Germanisches Nationalmuseum zeigt fantastische Bilderwelten zwischen Grauen und Komik
Die Monster sind los

Die Skulptur eines Einhorn-Kopfes ist im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg in der Ausstellung "Monster. Fantastische Bilderwelten zwischen Grauen und Komik" zu sehen. Die Sonderausstellung präsentiert vom bis 9. September Monstermythen vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Bild: dpa
 
Die Sirene mit Fischschwanz stammt wohl aus dem 19. Jahrhundert. Paracelsu sbezeichnete sie als "monstra" und "mißgewechs", weil sie nicht gebären konnten. Bild: Museum

Feuerspeiende Drachen, dämonisches Höllengetier und gutmütige Fabelwesen: Monster bevölkern bis 6. September das Germanische Nationalmuseum in Nürnberg. Erstmals widmet sich eine Sonderausstellung geheimnisvollen Monstermythen vom Mittelalter bis zur Gegenwart.

Ihr Blick wirkt eiskalt und bedrohlich. Die Haare winden sich wie Schlangen um den Kopf. Ihr Mund öffnet sich zu einem stummen Schrei. Einst gab sie sich Poseidons Verführungskünsten hin. Doch die eifersüchtige Athene ließ sie enthaupten und benutzte ihren Kopf als Abwehrschild gegen die Feinde im Feldzug. Franz von Stuck hat dieses Frauenbild 1892 gemalt. Die antike Sagengestalt der Medusa dient im Germanischen Museum Nürnberg als Leitmotiv einer Ausstellung, die berührt, fasziniert und für ein klein wenig Gänsehaut sorgt.

Unheimlich und schön

Ovid war überzeugt: Wer ihr in die Augen blickt, wird versteinert. Und doch kann man sich ihrem Blick nicht entziehen. Von Stucks Medusa geht eine ambivalente Faszination aus: sie ist unheimlich und schön zugleich. Eine Erfahrung, die der Betrachter bei vielen der 230 Exponaten macht, die in der Sonderschau "Monster. Fantastische Bilderwelten zwischen Grauen und Komik" bis 6. September zu sehen sind. Zugleich geht es um die Frage: Wovor fürchten wir uns eigentlich? Und warum? Was macht ein Wesen zum Unwesen oder gar zu einem Monster? Eine der Antworten lautet: Meist ist es das Fremde und Unbekannte, das den Menschen Unbehagen bereitet.

Beeindruckend ist die große Kreativität, mit der Künstler sich mysteriöse Fabelwesen erdachten. Mit schöpferischer Fantasie erfinden sie Mischgestalten zwischen Tier und Mensch, unheimliche Höllenbewohner, aber auch Feuer speiende Drachen oder das friedliche Einhorn, ein Pferd mit Narwalzahn als Horn. Drei außergewöhnliche Leihgaben stammen aus Italien: Sirenen und Basilisken, die aus einem Rochen und aus Tierteilen wie Fischschwanz, Vogelklauen und Nagezähnen für Wunderkammern zusammengefügt wurden.

Andere Wesen basieren auf der menschlichen Figur: der so genannte "Wilde Mann", dessen Körper komplett behaart ist oder Wundervölker und Bewohner fremder Länder mit Ohren wie die eines Elefanten. Auch der Vampir gehört in diese Kategorie, der den friedlich Schlafenden das Blut aus den Adern saugt. Geschichten berichten vom gefährlichen Drachen, gegen den der Heilige Georg kämpfte, von unheimlichen Teufeln und Dämonen, die einen in die Hölle hinabziehen wollen oder von Menschenfressern, die in der Fremde ihr Unwesen treiben. Zu den Prunkstücken zählt das 1382 entstandene Werk des italienischen Geistlichen Jacobus de Terano, das später unter dem Titel "Belial" berühmt werden sollte.

Im 19. Jahrhundert vollzieht sich ein Wandel in der Legendenbildung. Romane erscheinen, in denen sich die Hauptfigur den fremden Wesen zu nähern wagt und sie kennenlernen möchte. Das Fremde wird vertraut, der vermeintlich furchterregende Drache zum Freund und Beschützer. Vor allem Kindergeschichten greifen dieses Motiv gerne auf. Stellvertretend steht dafür das Buch "Wo die wilden Kerle wohnen", in dem der kleine Junge Max schließlich von den im Wald lebenden "Wilden Kerlen" zum König gewählt wird. Auch Einhörner treten in der Populärkultur immer öfter als sanfte, meist rosafarbene Begleiter von Märchenheldinnen auf.

Maximale Reaktionen

Der Film erwies sich rasch als ideales Medium monströser Figuren. Als erstes ursprüngliches Film-Monster ohne jegliche literarische Wurzel gilt "King Kong" (1933). Er wurde, wie sein späteres japanisches Pedant "Gojira" ("Godzilla", 1954) unmittelbar fürs Kino erschaffen. Ziel war in erster Linie, bei den Zuschauern maximale visuelle und auditive (Schock-)Reaktionen hervorzurufen. Nicht zuletzt der kommerzielle Erfolg dieser Schock-Ästhetik führte dazu, dass Sound- und Animationseffekte ständig optimiert wurden. Man denke nur an die Effekte des computergenerierten "Morphing" in "Terminator 2" aus dem Jahr 1991. Ob die Filmbeispiele, die in der Ausstellung anfangs gezeigt wurden, weiter im Programm bleiben, wird sich zeigen.



Ein weites Feld tut sich also auf in dieser Sonderschau, die den Betrachter durch die Geschichte der Monstermythen führt - vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Gemälde von Edvard Munch und Max Beckmann sind hier ebenso vertreten wie grafische Blätter von Albrecht Dürer und Federico Zuccari.

Der berühmte Codex Aureus Epternacensis ist zu sehen, das Einhorn der Altöttinger Einhornapotheke, Wandteppiche, Filmplakate und Videos, aber auch die ironisch-satirischen "Monster des Alltags", die der Zeichner und Kabarettist Christian Moser Anfang des 21. Jahrhunderts mit eindrücklichen Strichen in Szene setzte. Eines der Lieblingsmonster des Künstlers, der mit 47 Jahren einem Infarkt erlag, war der "Übermut". Er ist auch heute noch ein Mittel gegen all die bedrohlichen Geister, die man nur mit Zivilcourage oder eben "über-mutig" bannen kann.




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Informationen

Ausstellung: "Monster. Fantastische Bilderwelten zwischen Grauen und Komik. Bis 6. September.
Ort: Germanisches Nationalmuseum, Kartäusergasse 1, 90402 Nürnberg.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10-18 Uhr; Mittwoch 10-21 Uhr.
Kontakt-Telefon: 0911/1331-0.

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