Geschichte mit Witz

Die Regensburger Seidenplantage hat eine lange Tradition. Leider lief das Geschäft nicht immer so wie es sollte. Der Urururenkel des Aktionärs der damaligen Plantage greift nun zu einem anderen Mittel, um die bayerische Seide wieder auf Kurs zu bringen.

Ist es nun bayerische Traditionsverbundenheit oder einfach nur bayerische Dickschädeligkeit? Fritz Pustet weiß es selbst nicht so genau. Eines jedenfalls steht fest: Über Jahrhunderte hinweg wurde in Bayern mit Verbissenheit daran gearbeitet, eigene Seide herzustellen. Regensburg durfte sich dabei im 19. Jahrhundert als "Zentrum der bayerischen Seidenzucht" rühmen. Ein etwas hochtrabender Ruf.

Denn der Ertrag war trotz aller Bemühungen äußerst bescheiden. Fest steht auch: Die Seidenplantage, die sich noch heute auf den Winzerer Höhen erhebt, hat ihre Faszination erhalten. Als ehemaliges Tanzcafé noch vielen Regensburgern im Gedächtnis geblieben, erstrahlen die renovierten Gebäude mittlerweile in neuem Glanz.

___ ___

Beim etwas kopfschüttelnd dastehenden Verleger Fritz Pustet liegt die Hinwendung zur bayerischen Seide sogar in der Familie. War es doch sein Vorfahr, der Verleger Friedrich Pustet, der das Projekt Seidenplantage einst als Aktionär hoffnungsvoll mit unterstützt hatte. Von der investierten Summe erhielt der Unternehmer zwar kaum etwas zurück - die anspruchsvollen Seidenraupen dankten die ihnen entgegen gebrachte Zuwendung ebenso wenig wie die empfindlichen Maulbeerbäume.

Pustets Urururenkel gibt aber auch Generationen später nicht auf. Fritz Pustet bewegt sich dabei jedoch auf vertrauterem Terrain. Er macht die bayerische Seide zwar erneut zum Geschäftsprojekt. Allerdings in Form eines neuen Buches.

"Bayerische Seide. Ein schöner Traum" lautet der Titel des fast 200 Seiten umfassenden Bandes, der auf der Regensburger Seidenplantage vorgestellt wurde. Der ehemalige Landwirtschaftsdirektor Theodor Häußler widmet sich dem exotischen Thema darin mit viel geschichtlichem Fachwissen, aber auch mit einer gehörigen Portion Augenzwinkern.

"Zur Seidenzucht braucht man Maulbeerbäume, deren Blätter die Futtergrundlage der Seidenraupen bilden", führte der Autor zu Beginn seines Vortrages bei der Buchpräsentation in die Thematik ein. Genau hier lag das Problem. "Der Weiße Maulbeerbaum ist zu frostempfindlich, um in Bayern dauerhaft zu gedeihen. Daran sind letztendlich alle Versuche gescheitert, die Seidenzucht hier zu etablieren." Was aus dem Munde Theodor Häußlers so logisch klingt, war für die engagierten bayerischen Seidenproduzenten schwer zu schlucken.

Bevor die 1833 in Regensburg gegründete und mit dem königlichen Segen versehene "Gesellschaft zur Beförderung der Seidenzucht in Bayern" um 1860 endgültig aufgab, durchlebte das Unternehmen eine mühsame Zeit. "Einmal vernichtete ein Spätfrost den Austrieb der Maulbeerbäume, ein andermal war das Futter durch ständiges Regenwetter immer nass, was den Raupen kräftigen Durchfall bescherte. Irgendetwas war immer Schuld", fasste es Theodor Häußler bei seinem Vortrag zusammen.

Dabei konnte die Regensburger Seidenraupenzucht wenn schon nicht auf eine produktive, so doch auf eine lange Tradition zurückblicken. Bereits im Jahre 1353 schrieb der Regensburger Universalgelehrte Konrad von Megenberg in seinem Werk "Ökonomik": "Solche Raupen (gemeint sind die Seidenraupen) werden auch an manchen Orten Deutschlands gezüchtet und besonders in unserer königlichen Stadt Regensburg. Aus der Seide dieser Raupen werden aber in höherem Maße Frauenschleier gewebt als andere Seidenstoffe."

