Gemeinsam unterwegs

Für Günter Moser gibt es keine größere Feier des Daseins, als Kampieren unter freiem Himmel. Nicht einmal eine Zeltplane passt dann mehr zwischen ihn, das Wetter, die Welt und den Kosmos. Er braucht diesen unmittelbaren Kontakt zu den Elementen. Anders geht es nicht. Nur so können jene großartigen Landschaftsfotografien gelingen, für die er seit Jahrzehnten bekannt ist.

Er hat mir schon vor Monaten versichert, er werde am 19. November sicher nicht zu Hause sein. Weil da ziehe er hinaus in die Natur, auf einen Berg im Bayerischen Wald, schlage mit zwei, drei allerengsten Freunden ein Biwak auf und lasse diesen Tag und die Nacht unter freiem Himmel vorbei ziehen. Wie ich ihn kenne, wird ihn nichts davon abhalten können. Weder ein Sauwetter noch der Umstand, 70 Jahre alt zu werden.

Seit Jahr und Tag versucht mir Günter Moser begreiflich zu machen, dass aus Spätaufstehern niemals gute Fotografen werden können. Das Morgenlicht macht es aus. Gott sei Dank will und muss ich kein guter Fotograf werden und darf im Bett liegen bleiben. Wir haben uns auf diese Aufgabenteilung geeinigt und dabei doch eine Reihe nicht ganz unansehnlicher Bücher zustande gebracht, wie zuletzt den Bildband über den Arber oder über Wallfahrtsstätten der Oberpfalz unter dem Titel "Heilige Berge - Heilige Quellen".

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Wir waren viel gemeinsam unterwegs, zu Zwecken der Recherche für diese Bücher. Ich hab ihn also schon ein wenig kennengelernt mit den Jahren, den Moser Günter, und kann daher bezeugen: Er ist ein unerbittlicher Frühaufsteher. Auch ließ er nie davon ab, mich mit viel enthusiastischer Redegabe von dieser Lebensweise überzeugen zu wollen. Vergeblich! Ich blieb bei meinem Spätaufstehertum und konnte als Verteidigung nur so Dinge vorbringen wie: Marcel Proust hat sein Riesenwerk "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" auch im Bett geschrieben.

Damit ließ er sich beschwichtigen, der Moser Günter. Weil die liegt ihm selber auch sehr am Herzen, die Suche nach der verlorenen Zeit. Ich vermute fast, er ist ein wenig ein Nostalgiker. Wortreich hat er mir von seinen verlorenen Zeiten erzählt. Wie er, der 1944 Geborene, die frühen Kindheitsjahre nach dem Krieg erlebt hat, als er, landverschickt sozusagen, viel Zeit bei seiner Großmutter in Traidersdorf nahe Kötzting verbrachte. Die führte zwar ein Leben lang eine extrem bedürfnislose Existenz, konnte aber auf dem Bauernhof des Onkels, wo sie Wohnrecht genoss, trotzdem besser für das Durchkommen von Tochter und Enkel in der kargen Nachkriegszeit sorgen, als wenn der kleine Günter mit seiner Mutter in Amberg geblieben wäre, wo er eigentlich zur Welt gekommen war.

Seinen Blick für die Natur, für die Landschaft, aber auch für das Leben der einfachen Leut' hat er schon damals in Traidersdorf und Umgebung geschult. Er idealisiert dieses Leben nicht, obwohl ihm manches daran sicherlich erstrebenswerter erscheint als so manche Neuerung unseres durchtechnologisierten Alltags heutzutage. Wahrscheinlich bringt es ein Titel aus dem Programm des Buch- und Kunstverlages Oberpfalz am besten auf den Punkt, welche Erkenntnis Günter Moser bei seiner Suche nach der verlorenen Zeit gemacht hat. "Schee is gwen, owa hirt".

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"Schwarze Reihe"

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Womit wir bei einer weiteren Tätigkeit des Mannes mit der Kamera wären. Denn Günter Moser hat ja keineswegs nur fotografiert in seinem Leben. Er hat vielmehr das Druckgewerbe in all seinen Facetten kennengelernt. Wäre es nach dem Vater gegangen, hätte er Sparkassler werden sollen. Das wollte er aber nicht, und ging daher zur Amberger Zeitung, um eine Buchdruckerlehre zu beginnen.

Nach dem Erwerb der Fachschulreife in der Berufsaufbauschule setzte er noch den Buchdrucker-Meister darauf und war so schließlich prädestiniert, ab 1989 nicht nur das Druckhaus Oberpfalz, sondern auch gleich den neu gegründeten Buch- und Kunstverlag als Verlagsleiter zu führen. Nun flossen sozusagen alle Fertigkeiten und Leidenschaften in eins: Günter Moser konnte aus seinem ungeheuren, über Jahrzehnte hin angelegten Fundus jene Fotos auswählen, mit denen er dann als Buchgestalter und Layouter gleich selber jene Bücher druckte, für die der Buch- und Kunstverlag seit 25 Jahren steht.

Die "Schwarze Reihe" war zum Beispiel eine Idee des Buchmenschen Moser, die schon mit ihrem edlen, schwarz-glänzenden Äußeren anzeigte, was den Betrachter und Leser hier erwartete: künstlerische Hochglanzfotografie zu Landschaften und Städten der Heimatregion, also zum Beispiel zum Bayerischen und zum Oberpfälzer Wald, zum Jura, Fichtelgebirge und Stiftland, aber auch zu Amberg und Weiden. Und dass Günter Moser schon immer auch ein Gespür für Literatur hatte, stellt zum Beispiel die Anthologie "Zwischen Radbuza und Regen" unter Beweis.

Dieses 1993 erschienene Buch ist insofern bemerkenswert, als es eine der ersten bayerisch-böhmischen Kooperationen nach Wegfall des Eisernen Vorhangs darstellt. Autoren von diesseits und jenseits der Grenze trugen zu diesem gleichzeitig in tschechischer und deutscher Sprache erschienenen Buch bei, ein Novum damals. Auch in diesem Sinne also Frühaufsteher! Und Grenzgänger sowieso, im Grenzgebirge der Böhmischen Masse, jenem Ort, wo Günter Moser daheim ist. Möge ihm für das Geburtstagbiwak dort ein besonders idyllisches und lauschiges Platzerl bereitstehen!
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