Gezeichnete Weltliteratur

Literatur in Comic-Form zu erzählen, heißt weit mehr als nur die Geschichte nachzuzeichen. Es bedarf Können, Interesse und viel Gespür für illustrierte Romane in Form von Bildergeschichten.

Herman Melville/Stéphane Poulin (Zeichner): "Bartleby. Der Schreiber" (56 Seiten, 16,95 Euro, Verlag Jacoby-Stuart):Herman Melvilles Erzählung über Sinnlosigkeit und Verzweiflung, über Verstummen und Verweigerung ist heute so modern wie bei ihrem Erscheinen vor über 150 Jahren. Stéphane Poulin gelingt es in seinen großformatigen Illustrationen, dem Leser Figuren des 19. Jahrhunderts so nahe zu bringen, dass wir erkennen, wie ähnlich sie uns sind.

In "Bartleby" erzählt uns ein namenloser Anwalt die Geschichte seines lichtlosen Büros in der Wall Street. Zu seinen bereits ziemlich verschrobenen Angestellten gesellt sich ein neuer, junger Schreiber, Bartleby. Pflichtbewusst und schweigsam kopiert er Verträge, weigert sich aber, irgendeine andere Aufgabe zu übernehmen. "Ich möchte lieber nicht!", ist alles, was er sagt. Nach und nach zieht er sich aus der Welt zurück: Er verlässt das Büro nicht mehr und verweigert die Arbeit. Und schließlich, gewaltsam gezwungen, die Kanzlei zu räumen, verstummt er gänzlich und verweigert sogar das Leben ...

Marcel Proust/Stéphane Heuet (Zeichner): "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit: Namen und Orte: Namen" (48 Seiten, 19,95 Euro, Knesebeck-Verlag): Die Zeit des Sommers in Balbec oder der Frühling in Florenz, der Name einer Stadt oder eines Ortes genügen Marcel, um sich in ferne Länder zu träumen. Die beschwörende Kraft der Namen und Orte im Paris des 19. Jahrhunderts ist auch der Rahmen von Marcels Liebe zu Gilberte und seiner Faszination für Odette.

Gewohnt gekonnt setzt Stéphane Heuet in seinem Stil der "Ligne claire" einen weiteren Teil von Marcel Prousts Werk Auf der Suche nach der verlorenen Zeit um und vollendet damit die Teilserie "Unterwegs zu Swann".

Gaston Leroux/Christophe Gaultier (Zeichner): Das Phantom der Oper" (112 Seiten, 22 Euro, Knesebeck-Verlag): In den Gewölben der Pariser Oper hält sich ein hässliches Phantom verborgen. Es liebt die Musik - und die junge Sängerin Christine. Um sie zum Star der Oper zu machen, ist dem Phantom jedes Mittel recht, und es versetzt dabei Sänger und Personal in Angst und Schrecken. Zunächst gibt Christine seinem Werben nach, doch dann erkennt sie sein wahres Ich.

Christophe Gaultier gelingt es, die angsterfüllte Atmosphäre der Romanvorlage in expressiven Zeichnungen umzusetzen. Der Verlauf der Geschichte zwischen beklemmender Ruhe und überraschenden Wendungen fesselt bis zum tragischen Ende.
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