Gedenken an das mörderische Ringen an der Isonzo-Front im Ersten Weltkrieg
Kämpfe zwischen Eis und Schnee

Mussolinis Gigantomanie hat sich hier Bahn gebrochen. 1938 entstand in Redipuglia der größte Soldatenfriedhof Italiens. Gebeine von etwa 100 000 Gefallenen des Ersten Weltkrieges ruhen hier, aufgereiht auf einer gigantischen Treppe. Die 22 Stufen sollen einen Appellplatz darstellen. Auf den Stufen findet sich vielfach das italienische "Presente" ("Hier"!) Links im Vordergrund der 75 Tonnen schwere Monolith mit den Überresten des Oberbefehlshabers der 3. Armee, Herzog von Aosta. Bilder: Klemm
 
Nicht weit von Redipuglia liegt eine Ruhestätte für 14 550 Gefallene der Habsburger Monarchie. Der Friedhof unterscheidet sich fundamental von der Monströsität der italienischen Anlage.

Wir schreiben den 23. Oktober 1917. An der Grenze, die heute Italien, Slowenien und Österreich verbindet, trennt damals der Erste Weltkrieg Freund und Feind. Die Isonzo-Front nördlich der Adria erlebt die zwölfte Schlacht.

Es sollte die mörderischste werden. Die K.-u.-k.-Monarchie hatte das Deutsche Reich um Unterstützung gebeten, weil ein Durchbruch italienischer Verbände bis nach Wien nicht auszuschließen war. Das deutsche "Alpenkorps" rückt an, dem neben bayerischen Verbänden auch Einheiten aus dem Württembergischen angehören, unter ihnen ein Kompaniechef namens Erwin Rommel, der später zum Generalfeldmarschall aufsteigen sollte.

Schwieriges Gelände

Das Gelände war denkbar schwierig. Schroffe Berghänge wechselten mit tiefen Tälern, drunten regnete es, oben fiel erster Schnee. Primitiv ausgebaute Straßen und Festungsbollwerke auf italienischer Seite ließen schnelle Vorstöße nicht erwarten. Die Soldaten beider Seiten waren abgekämpft, kriegsmüde.

Nun sollte die zwölfte und entscheidende Schlacht an diesem Frontbogen einsetzen und einen Blutzoll fordern, den die Geschichte nur kennt aus den Stellungskriegen um Verdun und Sedan in Frankreich. In den frühen Morgenstunden des 24. Oktober 1917 eröffneten deutsche und Österreich-ungarische Artilleristen das Feuer. Sie verschossen Gasgranaten auf die italienischen Stellungen. Die Verteidiger in ihren in Felsen gehauenen Unterständen und Kampfgräben hatten keine Gasmasken. Orientierungslos und halb betäubt machten sich die Überlebenden auf zum Rückzug. Mehr als 300 000 Gefangene, tausende von Geschützen und Minenwerfern fielen in die Hände der deutschen und habsburgischen Truppen. Die zwölfte Isonzo-Schlacht war am 10. November zu Ende. Bilanz: Die Verbündeten hatten 65 000 Mann verloren, die italienische Seite beklagte 10 000 Tote. 200 000 Mann waren bereits in den ersten elf großen Kämpfen an diesem Flüsschen gefallen. In Redipuglia, nordwestlich der Hafenstadt Triest, erinnert heute eine monströse Gedenkstätte an die Opfer von damals. Faschistenführer Mussolini war bei der Eröffnungszeremonie auf der riesigen Freitreppe 1938 anwesend. Man darf annehmen, dass der "Duce" die Pläne gutgeheißen hat, entspricht doch die Anlage der Marschordnung eines 100 000-Mann-Heeres, an dessen Spitze der Sarkophag des Herzogs von Aosta thront, der diese 3. Armee befehligt hatte und auf eigenen Wunsch hier bestattet wurde.

Verbissenheit und Härte

Die Frontlinie damals bog sich von der Adria bis hinein in die Dolomiten. Gebirgsjäger kämpften dort mit unglaublicher Verbissenheit und Härte. Im Feuer des Gegners mussten Soldaten Felswände erklimmen, sie verbrachten ihr Dasein in Felsspalten, Kavernen und Eishöhlen. Im Winter waren Schneeverwehungen von sechs bis acht Meter zu durchbrechen, Stollen wurden unter die gegnerischen Stellungen vorangetrieben, um die Bollwerke zu sprengen. Nachschub war spärlich, nur unter Lebensgefahr nach vorne zu bringen.

Die Pressefahrt 2015, die der Landesverband Bayern des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge alljährlich im Vorfeld des Volkstrauertages bestens vorbereitet und organisiert, diente heuer dem Gedenken an dieses mörderische Ringen im Ersten Weltkrieg, das in seiner Dimension und Dramatik den Kämpfen in Frankreich gleichkommt.

Massive Steinquader

In Norditalien pflegt und unterhält der Volksbund eine Reihe von Soldatenfriedhöfen, darunter Quero über dem Tal der Piave. Nach einem Staatsvertrag mit Rom entstand die Festungs-ähnliche Anlage im Jahr 1939. 3463 Gefallene des Ersten Weltkrieges liegen dort, Angehörige deutscher und österreich-ungarischer Einheiten.

Würden nicht die Fahnen der Nationen und die EU-Flagge über den massiven Steinquadern wehen, man könnte sich vor einer mittelalterlichen Burg mit Laufgräben und düsteren Verliesen wähnen.

Aber Friaul-Julisch Venetien, wie sich die Region heute nennt, hat mehr zu bieten als Gedenk-Orte. Sie hat touristisch Anschluss gefunden. Venedig liegt zwar nicht weit, wer aber dem Rummel dort entfliehen will, der findet um Udine und Triest Sehenswertes.

Die Römer haben hier ihre Spuren gelegt, die Hunnen einiges niedergerissen, frühchristliche Bauherren imposante Basiliken geschaffen, Venezianer sehenswerte Palazzi erbaut und die Habsburger ihre einstige Hafenstadt Triest mit prachtvollen Palästen ausgestattet.

Die Region kredenzt Weine in allen erdenklichen Qualitäten, kann von sich sagen, hier sei der Prosecco geboren und behauptet, hier liege die Wiege des köstlichen italienischen Schinkens. Triest nennt sich Kaffee-Hauptstadt Europas. Vielleicht noch in Wien finden sich solch gemütlich-romantischen Rastplätze wie hier in Triest. Bei einer frischen Tasse verfliegen die Gedanken an mörderischen Krieg, an Schneemassen, Giftgasgranaten, Friedhöfe. Zumindest kurzzeitig.
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