Glaube und Gleichberechtigung?

Großes Echo fand der Vortrag von Heimatforscher Bernd Thurn über die Spuren des Luthertums in Eschenbach und die Entwicklung der Evangelischen Kirchengemeinde. Seniorenkreis-Leiterin Maria Cronenberg gratulierte und dankte zugleich für die vielen Detailinformationen. Bild: do

Wart, ich werd dich schon noch katholisch machen, hieß es während der Re-Katholisierung im 17. Jahrhundert. Aus der Drohgebärde wurde eine Redewendung. Geschichten aus stürmischen Zeiten bis zur späten Duldung und zur Gleichberechtigung der "Luthrischen" in Eschenbach erzählte Heimatforscher Bernd Thurn.

Auf dem Reichstag zu Augsburg 1555 war der Grundsatz aufgestellt worden: "Cuius regio, eius religio" oder "welchem Glauben der Fürst folge, dessen Glauben solle auch das Volk haben". Die Religion eines Reiches, eines Herzog- oder Fürstentums hing also vom Willen oder der Laune der Regierenden ab. In diese Zeit fällt auch der Beginn der Geschichte der Lutheraner in Eschenbach. In den Archiven werden sie erstmals 1555 erwähnt, erzählte Thurn den Senioren. Er spannte einen weiten Bogen von Thomas Stengel, erster evangelischer Geistlicher in Eschenbach, bis zur aktuellen Situation der Evangelischen Kirchengemeinde.

Seelsorgerisches Beben

Als ersten regional einschneidenden Schritt nannte der Heimatforscher den Übertritt des amtierenden Abtes von Speinshart zum lutherischen Glauben. Dieser Paukenschlag von Johann Georg von Gleißenthal im Jahr 1555 löste ein seelsorgerisches Erdbeben aus. Fortan "regierten" die Lutheraner.

Mit dem Titel eines "Vizedomes" und als Stellvertreter des Landesherrn ausgestattet, erlangte Gleißenthal großen Einfluss auf die seelsorgerische Entwicklung in der Oberpfalz. Der im Augsburger Religionsfrieden festgelegte Grundsatz, dass der Landesherr die Religion bestimme, zeigte bald Auswirkungen auch auf die "Obere Pfalz".

Besonders die Lehre des französisch-schweizerischen Reformators Johann Calvin nahm fast 70 Jahre Einfluss auf den Glauben in der Region. Die Kirchenbücher berichten von fünf lutherischen und sechs calvinistischen Geistlichen zum Ende des 16. Jahrhunderts, wusste Thurn. In Glaubensfragen haben der Kurfürst von Heidelberg und der Statthalter in Amberg eine Rolle gespielt.

Allerdings zweifelte Thurn an der Bereitschaft der Bevölkerung, jeden Glaubenswechsel mitzumachen. Zur damaligen Zeit seien die meisten einfachen Leute des Lesens und Schreibens unkundig gewesen. Sie orientierten sich an bildhaften Darstellungen. Die Bilderstürmer der Calvinisten hätten dieser Entwicklung vorübergehend Einhalt geboten. Der Widerstand gegen die calvinistische Glaubenslehre habe sich dann mit dem Hostienverbot und der Einführung des Abendmahles in Gestalt von gewöhnlichen Broten verstärkt. Daraus sei das Schimpfwort der "Brockenfresser" entstanden.

Auf die Schreckenszeit des Dreißigjährigen Krieges (1618-1648) eingehend erinnerte der Referent an die Re-Katholisierung der Oberpfalz. Mit der Übernahme der Regierungsgewalt im Jahr 1625 durch Herzog Maximilian folgten für abtrünnige Katholiken "stumme Predigten". Das bedeutete zum Beispiel die zwangsweise Einquartierung und die Verpflegung von Dragonern.

Erstmals nach 70 Jahren predigte 1625 mit Johann Jodok Huber wieder ein katholischer Priester in Eschenbach. Das sei der Start in eine 150-jährige Epoche selbstständiger katholischer Seelsorge gewesen. Den Beginn einer neuen Ära klösterlichen Einflusses auf die Pfarrei Eschenbach terminierte der Redner auf das Jahr 1774. In diese Zeit fällt ein neues Patronatsrecht des Klosters Speinshart über Eschenbach, das in der Reformationszeit verloren gegangen sei, zitierte Thurn aus Kirchenbüchern. Bis zur Säkularisation im Jahr 1803 sei dann die Pfarrei Eschenbach von Speinsharter Chorherren betreut worden. "Als letzter Pfarrer aus dem Orden ist bis 1836 Josef Wilhelm Wittmann in den Kirchenarchiven vermerkt", sagte Thurn.

Mehr Flüchtlinge

Protestanten mussten weit vorher mit Diskriminierungen leben. Nicht einmal die Beerdigung auf einem katholischen Friedhof sei möglich gewesen, erzählte der Heimatforscher. Reiche Protestanten, wie zum Beispiel Hammer-Herren, hätten daraufhin die Oberpfalz verlassen. Eine tolerantere Haltung sei erst im zu Ende gehenden 18. Jahrhundert mit den Edikten des Bayern-Königs Max I. Joseph zur Religionsfreiheit zu beobachten gewesen, wusste Thurn. Vorher sei es zu einem Aderlass der evangelischen Christen in Eschenbach gekommen. Zum Beispiel hätten 1935 nur noch 15 evangelische Christen in Eschenbach gewohnt.

Diese Situation sollte sich nach dem Zweiten Weltkrieg wesentlich ändern. Mit dem Flüchtlingsstrom erhöhte sich mit der Verdoppelung der Einwohnerzahl auch die Zahl der evangelischen Christen deutlich. 1950 registrierte die Stadt 800 Einwohner evangelischen Glaubens. Gottesdienste in der Bergkirche, zu dieser Zeit Simultankirche, in der Friedhofskirche und selbst im Vermessungsamt fanden statt. (Hintergrund)
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