"Gold-Gerd" geht's gut

Gerd Schönfelder steht immer noch gerne auf Skiern. Allerdings nicht mehr im Nationaltrikot, sondern nur mehr in Privat-Klamotten. Bilder: ak
 
Meine Familie und ich sind bodenständig und hier verwurzelt. Es lässt sich in Kulmain mit unseren Kindern gut leben.

Erfolge im Leben und im Sport sind oft kurzlebig. Dies gilt insbesondere, wenn man diese nicht für "das Leben danach" nutzt. Aber genau das ist "Gold-Gerd" vollauf gelungen.

Kulmain. (ak) 16 Goldmedaillen bei den Winter-Paralympics, 14 Mal Gold bei Weltmeisterschaften der alpinen Skifahrer. Das ist die unvergleichliche Erfolgsgeschichte von Gerd Schönfelder, dem erfolgreichsten Behinderten-Skisportler der Welt. 2012 feierte er beim 85-jährigen Vereinsjubiläum seines Heimatvereins SV Kulmain seinen Abschied von seiner sportlichen Karriere, die mit einem tragischen Unfall begann (siehe Kasten unten).

"Ich hatte nach meinen letzten WM-Erfolgen 2011 in Sestriere sportlich alles erreicht; ich war 40 Jahre alt geworden. Meine Familie wuchs. Es war Zeit, mit dem Wettkampf aufzuhören und sich anders zu orientieren", erklärt er. Bei den ersten beiden Rennen in der Abfahrt und dem Super-G in Sestriere waren es damals Wimperschläge zu seinen Gunsten, die nochmals zwei letzte WM-Titel und Gold für den Kulmainer bedeuteten. Gerade durch diese beiden letzten Erfolge war er 2011 zum Behindertensportler des Jahres und zum Sportchampion 2012 der Deutschen Sporthilfe gewählt worden.

Kreis- und Gemeinderat

Als 2007 seine Tochter Emilia geboren wurde, war er Schirmherr beim 80-Jährigen des SV Kulmain. Bei der Geburt seines Sohnes Leopold war er in Vancouver. Gerade zum richtigen Zeitpunkt hörte der damals 40-Jährige nach 20 Jahren Leistungssport auf. "Als ich 2011 mit der damals 17-jährigen Behindertensportlerin Anna Schaffelhuber im Lift fuhr, dachte ich mir: 'Du bist schon drei Jahre länger in der DBS-Mannschaft als sie alt ist. Jetzt reicht's.' Ich habe das Aufhören nie bereut. Am 11. September 1989 war mein Unfall und zwei Tage vorher hatte ich mich zum Nachholen des Abis eingetragen. Fernziel war eigentlich, Sportökonomie zu studieren. Für mich ist es nun ein Glücksfall: Genau da bin ich jetzt gelandet."

Er machte den DSV-Trainerschein und nutzte seine über zwei Jahrzehnte aufgebauten Sport- und Firmenkontakte. Schönfelder ist einer der drei auf Honorarbasis arbeitenden Trainer der Behinderten-Skinationalmannschaft. "Hauptsächlich bin ich momentan in ganz Deutschland, Österreich und der Schweiz mit Vorträgen bei Firmen und Institutionen unterwegs", sagt Schönfelder.

Er referiert über seinen Schicksalsschlag, sein nachfolgendes Leben, Umgang mit sowie das Meistern seiner Behinderung, Motivationssteigerung, Trainingsmethoden und Parallelen zum Berufsalltag. "Viele haben aufgehört, manche hat man nie mehr gesehen. So wollte ich das nicht." Dazu ist er bei Audi im Bereich Fahrhilfen tätig. Er berät Behinderte bei notwendigen Fahrzeugumbauten und macht Fahrertraining in Neunburg an der Donau. Zudem ist er bei Robinson im Bereich Entertainment und Animation mit Renntraining für Gäste unterwegs. "Man muss sich auch gut verkaufen können, auch das zählt zum Nach-Sport-Erfolg und -Leben dazu." Ihn kennt man als Berichterstatter der Paralympics-Winterspiele und aus der Sendereihe "Alles geht - auch mit Handicap" im Bayerischen Fernsehen.

Neben seinem lokalen politischen Ehrenamt als Kreis- und Gemeinderat engagiert sich das ehemalige Ski-Ass als Mitglied im Kuratorium des Deutschen Behindertensportverbands. Er ist Vorsitzender des Paralympic-Media-Awards und seit 2014 persönliches Mitglied im Deutschen Olympischen Sportbund. Zudem ist er als Werbepartner und Meinungsbilder für Blizzard-Ski tätig.

"Wann und wie ich mit meiner Karriere aufgehört habe, bereue ich nicht. Noch viel weniger meine Frau, obwohl die Freizeit nicht mehr geworden ist", schmunzelt er. "Wenn ich keinen Sport treibe, fehlt mir was. Fahrradfahren, Laufen, Golf, Gymnastik, Skifahren gehören einfach zu meinem Leben. Auch ein bisschen Fußball samt klasse Kameradschaft. Durch meine behinderungsbedingt auftretende einseitige Belastung brauche ich das, um meine körperliche Fitness und Wohlbefinden zu erhalten." Step-Kajak auf den Flussgewässern findet er entspannend.

"Bin kein Städter"

Zur Zukunft des DBS-Nachwuchses äußert sich der Kulmainer skeptisch. Es gibt immer weniger, die den enormen Trainings- und Zeitaufwand auf sich nehmen, um in der Weltspitze mitfahren zu können. Auf die Frage, ob er sich aufgrund seiner neuen freiberuflichen Ausrichtung nicht mit Wohnsitz München und Frankfurt leichter täte, antwortet er: "Meine Familie und ich sind bodenständig und hier verwurzelt. Es lässt sich in Kulmain mit unseren Kindern gut leben. München wäre sicher manchmal für mich einfacher, aber meine Frau Christina hat hier ihre Praxis. Ich bin kein Städter. Eltern und Schwiegereltern sind hier und helfen uns tatkräftig. Ein Stück Alpen bei uns würde ich mir wünschen."

Dass beim Deutschen und Internationalen Spitzensport nicht alles koscher ist, davon ist er überzeugt. "Für uns Sportler war es eine Katastrophe, dass München 2018 gegen Pjöngjang/Korea mit Hauptsponsor Samsung im Boot im dritten Anlauf auch mit eigenem Dazutun verloren hat. Danach kommt als Höhepunkt Peking 2022 mit den Winterspielen. Die haben nicht mal eigenen Naturschnee. Nachhaltigkeit Fehlanzeige! Das alles und Korruption tun dem Sport absolut nicht gut." Als persönliches Mitglied des Deutschen Olympischen Sportbunds sieht er für Hamburg eine Chance, wenn das sich immer steigernde Drumherum abgespeckt wird. Für den Skiwinter ist Schönfelders Terminkalender rappelvoll. Dennoch bleibt darin Zeit für Weihnachten im Kreis seiner Familie und alljährliche Skitage mit Freunden in Südtirol.
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