Herr Lehmann mit Bildern

"Herr Lehmann" war Sven Regeners Debütroman. Jetzt erscheint er noch einmal, als Graphic Novel und rechtzeitig zum 9. November. Dann hat Herr Lehmann Geburtstag. Und irgendwas war da noch.

Als "Herr Lehmann" 2001 erschien, war er ein Phänomen: Einerseits wurde er schnell zum Bestseller. Andererseits begeisterte er die Kritiker, die Regener kein literarisches Talent zugetraut hatten. Denn der aus Bremen stammende Künstler, damals gerade 40 geworden, war allenfalls als Gründer und Texter der Band Element of Crime bekannt. Doch "Herr Lehmann" wurde zum soliden Fundament einer literarischen Karriere, die noch nicht zu Ende ist. Nun hat der Eichborn Verlag Regeners Debütroman noch einmal herausgebracht, als Graphic Novel und rechtzeitig zum 25. Jahrestag des Mauerfalls.

Das Datum spielt in der Geschichte schon deshalb eine wichtige Rolle, weil es der 30. Geburtstag der Hauptfigur ist. Frank Lehmann läuft am Abend des 9. November etwas orientierungslos durch die Stadt und wundert sich, wo die vielen Trabis hin wollen und was er nun tun soll. "Ich gehe erst einmal los, dachte er. Der Rest wird sich schon irgendwie ergeben", lautet der geniale letzte Satz, der sich auf Herrn Lehmann genauso beziehen kann wie auf die beiden deutschen Staaten.

Tim Dinter, Comic-Künstler aus Berlin und fast genau zehn Jahre jünger als Regener, erzählt die Geschichte auf seine Art. Der Text lehnt sich eng an das Original an, von der legendären Anfangsszene, in der Herr Lehmann auf dem nächtlichen Nachhauseweg einem gewaltbereiten Hund begegnet, bis hin zum erwähnten Schlusssatz. Aber natürlich ist der Stil ein anderer, schon weil die Figuren in Sprechblasen kommunizieren.

Hinzu kommt, dass viele, die Herrn Lehmann mögen, auch Leander Haußmanns Film mit Christian Ulmen in der Hauptrolle gesehen haben und sich nun davon freimachen müssen, Dinters Bilder mit denen aus dem Film zu vergleichen. Und diejenigen, die Haußmanns Film nicht kennen, haben das Problem mit dem Film im eigenen Kopf, der bei ihnen während des Lesens abgelaufen ist und in dem Karl, Erwin, Kristall-Rainer und die schöne Köchin vielleicht ganz anders aussehen als in der Graphic Novel.

Dabei legt Tim Dinter gar keinen Wert auf fotorealistische Details, sondern viel auf Reduktion und engt den Betrachter so möglichst wenig ein. Weil sich manches in der Comicversion kurz und knapp und machmal auch nur mit "Knack!" und "Aaaaaah!" erzählen lässt, ist die Graphic-Novel-Variante sogar die temporeichere im Vergleich zum Roman. Man muss sie ja nicht gleich besser finden, aber man kann mit ihr genauso viel Spaß haben.

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Sven Regener: Herr Lehmann. Gezeichnet von Tim Dinter, 231 Seiten, 19,99 Euro, Eichborn-Verlag.
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