Gedichte übersetzt

August 1990, als der Grenzübergang Höll/Lisková offiziell wiedereröffnet wurde, zog der Schriftsteller Bernhard Setzwein von München nach Waldmünchen. In der Folgezeit lernte er bei diversen Begegnungen Autoren der tschechischen Literaturszene kennen.

Gespiegelt in deren Lebensgeschichten wurde ihm die Bedeutung der Samtenen Revolution eindrucksvoll vor Augen geführt. Bernhard Setzweins Erinnerungen beginnen im Herbst 1990, als er mit Kollegen der Regionalgruppe Ostbayern des Deutschen Schriftstellerverbandes VS das erste Mal nach Pilsen fuhr:

Es war ein nebliger Novembertag. Das Grau in Grau passte hervorragend zu den tristen Plattenbauten eines Pilsner Vorortes, wohin uns die Kollegen des "Zentrums Westböhmischer Autoren" eingeladen hatten. Auf der Hinfahrt hatten wir ostbayerischen Autoren uns noch gegenseitig befragt, ob wenigstens einer die gängigsten Floskeln auf tschechisch wüsste: Was heißt "Guten Tag", "bitte", "danke"? Fehlanzeige. Wir hatten nicht die geringste Ahnung. Was sollte das nur für ein intellektuelles Gespräch werden?

Doch dann begrüßten uns zwei - in unseren Augen - ältere Herren, Frantisek Fabian und Josef Hrubý, in ziemlich perfektem Deutsch. Im Nu war der Bann gebrochen. Große Herzlichkeit und sofortige gemeinsame Pläne: Wir würden eine bayerisch-böhmische Anthologie herausgeben, zugleich in deutscher und tschechischer Sprache, eines der ersten grenzüberschreitenden Projekte dieser Art. Die Übersetzungen besorgten Hrubý und Fabian. Auch die vom Tschechischen ins Deutsche, obwohl die besser ein Muttersprachler gemacht hätte. Aber es gab keinen Deutschen, der aus dem Tschechischen hätte übersetzen können.

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Also saßen Josef Hrubý, Frantisek Fabian und ich nächtelang in Frantas kleiner Wohnung, die er kurzerhand zum Außenministerium der Westböhmischen Autorenvereinigung deklarierte, und übersetzten Gedichte und Prosastücke für die Anthologie "Zwischen Radbuza und Regen". Ich half etwas beim deutschen Wortlaut. Und erfuhr nebenbei von den beeindruckenden Lebensgeschichten der beiden jahrzehntelangen Freunde. Der eine, Hrubý, war einmal Direktor der Stadtbibliothek gewesen, der andere Redakteur beim Pilsner Rundfunk.

Dort saßen die beiden auch während einer Live-Sendung im August 1968 und protestierten gegen den Einmarsch der Sowjetarmee (man sieht: das hat Tradition bei den Russen). Es bekam den beiden gar nicht gut. Man entfernte sie aus ihren Ämtern. Frantisek Fabian musste fortan Lastwagen fahren und die mittelalterlichen Kelleranlagen unter dem Hauptplatz freischaufeln helfen.

Ich habe die beiden nie verbittert über das Zurückliegende erzählen hören. Sie hatten sich mit ihrem Schicksal arrangiert und genossen im übrigen die neue Freiheit. Vor allem Josef Hrubý sollte ein Weltreisender in Sachen Poesie werden, selbst bei einem Poesiefestival in Kolumbien war er schon. Sein Fazit über die kommunistische Zeit, während der er Publikationsverbot hatte: Sänger oder Schauspieler hätten es viel schwerer gehabt ohne Publikum. Er hätte ja für sich daheim weiterschreiben können.

Weitaus verbitterter habe ich Ludvik Vaculik erlebt, einen der prominentesten Dissidenten der CSSR. Er hatte den Untergrundverlag Edice Petlice ins Leben gerufen und war Mit-Initiator der Charta '77 gewesen. Ich saß neben ihm im Münchner Adalbert-Stifter-Verein, als er wortgewaltig sich darüber beklagte, dass sich seit Wegfall des Eisernen Vorhangs niemand mehr für ihn interessiere. Jahrzehntelang wollten ihn alle westeuropäischen Medien ständig zur Lage in der kommunistischen CSSR befragen. Mittlerweile sei es so, dass kaum mehr eines seiner Bücher lieferbar sei. Er leitete daraus enttäuscht ab, dass man sich nie wirklich für seine Literatur interessiert habe. Mit Recht!

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Großartige Kollegen

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Immerhin gab ihm der Adalbert-Stifter-Verein noch ein Forum. Wie überhaupt gesagt werden muss: Es gibt wohl kaum einen zweiten, der für den deutsch-tschechischen Literatenaustausch soviel getan hat wie Peter Becher, der Geschäftsführer der in München beheimateten Vertriebenen-Organisation. Ihm habe ich viele Einladungen zu Treffen zu verdanken, bei denen ich großartige Kollegen aus dem Nachbarland kennenlernte. Am eindrücklichsten im Gedächtnis geblieben ist mir das erste dieser Treffen im April 1994. Vier Prager, vier Dresdner und vier Münchner Autoren reisten zusammen in jede der drei Städte, die Einheimischen stellten jeweils die Auswärtigen bei einer öffentlichen Lesung vor. Wir hatten viel gemeinsame Zeit und fühlten uns wie ein eingeschworener Haufen fahrender Sänger.

Einer der Teilnehmer auf tschechischer Seite war Jachým Topol. Gerade war sein fulminanter Nachwenderoman "Sestra" ("Die Schwester", 1998) erschienen, ein Buch, das in Tschechien einschlug wie ein Meteorit. Ich habe mich damals viel mit Jachým Topol unterhalten, in Englisch. Denn hier war es anders als mit den älteren Freunden in Pilsen, die mit ihren Deutschkenntnissen alles leichter gemacht hatten. Topol oder auch Michal Viewegh, gleiche Generation wie ich, konnten kein Deutsch. Und ich kein Russisch.

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Diesseits und jenseits

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Topol hat mir viel aus seinem Leben erzählt. Dass er nicht studieren durfte, weil sein Vater, ein berühmter Dramatiker, Mitinitiator der Charta '77 war. Dass ihn die Staatssicherheit schon als Jugendlicher auf dem Kieker hatte und er in der Psychiatrie landete, weil er den Kriegsdienst mit der Waffe verweigerte ... genau wie ich, nur mit dem Unterschied: Außer einem sehr erfahrungsreichen Zivildienst mit Behinderten passierte mir nichts. Er lebte in einer WG, ständig bedroht von Hausdurchsuchungen und Verhaftungen. Wie genoss er da das Heinrich-Böll-Stipendium in Köln. Während nur drei Monaten schrieb er dort die 650 Seiten seines Romans "Sestra". Solche Begegnungen waren es, die mich immer sehr nachdenklich machten über die so unterschiedlichen Lebensläufe dies- und jenseits der Grenze.

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Zum Autor Bernhard Setzwein: Geboren 1960 in München. Studium der Germanistik. Seit 1985 freischaffender Autor, lebt seit 1990 in Waldmünchen an der bayerisch-böhmischen Grenze.

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Weitere Informationen im Internet:

http://www.bernhardsetzwein.de
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