Göring beim Psychiater
Zelle statt Couch

Hermann Göring war der ranghöchste Nazi, der das Kriegsende überlebte und von US-Truppen gefangen genommen wurde. Fünf Monate lang hatte der amerikanische Psychiater Douglas M. Kelley Gelegenheit, ihn zu befragen, während der Prozess gegen führende Nazis als Kriegsverbrecher vorbereitet wurde. Über die intensive Beziehung zwischen Göring und Kelley war bisher wenig bekannt. Jack El-Hai, amerikanischer Journalist mit Schwerpunkt Wissenschaftsgeschichte, hat nun ein Buch darüber geschrieben: "Der Nazi und der Psychiater".

Göring hatte offensichtlich ein getrübtes Realitätsbewusstsein: Er bot der US-Militärführung noch einen Tag vor Kriegsende seine Dienste bei der Neubildung einer Regierung an. Nach seiner Festnahme wenig später rechnete er ernsthaft mit seiner schnellen Freilassung durch den US-Oberbefehlshaber. Der Reichsmarschall und Chef der Luftwaffe konnte sich nicht vorstellen, dass man ihm den Prozess machen würde.

Zwei Kilo Elfenbein

Zunächst war Göring in Augsburg, dann im luxemburgischen Bad Mondorf inhaftiert. Sein Geltungsbedürfnis war unübersehbar. Die Wachen nahmen ihm seinen Marschallstab aus zwei Kilogramm Elfenbein ab, in das Platinkreuze und 640 Diamanten eingelegt waren. In seinem Gepäck hatte er edelsteinbesetzte Orden, Brillant- und Rubinringe, seidene Unterwäsche.

Im August 1945 kam Captain Douglaus M. Kelley nach Bad Mondorf. Der junge amerikanische Mediziner hatte bereits fast drei Jahre Sanitätsdienst in der US-Army hinter sich. Nun sollte er die psychische Gesundheit der inhaftierten Nazis überwachen. Göring war zu der Zeit wegen seiner Medikamentenabhängigkeit in Behandlung. Am Ende des Krieges habe er täglich 200 Tabletten Paracodin geschluckt, gestand er Kelley - das Dreifache der Tageshöchstdosis.

Für Kelley waren die engen Kontakte zu den gefangenen Nazis ein Glücksfall. Sie boten ihm die Möglichkeit zu erforschen, ob es bei den NS-Häftlingen Anzeichen für einen gemeinsamen psychischen Defekt gab. Woher kam ihre Bereitschaft zum Bösen? Gab es dafür individuelle psychische Ursachen oder lag dem eine "NS-Persönlichkeit" zugrunde?

Der Psychiater nahm sich Zeit für die Gespräche, insbesondere mit Göring. Als die Gefangenen für den Prozess gegen die NS-Kriegsverbrecher nach Nürnberg gebracht wurden, zog er ebenfalls um. Er sollte dort seine Einschätzung zur Prozessfähigkeit der Häftlinge abgeben und hatte uneingeschränkten Zugang zum Kriegsverbrechertrakt.

Keine "Deformation"

Im Januar 1946 kehrte Kelley in die USA zurück, mit Kisten voller Aufzeichnungen. Görings Auftritte im Gerichtssaal bekam er nicht mehr mit. Vor den Richtern behauptete dieser, nichts vom Holocaust gewusst zu haben. Das Gericht verhängte die Todesstrafe, die am 16. Oktober 1946 vollstreckt werden sollte - Göring kam dem durch Selbstmord zuvor.

Kelley dagegen arbeitete an einem Buch über seine Erkenntnisse: Seiner Einschätzung nach gab es keine psychische Deformation, die den Naziverbrechern gemeinsam war. Er war der Ansicht, Typen wie Göring, frei von Gewissensregungen und getrieben von unbändigem Narzissmus gebe es überall, auch in demokratischen Gesellschaften, nur seien sie da Unternehmer oder Politiker.

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Jack El-Hai: "Der Nazi und der Psychiater" , 317 Seiten, 38 Euro, Die Andere Bibliothek
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