Gesamte Bandbreite

Niemand durfte so frei reisen wie er. Überall, wo er hinkam, streute er Kindern Sand in die Augen. Allerdings protestierten nach seinem ersten Fernsehauftritt die Eltern. Schlief der kleine Wicht doch tatsächlich an einer Straßenecke ein - ein obdachloser Sandmann, das geht nun wirklich nicht!

In diesem Jahr wird der Sandmann 55 Jahre alt. Und nicht nur an ihn erinnert die mit viel Liebe und Sorgfalt erarbeitete Ausstellung "made in GDR" im Nürnberger Spielzeugmuseum. Passend zum 25. Jahrestag des Mauerfalls werden erstmals Einblicke in die Spielzeuggeschichte der ehemaligen DDR gewährt.

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Dem Besucher der faszinierenden Schau geht es wie dem Sandmann, der einst ins Schlaraffenland flog. Durfte er sich an Wolken aus Zuckerwatte oder Bonbon-Bäumen ergötzen, so machen in den Vitrinen Plastikhunde in leuchtendem Orange oder eine Puppe in pinkfarbenem Kleidchen Geschmack auf mehr. Über 400 Exponate aus den Jahren 1949 bis 1990 sind zu sehen - vom Militärspielzeug über Baukästen und anderen technischen Herausforderungen bis hin zu Modelleisenbahnen und Kaufläden. Natürlich dürfen auch der Kobold Pittiplatsch und die Ente Schnatterinchen nicht fehlen, die beiden beliebten Puppenfiguren des Deutschen Fernsehfunks. "Wir setzen bei dieser Schau nicht so sehr auf Ostalgie, sondern wollen die gesamte Bandbreite des produzierten Spielzeugs zeigen", unterstreicht Museumschefin Karin Falkenberg bei der Eröffnung.

Ein Teil der Schau stammt aus der Sammlung von Eric Palitzsch aus Rabenau bei Dresden. Der 41-Jährige hat sich seit seinem 15. Lebensjahr auf DDR-Spielzeug spezialisiert. Auch das Stadtmuseum in Meißen ist mit Exponaten vertreten. Eigene Bestände des Spielzeugmuseums, Archivalien aus Berlin, Leipzig und Sonneberg sowie privaten Leihgaben ergänzen die Ausstellung, die bis 1. März in Nürnberg zu bewundern ist. Jahrhundertelang lagen bedeutende Zentren der deutschen Spielwarenindustrie in Sachsen, Thüringen und dem Berliner Raum. Hier wurden wirtschaftlich erfolgreich Spielzeugmuster entwickelt und in Produktion gebracht. Von hier aus wurde weltweit gehandelt und verkauft.

Die Folgen des Zweiten Weltkriegs brachten jedoch gravierende wirtschaftliche Änderungen für die deutsche Spielwarenproduktion mit sich. Die Gründung der DDR 1949 und der Mauerbau 1961 verursachten wirtschaftliche Zäsuren und die Verstaatlichung nahezu aller Betriebe im Jahr 1972. Zugleich blieb Spielzeug in der DDR 40 Jahre lang ein gewinnbringender Exportfaktor - "made in GDR" war durchaus ein Qualitätsmerkmal.

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Eigene Produktgruppe

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Grund dafür war, dass sich Ausbildungsberufe entwickelten, die sich ganz der Spielwarenproduktion widmeten. Die Palette reichte vom Facharbeiter und Meister bis hin zum "Diplomformgestalter". Prägend waren hier die Lehrbetriebe in Thüringen, im sächsischen Erzgebirge, die Fachschule für angewandte Kunst in Sonneberg sowie das Institut für Spielzeug und die Hochschule für industrielle Formgestaltung in Halle. Verschiedene von staatlicher Seite herausgegebenen Design-Auszeichnungen, Messemedaillen und Gütesiegel beflügelten die Motivation, "gutes Spielzeug" zu entwickeln. Zu den Spitzenerzeugnissen zählten moderne Holzspielwaren, Puppen, Plüschtiere und Konstruktionsspielzeug. Als eigene Produktgruppe entstand das "Therapeutische Spielzeug" für Kinder mit Handicap.

In den 1970er und 80er Jahren wurde vor allem die Produktgruppe Kunststoff- und Elektromechanisches Spielzeug ausgebaut. Paradebeispiel dafür sind die Fahrzeuge, Hausgeräte, Modellspielwaren oder Bahnen von PIKO, Mechanische Spielwaren Brandenburg (MSB) oder Plasticart. Parallel zur Technikbegeisterung im Westen spiegelte sich der wissenschaftlich-technische Fortschritt der DDR in Nachbauten der sowjetischen Flug- und Weltraumtechnik. Eine häufig vom technischen Spiel beeinflusste forschende, bastelnde und konstruierende "Breitenbewegung" fand ihr Podium in der "Messe der Meister von Morgen" (MMM). Diesen Jugendwettbewerb der DDR könnte man mit dem einige Jahre später eingerichteten Wettbewerb "Jugend forscht" in der BRD vergleichen.

Die Nürnberger Ausstellung bietet also nicht nur einen informativen Einblick in die Geschichte des Spielzeugs, sondern lüftet auch ein wenig den Vorhang über der DDR. Pionierpuppen, Soldatenfiguren und Panzer erinnern an den ideologischen Rahmen; Kataloge, Preislisten und Garantiescheine an die wirtschaftlichen Bedingungen der Spielzeugproduktion. Vieles wurde auch fürs westliche Ausland hergestellt, wie englische Beschreibungen und schicke Exportkartons beweisen. Für Eric Palitzsch, Jahrgang 1973, gehört das alles zusammen. "Es ist ein wichtiges Stück Zeitgeschichte, das bewahrt werden sollte", sagt er.
Weitere Beiträge zu den Themen: Magazin (11335)12-2014 (6638)
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