Gewachsene Ortsfeindschaften
Schwoazhofaner Holzschoubircher und Waidinger Beimschneinder

Vejchtacher Wind nennen die Schönseer die ehemaligen Kreisstädter. Allerdings revancheiern sich die Oberviechtacher mit einem ähnlich "freundlichen" Ausdruck. Bild: Portner
Ein dialektales und kulturhistorisches Phänomen, das heute kaum mehr im Volksbewusstsein präsent ist, sind die so genannten Ortsneckereien. Darunter versteht man Spott- oder Necknamen, mit denen eine Ortsgemeinschaft kollektiv von den Bewohnern umliegender Ortschaften bedacht wird. Die Vielfalt der Bezeichnungen ist ebenso ausgeprägt wie ihre inhaltliche und sprachliche Originalität.

Da es sich dabei um eine mündlich überlieferte Jahrhunderte alte Tradition handelt, gestaltet es sich nicht selten schwierig oder gar unmöglich, den exakten historischen Ursprüngen dieser Namen auf die Spur zu kommen. Die Wortbildungsmuster dagegen wiederholen sich: So wird zum Beispiel auf vermeintliche Charaktereigenschaften der damit zum Ausdruck gebrachten Bevölkerung, auf bestimmte Handlungen oder auf markante Ereignisse der Ortsgeschichte Bezug genommen. Sie gaben Anlass zu Häme und riefen ein negatives Bild vom Nachbarn hervor.

In einer 2012 publizierten Untersuchung zu Ortsneckereien von Unterfranken sind elf Bildbereiche ausgewiesen, denen die Spottnamen zugeordnet werden können. Jedoch waren diese äußeren Sachverhalte wohl nur der Anlass, der tiefere Grund scheint psychologischer Natur gewesen zu sein. Aufgrund der Kleinräumigkeit gesellschaftlicher Strukturen und der fehlenden Mobilität entwickelten sich dörfliche Einheiten früher zu in sich mehr oder weniger geschlossenen Mikrokosmen, in denen sich bestimmte markante sprachliche und soziale Merkmale ausprägten.

Von daher ist es nicht verwunderlich, dass selbst heute noch zwischen nur wenige Kilometer auseinander liegenden Orten unterschiedliche Dialektvarianten vorhanden sind. Diese äußerten sich nicht selten in Animositäten zwischen benachbarten Orten. Ein typisches Beispiel dafür sind die 13 Kilometer voneinander entfernten Städte Schönsee und Oberviechtach, deren Bewohner sich gegenseitig als "Vejchtacher Wind" bzw. "Schensäier Soiffa" titulier(t)en, was nicht gerade positiv anmutet, betrachtet man die Konnotationen dieser Attribute, nämlich "Windbeutel" und "Seifensieder": Das erste ist ein Synonym für einen angeberischen Prahlhans, das zweite für einen besonders kulturlosen Menschen und im Wienerischen auch für einen Speichellecker. Besonders zum Einsatz kamen diese beiden Schimpfnamen in den sechziger und siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts bei Lokalderbys im Fußball, bei denen traditionellerweise eine große Rivalität herrscht.

Im Folgenden sind eine Anzahl von Orten in der östlichen Oberpfalz (in alphabetischer Reihenfolge) aufgeführt, für die sich Ortsneckereien auch heute noch nachweisen lassen: Eslarn: Eslener Haouderer, Gaisthal: Goissdoler Bern, Kulz: Kulzer Bengl Amen / Kulzer Mosbumml, Muschenried: Muschariader Spraitzer, Neukirchen-Balbini: Naikirchaner Fresch, Neunburg vorm Wald: Neiburcher Blaoudernschaisser, Pillmersried: Bülmersriader Wasserschedl, Pleystein: Blaistoiner Bulferer, Rackenthal: Rãnndoler Laoumbogo, Schwarzhofen: Schwoazhofaner Holzschoubircher, Thanstein: Danstoiner Burcher, Waidhaus: Woihauser Hengläcker, Waldthurn: Woldurner Gensbircher, Weiding: Waidinger Beimschneinder, Wildstein: Wüldstoiner Gnoberer, Winklarn: Winklener Herrn. (slu)

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Die Serie im Internet:

http://www.oberpfalznetz.de/dialekt
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