Geschnitten wie die Weltmeister

Mit einer Gedenkfeier begehen Politiker und geladene Gäste am Dienstag den 25. Jahrestag der Grenzöffnung. Bereits fünf Jahre früher hatte Josef Balk - ganz offiziell und mit Genehmigung der CSSR - den Schlagbaum zwischen Bayern und Böhmen entfernt.

Vor 25 Jahren durchtrennten Außenminister Hans-Dietrich Genscher und sein tschechischer Amtskollege Jirí Dienstbier den Stacheldrahtzaun als markantestes Merkmal des Eisernen Vorhangs zwischen Ost und West. Bolzenschneider hatte und hat der Werkstattbetreiber Josef Balk schon von Berufs wegen fast wie Sand am Meer.

Wer hat jenes Werkzeug nun tatsächlich zur Verfügung gestellt, das auf dem Foto mit Dienstbier und Genscher einst um die Welt ging?

Sicher ist, dass der damalige Waidhauser Bürgermeister Gustl Reichenberger mit mehreren Exemplaren vorgesorgt hatte. Er war ja auf deutscher Seite federführend in die Organisation dieses Ereignisses vom 23. Dezember 1989 eingebunden. Das war dann auch gut so. Denn nicht nur die beiden Außenminister benutzten einen Bolzenschneider, sondern links und rechts daneben waren weitere Politiker, die es ihnen gleich taten. Etwa der einstige Landrat Anton Binner oder Rozvadovs Bürgermeister Jindrich Cerveny.

Lässt sich eine exakte Zuordnung auch nicht mehr anhand der Fotos vornehmen?

Der Aufbau von Bolzenschneidern ist heute noch derselbe wie damals. Große Unterschiede waren da nicht. Und in ganz Waidhaus war wohl das gleiche Modell im Einsatz. Rot waren so ziemlich alle. Wer die Bilder von damals aber genau ansieht, wird bemerken, dass Genscher und Dienstbier verschiedene Werkzeuge in der Hand hielten. Ich erinnere mich an vier Stück, die im Einsatz waren, weil plötzlich jeder ein Stück Draht haben wollte. Wir haben geschnitten wie die Weltmeister.

Wo waren Sie an jenem 23. Dezember 1989?

Diese Frage ist leichter zu beantworten. Als damaliger Kommandant der Waidhauser Feuerwehr lag die Absicherung mitsamt Geleit der beiden Außenminister in meiner Obhut. Schon im Herbst hatte mir der Chef der tschechischen Grenzpolizei, Dr. Vaclav Novotny, eine Art "Grenzöffnung" angekündigt. Zwei Wochen später erhielt ich den Auftrag, zu einem außergewöhnlichen Einsatz der Feuerwehr kurz vor Weihnachten. Nachdem der Hubschrauber mit Genscher gelandet war, bahnten wir Waidhauser Feuerwehrmänner ihm und seinem Gefolge den Weg ins tschechische Nové Domky durch viele begeisterte Bürger und fast noch mehr Journalisten hindurch.

Nicht nur in Waidhaus wissen die Einwohner, dass Sie bereits fünf Jahre früher für "ein freies Europa" gesorgt hatten?

Sie meinen wohl die Geschichte, als ich den Schlagbaum auf tschechischer Seite entfernte. Das war im November 1984. Bei einem ungarischen Lkw hatten die Bremsen versagt, gerade als er den Berg zum Grenzübergang runtergefahren ist. Er durchfuhr die Absperrungen und blieb auf einem Schlagbaum regelrecht sitzen. Damals hatte ich noch keinen Kran, deshalb blieb nichts anderes übrig, als unser Feuerwehrauto zu holen und den Schlagbaum mit dem Autogen-Schweißer abzutrennen. Freilich bin ich zuvor zum Kommandanten der tschechischen Grenzbehörden gegangen und habe ihm mein Vorhaben erklärt. Der war womöglich ein wenig misstrauisch, aber dennoch einverstanden. Innerhalb ein paar Minuten war die Schranke weg. "So jetzt haben wir ein freies Europa", habe ich damals gesagt und alle haben gelacht.

Ihre guten Verbindungen nach drüben und ihre Möglichkeiten, sich auf tschechischem Gebiet weit vor der Grenzöffnung zu bewegen, kamen ja nicht von ungefähr?

1972 eröffnete ich meine Kfz-Werkstatt als Ein-Mann-Betrieb. Die Leute sagen mir nach, mein einvernehmliches und hilfsbereites Wesen habe mich zum Wanderer zwischen beiden Welten werden lassen. Damals war die Kontrollstelle auf tschechischer Seite noch am Berg. Da sind immer viele Laster liegengeblieben. Die haben dann alles blockiert. Meine Firma liegt nur einen Katzensprung von der Grenze entfernt; so holte man mich regelmäßig rüber. Dadurch lernte man sich natürlich gegenseitig immer mehr kennen. Bald ging es weiter landeinwärts, und irgendwann kannte ich bis Pilsen jeden Parkplatz, sämtliche engen Kurven und viele Straßengräben. Lange vor dem 23. Dezember 1989 waren mir alle Transitstraßen im Nachbarland vertraut. Ab 1976 besaß ich ein Dauervisum.

Gab es für Sie gar keine Grenzkontrollen mehr?

Die deutschen Zöllner grüßten schon lange nur noch und winkten mich einfach durch. Auch auf der tschechischen Seite waren die Grenzbeamten froh, in mir ein bekanntes Gesicht zu erkennen und fertigten mich in höchstens fünf Minuten ab. Durch das Dauervisum entfiel auch der Zwangsumtausch.

Seit der Grenzöffnung hat sich viel verändert. Wie gehen jetzt die Geschäfte?

Ich kann mich nicht beklagen. Dank unserer internationalen Kontakte und unserem umfangreichen Service-Angebot bin ich immer noch von frühmorgens bis spät in die Nacht am Arbeiten. Es ist meine Arbeit und mein Hobby zugleich. Und es macht mir immer noch Spaß. Wenn dann noch eine Bergung weit nach Mitternacht ansteht, kann ich nicht im Bett bleiben. Auch nach 40 Jahren helfe ich gerne, egal wo ich gebraucht werde, welcher Wochentag oder wie spät es ist. Die Betriebsübergabe an den mittleren der drei Söhne zum Jahresende ist zwar bereits festgemacht, doch für mich wird sich erst einmal nicht viel ändern als künftiger Seniorchef.
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