Geheimnisse lüften

Zünftige Feste, lustige Feiern oder das Ergebnis einer erfolgreichen Jagd sind nicht gerade typische Szenen, die man in einer Krippe vermutet. Das Egerland-Museum zeigt in einer Ausstellung eine Vielzahl von Krippen, in denen nicht nur die Heilige Familie zu sehen ist.

Ein großes Ereignis in einer kleinen Welt kündigen die Verantwortlichen des Egerland Museums an: Bis Ende März 2015 zeigen sie außergewöhnliche Krippen aus dem Egerland und Marktredwitz. Und dabei sind die Krippen etwa nicht nur aus dem klassischen Holz geschnitzt, sondern aus Ton, Porzellan, Papier und Pflanzen gefertigt. Tragant ist eine Hülsenfrucht, die zu Pulver verarbeitet wird. "Vermischt mit Zucker, Mehl, Gummi Arabicum und Zitronensaft ergibt es eine Masse wie Porzellan", wie Museumsleiter Volker Dittmar weiß. Die aus dem Gemisch gefertigten Figuren härten dann an der Luft aus.

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"Das Egerland ist die krippenreichste Gegend Böhmens", sagt Dittmar. Und zwar vom 19. bis ins 20. Jahrhundert hinein. Keine andere Krippenlandschaft sei außerdem so vielfältig. Hier stellten die Bürger über die Weihnachtszeit Krippen in ihren Wohnzimmern und Stuben auf. Die Materialien bekamen die Hersteller aus der Umgebung. In der Ausstellung wird diese Vielfältigkeit der Egerländer Krippenlandschaft präsentiert.

Dazu gehören Kastenkrippen aus Königsberg an der Eger, Krippen mit Porzellanfiguren aus der Gegend um Elbogen und Schlaggenwald sowie geschnitzte Krippen aus dem Tachauer Gebiet. Überraschen dürfte die Besucher die Tatsache, dass es die protestantische Bevölkerung war, die das eigentlich katholische Krippenwesen aufnahm. Ist doch die Vermutung verbreitet, dass es die Katholiken waren, die den Krippenbau pflegten.

Mit der auf etwa 160 Quadratmeter großen Ausstellung wollen Dittmar und wissenschaftlicher Mitarbeiter Robert Grötschel einen Bogen von Marktredwitz nach Böhmen schlagen. Die Schau ist in drei Teile gegliedert. Der erste befasst sich mit der Vielfalt der Egerländer Krippen. Krippen und Figuren aus der Sammlung von Karl Schenkl nehmen den zweiten Part der Ausstellung ein. Das Töpfergewerbe der Marktredwitzer Krippen findet im dritten Teil Platz.

In den Egerländer Krippen, die Ende des 19. Jahrhunderts entstanden, ist die Detailverliebtheit zu erkennen. "Damit die Besucher auch möglichst viel sehen, bekommen sie von uns am Eingang Taschenlampen", erklärt Dittmar. Und die sind auch nötig: In den Kästen, in denen sich die Krippen befinden, sind die Szenen in ein Berg- und Grottensystem eingebaut. Funkelnde Berge, Höhlen und Gebäude halten da so manches geheim. Ausgeleuchtet mit der Taschenlampe entdecken die Zuschauer zum Beispiel die Vertreibung Adams und Evas aus dem Paradies, die Geburt Christi, das asketische Leben eines Mönchs oder einen Brunnen, aus dem Wasser zu sprudeln scheint.

Ein Brett, gebaut aus verschiedenen Latten, ist der Untergrund der Krippen. Aus einem Leim-Kreide-Gemisch wurden die Berge modelliert und mit Glimmer versehen. Aus Moosen und Flechten der Region gestalteten die Erbauer die Naturlandschaft. "Die Krippen waren nicht billig", wie Dittmar weiß. "Nur wohlhabende Leute konnten sich so etwas leisten." Auch exotische Materialien fanden Gebrauch in den Krippen: In einer Kastenkrippe von 1835 wurde zum Beispiel ein Schildkrötenpanzer verarbeitet. Dieser Teil der Ausstellung wird 2015 in die Dauerausstellung ins Egerland-Museum eingepflegt.

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Bis zu 150 Jahre alt

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Herzstück der musealen Präsentation im Marktredwitzer Teil ist die Tonfigurensammlung des Sammlers Karl Schenkl. Und der hat sich dafür etwas ganz besonderes einfallen lassen. Denn wer genau hinsieht, entdeckt Schenkl höchstpersönlich: Der Sammler hat sich selbst als Figur mittels 3-D-Drucker in seine Krippenlandschaft eingebaut. Mit der Sammlung Schenkl kann eindrucksvoll die große Vielfalt der Krippenfiguren aus den Marktredwitzer Werkstätten der Töpferfamilien Meyer und Patz gezeigt werden. Manche Stücke sind bis zu 150 Jahre alt. "Die Hersteller haben die Vorbilder für ihre Krippenfiguren aus Zeitungsartikeln", weiß Grötschel. Nach Vorlage eines Bildes, auf dem ein Adler versucht, einer Mutter ihr Kind zu entreißen, hat ein Kripperer eine seiner Tonfiguren gestaltet.

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Volksleben und Alltag

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In zahlreichen Schaukästen sind Tonfiguren und Häuserkulissen aus den Marktredwitzer Landschaftskrippen nachgestellt. Originale Fundstücke aus der Meyerschen Töpferwerkstatt wie ein alter Farbkasten oder Vorlagen für die Figuren geben Aufschluss über das seltene und qualitätsvolle Marktredwitzer Kunsthandwerk. Die zwei Töpfereien Meyer und Patz haben laut Dittmar Hunderttausende Figuren geschaffen.

Eine weitere Überraschung der Ausstellung: Nicht nur typische Weihnachtsszenen wie die Geburt Jesu, die Heiligen Drei Könige oder die Ankunft der Hirten sind zu sehen. Da geht es bei dem ein oder anderen Fest auch schon mal zünftig zu, da klaut ein Hund schon mal die Wurst vom Teller, werden schon mal Küsse ausgetauscht. "Man wollte mehr Volksleben darstellen, Bierfeste, Handwerker. Szenen aus dem Alltagsleben eben", erzählt Dittmar. Auch den Alpentourismus haben die Kripperer in ihre Werke mit aufgenommen. "Sie haben sich diese Welt im kleinen in die Krippen reingeholt", erklärt Dittmar.

Als "einmaliges Herzstück der Ausstellung" bezeichnet Dittmar die Papierkrippe von Nada Blagajne: Die Slowenin bastelte sich Weihnachten 1944 aus einer Papiertüte eine Krippe. "Um sich selbst Mut zu machen", erzählt der Museumsleiter. "Sie war Gefangene im KZ in Zwodau bei Falkenau, eine Außenstelle des KZ Flossenbürg." Über der heiligen Familie hängt ein fünfzackiger Stern, in den Blagajne das Wort "Pax" geschrieben hat - lateinisch für Frieden.

"Mit dieser Ausstellung wird Marktredwitz zur ,Krippenhauptstadt' und ein zentraler Ort für alle", beschreibt Dittmar mit einem Schmunzeln die grenzübergreifende Krippenausstellung. Passend zur Schau haben Dittmar und Grötschel einen zweisprachigen Katalog (deutsch und tschechisch) herausgebracht, der über 600 Seiten umfasst.
Weitere Beiträge zu den Themen: Magazin (11335)12-2014 (6638)
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