"Gespannter Revolver vor meiner Brust"

Der Bernrichter als junger Infanterist, noch voller Optimismus und in Unkenntnis der Schrecken, die auf ihn zukommen sollten.

Wie war er wirklich, der Erste Weltkrieg? Das wussten natürlich am besten die Soldaten, die das Inferno selbst erlitten und erlebt hatten. Aber diese Generation ist in den Schützengräben verblutet oder inzwischen verstorben, fällt als Zeitzeuge also aus. Es sei denn, einer von ihnen hat Aufzeichnungen hinterlassen.

Genau dieser Glücksfall ist in Bernricht bei Edelsfeld eingetreten. Dort hütet Werner Luber das Kriegstagebuch seines Vaters Georg Luber wie einen Schatz. Jetzt hat er dieses einzigartige Zeitdokument unserer Zeitung zugänglich gemacht, die damit ihren Lesern einen unverfälschten Einblick geben kann vom Leben und Sterben in dem blutigsten Gemetzel, das die Welt bis dahin gesehen hatte.

"Eine lustige Fahrt"

"Mein Wunsch war es, recht bald mit den Feinden Bekanntschaft zu machen", beschreibt der damals 20-jährige Georg Luber die Stimmung der ersten Tage während der Rekrutenzeit beim 6. Infanterieregiment in Amberg, wohin er am 1. März 1915 einberufen worden war. Selbst den Transport zur Westfront bezeichnet er noch als "eine lustige Fahrt, solange es durch Deutschland ging. Jenseits des Rheins wurde die Stimmung sehr ernst, denn der Donner der Geschütze schlug an unsere Ohren".

Sein Bemühen, trotz der schlimmen Begleitumstände möglichst sachlich zu berichten, wird in den nächsten Zeilen spürbar: "Am 26. November, morgens um 7 Uhr in St. Blaise angekommen, marschierten wir bis 6 Uhr abends, wo wir in Senones ankamen. Wir waren nicht wenig erstaunt, als wir in Erdhöhlen einquartiert wurden. Die gefräßigen Ratten belästigten uns die ganze Nacht, indem sie uns bei lebendigem Leibe angriffen. Zudem musste man Tag und Nacht in voller Bereitschaft und Ausrüstung dastehen, so dass man vollständig angekleidet schlafen musste. Der Gegner verhielt sich im Großen und Ganzen ziemlich ruhig, nur tagsüber machte er Überfälle mit Artillerie. Da gab es ab und zu Tote und Verwundete."

Die Füße erfroren

Nach wechselnden Einsatzorten im Laufe der Jahre gelangte die Einheit des jungen Soldaten an die Aisne. "Das Wasser bildete die Grenze, und deshalb wurden Patrouillen übers Wasser gemacht, die niemals ohne Verluste abliefen", berichtet er noch immer relativ leidenschaftslos.

Etwas weiter in seinen Aufzeichnungen offenbart er dann doch stärkere Emotionen: "Nun aber sollten wir die Schrecken der Somme kennenlernen. Die Schießerei hörte Tag und Nacht nicht auf, so dass alles dem Erdboden gleichgemacht wurde. Durch die anhaltende Kälte kam es, dass mir noch am vorletzten Tag die Füße erfroren. Indem wir nun 70 Tote dort lassen mussten, wurden wir am 31. Januar 1917 abgelöst." Es kam Schreckliches, und das zeigt sich auch in einer zunehmend von Entsetzen und Todesangst geprägten Tonart der Aufzeichnungen.

"Schon am Karfreitag 1917 fing unser Gegner an, ein heftiges Trommelfeuer auf uns einzurichten, welches zehn Tage fortdauerte. Elend, Schrecken und Not wurden von Tag zu Tag größer, denn von der kleinsten Mine bis zum 30,5-Zentimeter-Kaliber mit Verzögerung (Granaten, die sich mehrere Meter tief in die Erde einbohren, explodieren und 20 Meter unter und über der Erde alles vernichten) waren auf uns eingerichtet. Dazu wurden die Kameraden von Stunde zu Stunde weniger. Die Luft brummte Tag und Nacht von Minen und Flugzeugen obendrein."

