"Glaube kann man nicht machen"

Die katholische und evangelische Kirche hat schwer zu schlucken: Im vergangenen Jahr traten bayernweit insgesamt mehr als 85 000 Menschen aus. Über Gründe und Gegenmaßnahmen können Geistliche aus der Region nur spekulieren.

Eschenbach. (juh/esc) 2014 musste die katholische Kirche im Freistaat 57 097 Austritte verkraften - ein Anstieg von mehr als 25 Prozent. Die evangelische Kirche traf es noch härter: Dort ist die Ausstiegsquote um 41,5 Prozent gestiegen (wir berichteten). Zu den Anlässen gibt es verschiedene Annahmen.

"In der Regel ist es die Kirchensteuer", vermutet Andreas Kraft. Der evangelische Pfarrer weiß aber auch: "Bei uns befindet sich das aber auf einem niedrigen Niveau." Auf die durchschnittlich zwei bis vier Austritte im Jahr kämen zudem auch Eintritte. "Wir gehen auf die Leute zu, die Anzahl der Gottesdienstbesucher steigt", sagt der Seelsorger, der mit seiner Frau Cornelia - ebenfalls Pfarrerin - die evangelische Kirchengemeinde Waldershof betreut. Negative Stimmungen habe er noch nicht wahrgenommen. "Viele treten nur aus Geldgründen aus."

Dabei seien die finanziellen Mittel wichtig: für Kindergärten, Kirchenpfleger und so fort. "Wenn alles Geld wegfällt, muss der Staat ausgleichen." Kraft fast es so zusammen: "Der eine gewinnt, der andere verliert durch die wegfallenden Steuern." Der Verlierer sei klar die Gesellschaft. Seiner Erfahrung nach sind die Kirchenaustreter "eher mittleren Alters, zwischen 40 und 50 Jahren."

Austritt bei Umzug

Pfarrer Dirk Grafe von der Friedenskirche in Kemnath sieht das ähnlich: "Es ist mehrheitlich die mittlere Generation zwischen 30 und 50 Jahren." Das sei die Gruppe der Bevölkerung, die voll im Berufsleben stehe. Mit dem Umzug in einen anderen Ort würden die Menschen dann bei der Ummeldung auch gleich die Chance nutzen und aus der Kirche austreten. "Erklären kann ich mir das schwer", gesteht Grafe. "Wenn wir einen oder zwei Austritte im Jahr haben, dann ist das viel." Auch er sieht den finanziellen Aspekt als einen Hauptgrund.

Er weiß auch: "Viele Leute haben negative Erfahrungen gemacht. Dann aber nicht mit der Institution, sondern mit Vertretern der Kirche." Und diese Menschen zögen dann ihre Konsequenzen. "Wir aber sind auch nur Menschen", sagt er über sich und seine Kollegen. "Man hat mal gute Tage und mal schlechte. Da sollte man nicht die ganze Kirche abstrafen." Manche Gläubige würden auch wieder zurückkommen. Auf die Austritte käme zudem die gleiche Anzahl ein Eintritten. Um dem negativen Trend entgegenzuwirken, sei der persönliche Kontakt zu den Menschen wichtig. Außerdem sollten die Kirchen den Leuten sagen, was mit dem Geld geschieht - "es passiert wirklich was", appelliert Grafe.

Vermehrte Austritte beklagt auch der katholische Pfarrer Bernhard Müller aus der Pfarrei Heiligste Dreifaltigkeit in Grafenwöhr. "Ein Patentrezept gibt es da nicht", ist sich der Geistliche sicher. Zwar gebe es auch jährlich Eintritte, diese würden aber in keinem Verhältnis zu den Austritten stehen. "Es gibt aber auch viele Menschen, die sich von der Kirche abwenden und einfach stillschweigend wegbleiben. Das ist auch wie ein Austritt, nur, dass sie es nicht offiziell beim Standesamt machen."

Die Gründe, vor allem für die Austritte der jüngeren Bevölkerung, lägen nicht bei Missbrauchsskandalen oder Protzbauten: "Die Menschen empfinden weniger Treue zur Kirche. Die Verbundenheit ist nicht mehr so stark, deshalb wenden sich viele schon bei Kleinigkeiten ab." Austritte werde es immer geben, ist sich Müller sicher. "Es ist auffallend, dass Kinder vermehrt nicht mehr getauft werden, da die Eltern nicht mehr der Kirche angehören."

Skandale eine Ursache

Pater Adrian Thomas Kugler von der Klosterpfarrei Speinshart ist sich dagegen sicher, dass die Gründe wohl in den Skandalen um die Kirche zu suchen sind. "Die Kirche hat bei vielen Menschen an Glaubwürdigkeit verloren. Vor allem 2010, als die Missbräuche an die Öffentlichkeit gekommen sind. Limburg hat sicherlich auch nicht zu einer Verbesserung der Situation beigetragen." Dennoch sei das vor allem ein "Sprungbrett" für Bürger, die sich sowieso schon mit dem Gedanken "Austritt" beschäftigt hätten. "Die Kirchensteuer darf man auch nicht vergessen. Viele wollen nicht für ihren Glauben zahlen." Drei bis fünf Austritte verbucht die Klosterpfarrei pro Jahr.

Eine konkrete Lösung für das Problem gebe es laut Pater Adrian nicht. "Wir treten mit den jungen Menschen bei der Taufe, Kommunion und bei der Trauung in Kontakt. Wir versuchen, solche Situationen entsprechend zu gestalten, um Anreize zu schaffen." Die endgültige Entscheidung müsse jeder für sich selbst treffen. "Glaube können wir nicht machen. Wir können nur einladen."
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