___

Trotz Qualität kein Erfolg

___

Von "hohem Maße" konnte einige Jahrhunderte später kaum mehr die Rede sein. Nachdem die Gesellschaft zur Beförderung der Seidenzucht in den 1830er Jahren 20 000 Maulbeerbäume auf den Winzerer Höhen gepflanzt und die sogenannte Magnanerie mit 400 000 Raupen bevölkert hatte, blieb der erhoffte Erfolg aus.

Maulbeerbäume und Raupen wurden zwar 1839 von König Ludwig I. höchstpersönlich in Augenschein genommen. Der Ertrag allerdings erwies sich als sehr gering. Er lag bei 15 bis 40 Pfund reiner Seide pro Jahr. Ein schwacher Trost: Die Regensburger Seide war von bester Qualität und erhielt hohe Auszeichnungen.

Die gerade einmal 25 Seidentücher, die das Ergebnis der ersten acht Jahre waren, wurden verlost unter den Aktionären, die die Seidenplantage anfangs großzügig unterstützt hatten. Großzügig übrigens im unfreiwilligen Sinne: Von den 50 Gulden, die für eine Aktie entrichtet worden waren, wurden nach der Schließung der Plantage 31 Kreuzer ausgezahlt. "Ein Chronist meinte, dass die Seidentüchlein dazu dienten, die Tränen abzuwischen, die wegen der ausbleibenden Dividende und des drohenden Verlustes der Einlage geflossen sind", weiß Häußler.

"Das Geld war also futsch, auch für den Verleger Pustet", endete der Autor seinen Vortrag etwas salopp. Das Anwesen der Seidenplantage wurde zum Tanzlokal umfunktioniert und erst 1997 von der Familie der ehemaligen Besitzer Schober zurückerworben. "Heute präsentiert sich die Seidenplantage schöner als je zu vor", befand Häußler. Und fügte hinzu: "Ich hoffe, dass der neue Seidenband den Verlust von damals wieder einspielt."

"Mein Urururgroßvater dachte eben zukunftsorientiert", konterte Fritz Pustet denn auch sofort. Der Verleger jedenfalls übergibt das Buch "Bayerische Seide" gut gelaunt der Öffentlichkeit.

Einen weiteren Versuch, die Seidenraupenzucht voranzutreiben, gab es übrigens im Dritten Reich. Der damalige Oberbürgermeister Dr. Otto Schottenheim ordnete 1937 an, in "seiner Siedlung", der heutigen Konradsiedlung, Maulbeerbäume zu pflanzen. Ausschlaggebend dafür war nicht mehr die Verlockung, ein edles und wertvolles Gewebe selbst zu erzeugen. Der Grund lag vielmehr bei den Bedürfnissen der Deutschen Wehrmacht. Die brauchte nämlich dringend Fallschirmseide. Dass auch dieser erneute Versuch von wenig Erfolg gekrönt war - bei der Fütterung und Pflege der Seidenraupen sollten diesmal Schulkinder mit einbezogen werden -, verwundert kaum.

___

180 Jahre alter Baum

___

Eine Handvoll Maulbeerbäume stehen seitdem noch in der Konradsiedlung und auch am Ziegetsberg. Auf der einstigen Seidenplantage, die streng genommen eigentlich eine Maulbeerplantage war, befindet sich nur noch ein letztes Relikt: Ein etwa 180 Jahre alter Weißer Maulbeerbaum erhebt sich dort oberhalb der Straße. "Nicht mehr so recht in Saft und Kraft gleicht er eher einer Baumruine", urteilt Häußler recht gnadenlos. Wenn man so mag, kann man den Baum auch als ein Sinnbild sehen: für bayerische Dickschädeligkeit.

___

"Bayerische Seide. Ein schöner Traum" von Theodor Häußler ist im Verlag Friedrich Pustet erschienen und kostet 19,95 Euro und ist auch als eBook erhältlich.

___

Weitere Informationen im Internet:

http://www.verlag-pustet.de
Weitere Beiträge zu den Themen: Magazin (11335)Januar 2015 (7957)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.