Haare aus Glas

Die Pracht von Glas, der Ideenreichtum und die technische Brillanz überwältigen, sobald man das Rokokoschloss in Theuern betritt. Schon im Foyer trifft man auf Unerwartetes, das wohl bei jeder Frau Begehrlichkeiten wecken dürfte.

Karin Rühl, Direktorin des Glasmuseums Frauenau und des Staatlichen Museums zur Geschichte der Glaskultur, ist begeistert von der Ausstellung, die bis 13. Dezember im Kulturschloss Theuern in Kümmersbruck zu sehen ist: "Der Besucher erlebt hier die derzeit bedeutendste Ausstellung für modernes Glas in Bayern!"

Eines von drei Kleidern aus Glas von Sabine Lobenhofer-Albrecht aus Kümmersbruck - nicht eben bequem, jedoch traumhaft schön - steht im Foyer. Sitzen kann man damit sicher nicht, aber man dürfte sich der Aufmerksamkeit einer jeden Festgesellschaft sicher sein. Opulente Mode, die in jedem Fall jeglichen Anspruch an Tragbarkeit vermissen lässt, jedoch unglaublich schön ist. Lobenhofer-Albrecht will mit ihren Arbeiten die Üppigkeit und Sinnlichkeit des Barock, die Freude am Leben erlebbar machen. Sie baut im Sinne des Barock Spannungen auf, entfernt das Glas aus seinem Gebrauchsalltag und setzt es in einen neuen Kontext. Ihre Glas-Körper-Mode passt unglaublich treffend zum Titel der ungewöhnlichen Präsentation "Glas - Barocke Lust, Leben und Tod".

Die Werke der bayerischen Glaskünstler spiegeln jedes für sich einen Bezug zum Ausstellungsthema wider - auch wenn man manches Mal "um die Ecke denken" muss. Manche erzählen ganze Geschichten. Wie die Totentanz-Gruppen von Hermann Ritterswürden. Die Zeit des Barock war gekennzeichnet durch pralle Lebensfreude, reiche Pracht- und Machtentfaltung einerseits und auf der anderen Seite durch große Armut einer breiten Unterschicht, durch erbitterte und endlos scheinende Kriege. Ritterswürden zeigt mit dem "Holmer Totentanz" oder "Der Tod und der Holzfäller" Zwischenwelten, den Übergang vom Leben zum Tod.

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Nahezu unmittelbar sichtbar wird die Zeit des Barock in den Glasköpfen von Jörg Kulow aus Maxhütte-Haidhof. Man schaut bei "Luis", "Sylvius" und "Amaranthe" in drei Gesichter aus Glas, geschmückt mit typischen Barock-Frisuren - aus Glas. Der Lichteinfall bringt unzählige Facetten hervor, aus jedem Blickwinkel glaubt man, ein neues Detail zu erkennen.

Manchmal spiegelt sich Schwärze tief im Kopf, man mag es als Sinnbild für die menschlichen Abgründe deuten. Dann wieder strahlt der Glaskopf hell und bezwingend freundlich. Trotz des kalten Materials wirken die Gesichtszüge nicht abweisend, vielmehr ziehen sie den Betrachter an. Der Künstler will Gegensätzlichkeiten des Barock, des menschlichen Daseins auf seine ganz eigene Art zeigen: "Memento mori", "Carpe diem", Todesgewissheit und begleitende Lebensgier, Schein und Sein. Kulow sagt selbst: "Im Barock ist der Tod allgegenwärtig und die Lust ist stets von der Gewissheit ihrer Endlichkeit überschattet. Selbst die Liebe mit ihren Freuden hat keinen Bestand."

Überraschend auch die Glas-Fluss-Landschaft im Foyer des Schlosses. Ursula-Maren Fitz greift mit ihrer Installation, mit den in Flusskiesel eingebrachten Glas-Stein-Objekten, die prachtvolle Architektur des Barock auf. Die Opulenz der Architektur fand sich auch in den Kulturlandschaften.

Wie bunte Feuerfackeln, vielleicht bei einem barocken Fest, wirkt das Werk "Barockes Lichterspiel" von Magdalena Pauckner aus dem Jahr 2015. Die im Glasofen gefertigten Einzelteile am Oberteil der Leuchten wurden in der Schleiferei bearbeitet und anschließend mittels UV-Verklebung zusammengefügt. Glasgefäße, Glasbilder, Glasschalen, Schmuck aus Glas, flache Grabskulpturen aus verspielten Einzelornamenten runden die Präsentation ebenso ab wie einige überraschende Objekte, die der Betrachter erfahren muss, in die er sich hineindenken kann, die zu Deutungen verführen. Der Brite Max Jacquard zeigt "Tree of Jesse". Ein gläserner Arm streckt sich dem Besucher entgegen, die offene Hand scheint zum Gruß gereicht zu sein. "Ich will erzählen, dass alle Dinge ein Innenleben und ein Außenleben haben." Durch das transparente Material Glas will er das normalerweise unsichtbare Innere sichtbar machen, aufdecken.

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Triumphbögen

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Noch einmal Textiles aus Glas: Rike Scholle gestaltete "Take a Seat". Auf einem barocken Armlehnen-Stuhl vor einem weißen Ofen liegt ein gemütlich wirkendes Kissen. Aber es ist aus Glas. Platznehmen empfiehlt sich nicht, aber "Das Leben muss gefeiert werden!". Ganz im Sinne des Barock.

Torsten Rötsch wartet ebenfalls mit einer gläsernen Überraschung auf. Auf einer großen Festtafel präsentiert er an die 100 Objekte aus schwarzem Glas: "Meine Arbeit entspricht der Faszination, die ich beim Betrachten barocker Kunst verspüre." Stefan Stangl aus Frauenau zeigt Rundbögen aus Glas, die für ihn Glanz und Gloria des barocken Zeitalters symbolisieren. "Sie sind Triumphbögen dieser lebensfrohen Ära." Die Arbeiten "Durchblick", "Einblick", "Ausblick" lehnen sich in ihrer Form an die Rundbögen barocker Gebäude an. Ein Fest für Auge und Fantasie in Glas - hinfahren, anschauen!
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