, Td1, Th4, Lf3, Lf6, Sc3, Ba2, b2, d4, e5, f2, g2 [13], S: Kg8, Dd7, Ta8, Te8, Lf8, Sb6, Sc6, Ba7, b7, c7, e6, f7, g6, h6 [14]) wurde 2004 in Italien beim Cutro Open zwischen GM Vladimir Epishin und dem schwedischen GM Thomas Ernst gespielt. Für Königsangriff hatte Weiß zu Recht den h-Bauern geopfert. Mit dem elementaren Damenopfer 1.Dxf8+! leitete der Russe stilvoll das Ende der Partie ein. Nachdem der einzige Verteidiger der schwarzen Königsstellung beseitigt ist, vollenden die weißen Angreifer das Werk. Mit 1...Kxf8 2.Txh6 (droht 3.Th8#) 2...Se7 kann Schwarz das Matt nur verzögern, nicht jedoch abwenden. Nach 3.Th8+ Sg8 gibt es gegen 4.Txg8+ (genauso gut ist 4.Tdh1 beliebig 5.Txg8+ Kxg8 6.Th8#) 4...Kxg85.Th1 und auf jeden beliebigen schwarzen Zug 6.Th8# keine Rettung.

Ein lehrbuchartiger Partiegewinn!

Mit dem Dreizüger in Aufgabe Nr. 93b (Niestroj, W: Kg6, Th4, La3, Lc6, Sb4, Bd3 [6], S: Ke5, Lg2, Sd6, Bd4, e4, e6 [6]) kam nach langer Zeit mal wieder Georg Niestroj aus Hiddenhausen zu Wort.

Bei Analyse der Ausgangsstellung stellen wir fest, dass der schwarze König zugunfähig ist. Ein Schachgebot würde also schon zum Matt reichen. So liegt der Schlagschlüssel 1.dxe4! förmlich auf der Hand, mit dem dieser Bauer Feld d3 für die Mattdrohung 2.Sd3# räumt. Diese Drohung vermag Schwarz mit 1...Lf1 oder 1...Lxe4 zu parieren.

a) Nach 1...Lf1 deckt dieser Läufer zwar ausreichend das Mattfeld d3, doch macht sich Weiß mit 2.Lc1 das Fehlen des schwarzen e-Bauern zu Nutze und droht 3.Lf4#, auch nach Wegzug des Springers d6. Die einzige Möglichkeit, dem schwarzen König ein Fluchtfeld zu verschaffen, besteht in 2...d3. Dies öffnet jedoch die Diagonale a1/h8 und erlaubt 3.Lb2#.

b) Auch mit 1...Lxe4 kontrolliert Schwarz das Mattfeld d3. Doch ist gegen 2.Txe4+ Sxe4 3.Sd3# mit reinem Matt kein Kraut gewachsen. Rein ist das Matt deshalb, weil Weiß jedes Fluchtfeld des schwarzen Königs nur aus jeweils einem Grund kontrolliert.

Eine löserfreundliche Aufgabe des bekannten Problemschachkomponisten aus Mecklenburg-Vorpommern.
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