Aber es kam noch schlimmer. "Ein verhängnisvoller, schrecklicher Tag nahte heran. Am 16. April um 6 Uhr früh ging der Feind zum Angriff vor. Ich war im Kompanieführer-Unterstand und war der Erste, der oben war zur Verteidigung. Ich nahm sofort Gewehrfeuer auf, indessen kamen mir die anderen zur Hilfe, und wir hielten den Gegner auf. Da uns aber die Munition ausging, mussten wir ein Stück zurücklaufen. Signale wurden abgegeben für die Artillerie, aber vergebens, denn diese war schon längst geflohen. Infolgedessen gewann der Feind die Oberhand, und Kavallerie, Infanterie und Panzerautos (Tanks) stürmten rechts an uns vorbei. Wir zogen uns etwas zusammen, um festen Widerstand zu leisten - wir waren nur noch 34 Mann." Georg Luber überlebte diese Schlacht und fand völlig ausgehungert und übermüdet etwas Ruhe in einer Höhle, wachte auf, "als der Feind Handgranaten in den Eingang schleuderte und uns zur Übergabe aufforderte. Ich stürmte besinnungslos den anderen nach. Als ich an den Ausgang kam, ging mir das Licht erst auf, als ich einen gespannten Revolver vor meiner Brust sah. Beiderseits waren nun die Räuber und Plünderer aufgestellt und nahmen uns alles, was wir besaßen an Portemonnaies, Uhren, Waffen, Rasiermesser, Feldflaschen, ja sogar die Kopfbedeckung. Wer sich weigerte, bekam einen Fußtritt oder Kolbenstoß." War mit der Gefangennahme der Krieg für den Bernrichter, die Gefahr für Leib und Leben vorbei? Im Gegenteil, die Leidenszeit hielt umso schrecklichere Ereignisse für ihn und seine Kameraden bereit. Die Franzosen waren offenbar nicht auf die riesige Zahl an Gefangenen eingerichtet und äußerst verbittert über die erbarmungslosen Kämpfe.

Bezeichnend für die Folgen waren die Fußmärsche zu den Sammelplätzen: "Hunger und Durst, die sich unterwegs einstellten, nötigte manchen, das gelbe Wasser auf der Straße mit einer Büchse aufzufangen." Und am Ziel durften die ausgemergelten Männer zum Schutz vor dem Schneeregen nicht etwa Baracken beziehen. "Welcher Schrecken überkam uns, als vor uns ein Drahtkäfig geöffnet und hinter uns wieder verschlossen wurde. "

Trauriger Höhepunkt

Ein trauriger Höhepunkt dieses Martyriums folgte wenig später: "Um unser Elend, das schon unbeschreiblich war, noch zu vergrößern, kam am 29. April abends 10 Uhr ein deutscher Flieger und warf vier Bomben unter uns, welche von 60 Mann das Leben forderten, über 100 schwere und viele leicht Verwundete. Das Elend dieses Augenblicks war unbeschreiblich. Viele von den Toten konnten nicht erkannt werden. Sie blieben natürlich vermisst bis zum heutigen Tag."

"Wie wandelnde Leichen"

Zu allem Übel brach schließlich noch die Cholera aus und raffte weitere Menschenleben dahin. Wer noch einigermaßen stehen konnte, musste dennoch einen dreistündigen Anmarsch zu einem Steinbruch bewältigen, "wo wir Arm in Arm wie wandelnde Leichen ankamen, um nach 16 Stunden schwerer Arbeit nochmals zwei Löffel voller Bohnen zu verschlucken".

Umso seltsamer mutet folgende Notiz an: "Indessen war in letzter Zeit die Uneinigkeit zwischen bayerischen und preußischen Kameraden so gestiegen, dass der Franzose uns sortieren wollte. Demnach wurde ein Transport zusammengestellt mit 500 Mann, in welchen auch ich eingereiht wurde. Wie es während der Fahrt in den verschlossenen Viehwägen ausschaute, kann ich hier unmöglich aufführen."
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