Hippie mit Mozart-Gen

Andrea Steinkohl und Josef Schmidt betreiben eine sogenannte "Herdbuchzucht". Insgesamt haben sie rund 60 rote Rinder, eine Art, die es seit 1900 kaum noch in Bayern gibt. Bild: juh
 
Die Familie legt großen Wert darauf, keine Stallhaltung zu betreiben. Es ist ihnen wichtig, dass ihre Tiere viel Zeit auf der Weide verbringen können. (Bild: juh)
 
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Überzeugter Freigeist, Idealist, selbst ernannter "Hippie" und Vollblut-Biolandwirt - alles Bezeichnungen, die auf Josef Schmidt zutreffen. Der Ökolandwirt von der Grenzmühle bei Wäldern will etwas bewegen, verändern, die Welt ein kleines Stückchen besser machen. Doch das gefällt nicht allen.

Ein schmaler, dicht bewachsener Waldweg führt auf das Anwesen der Familie Schmidt. Weitläufige, malerisch grüne Weiden, Blumenwiesen, auf denen Pferde galoppieren, ein leise vor sich hin plätschernder Bach mit klarem Wasser und kleine Hügel rahmen das rund ein Hektar große Grundstück ein. Im Jahr 2010 haben Josef Schmidt und Andrea Steinkohl zusammen mit deren Sohn Johannes das ehemalige Sägewerk mit Wirtshaus gekauft, um daraus eine Öko-Landwirtschaft zu machen. Die Entscheidung für den Kauf sei eine reine Bauchentscheidung gewesen, betonen beide.

Seine Eltern hätten sich manchmal wie die Eltern des jungen Mozart gefühlt, lacht er. "Als Fünfjähriger habe ich schon Dinge in der Natur verstanden, die andere nicht sehen oder verstehen. Ich konnte und kann mich gedanklich in den Kreislauf der Natur versetzen." Er erklärt dies anhand eines Beispiels: "Viele wissen nicht, dass die Samen einer Kartoffel in der Blüte sitzen. Das war mir aber schon als Kleinkind klar." Seine Eltern hätten ihm das nicht geglaubt, also wollte er es ihnen beweisen. "Ich habe die Samen gestreut, und es sind Kartoffeln gewachsen. Dann glaubten sie es."

"Gedankenwelt der Natur"

Seine Partnerin Andrea erklärt dieses besondere Verständnis für die Natur mit der Beobachtungsgabe von Josef Schmidt. "Er probiert viel aus, ist oft unterwegs und betrachtet die Natur. Daher kommt sein Wissen." Manchmal sitzt er eine halbe Stunde vor einer Pflanze und beobachtet sie. "Dann überlege ich, warum die Natur Dinge so macht." Anschließend versuche er, sich in die "Gedankenwelt der Natur" hinein zu versetzen. "Dadurch kann man viel lernen." Eine Sache steht für Schmidt im Vordergrund - sowohl beruflich, als auch privat: Im Einklang mit der Natur zu sein. Nachhaltigkeit stehe immer vor Wirtschaftlichkeit. "Ich sehe mich selbst als einer von vielen Grashalmen auf der Wiese." Nur so könne man die Natur verstehen und richtig mit ihr umgehen.

"Wir haben praktisch von Null angefangen und uns alles langsam aufgebaut. Teile des Gebäudes waren in einem schwer sanierbaren Zustand", betont der 32-Jährige. Doch um sich den Traum von einer eigenen, nachhaltigen Landwirtschaft erfüllen zu können, nahm das Paar viel Arbeit auf sich. "Zu einem großen Teil machen wir alles alleine. Wir renovieren die Gebäude und betreiben unsere Landwirtschaft."

Nach seiner Ausbildung zum Landwirt führte Schmidt zehn Jahre erfolgreich eine Forst- und Dienstleistungsfirma. "Auch da habe ich nach meinem Bauchgefühl gehandelt, und es hat funktioniert", lacht er. Seit dem Kauf des Hofes bleibe dafür kaum noch Zeit. "Es ist einfach ein Fulltime-Job. So etwas wie Wochenenden kennen wir schon seit Jahren nicht mehr. Aber es lohnt sich."

In Andrea hat er sein passenden Gegenstück gefunden. "Wir wollten unbedingt im Steinwald bleiben, das ist unsere Heimat. Grundsätzlich gab es zwei Optionen: Entweder hier etwas Passendes finden, oder nach Afrika auswandern", betont sie. Sowohl Andrea, als auch Josef stammen aus landwirtschaftlichen Familien. Seit seiner Kindheit stand für Schmidt fest, eines Tages einen eigenen Hof zu führen: "Schon in der Grundschule habe ich in die Poesiealben der anderen Kinder geschrieben, dass ich später entweder Naturschützer oder Bauer werden möchte. Ich lebe meinen Kindheitstraum."

Die Erkenntnisse aus seiner Kindheit kommen ihm heute zu Gute - der Erfolg seines Landwirtschaft-Konzeptes spricht für sich. Bei seiner Arbeit habe er immer einen Aspekt im Hinterkopf: "Es ist nicht wichtig, was man an der Oberfläche von der Pflanze sieht. Es ist wichtig, was unter der Erde ist." Nur gesunde Wurzeln würden zu einer gesunden Natur führen. Schmidt versteht etwas von Landwirtschaft. Und von der Natur. "Da steckt viel Philosophie und Glaube dahinter." Seine Gedanken seien nicht für viele nachvollziehbar, erklärt er, aber sie ergeben Sinn.

Die Arbeitsaufteilung unter dem Paar ist klar geregelt. "Ich bin für die Tiere zuständig. Josef hat ein Händchen für die Landwirtschaft und die Beackerung", lacht die Landwirtin. Rund 60 Rinder, davon etwa 55 der Art "Rotes Höhenvieh" gehören zum Bestand der Familie. "Wir betreiben eine Herdbuchzucht." Mehr als die Hälfte des Höhenviehs geht in die Zucht, nicht zum Metzger. "Wir überlegen uns ganz gezielt, welche männliche und welche weibliche Linie gut zusammenpassen würden, um dem Ur-Rind, das es bis 1900 in Bayern gab, am ehesten zu entsprechen. Wir wollen die Rasse erhalten."

Einzigartig in Bayern

Auch Schweine und Ziegen sind auf dem Hof zu Hause. Das Erfolgsrezept der Familie ist eine sogenannte Mischbeweidung. "Die Natur braucht Pflanzenfresser, um gesund zu sein. 50 Prozent unserer Freiflächen waren 2010 Brachflächen." Durch diese Art der Beweidung habe man schnell Erfolge gesehen. "Durch das unterschiedliche Fress-Verhalten der Rinder, Pferde und Ziegen sind wunderschöne Weiden entstanden."

Die Landwirte, die sich ausschließlich von Bio-Produkten ernähren, bauen seit kurzem Bio-Mohn an. Damit sind sie die Einzigen in Bayern. Dieser Entschluss hatte einen einfachen Grund: "Es ist unmöglich, Bio-Mohn zu kaufen, man findet ihn einfach nirgends." Das Paar stellt daraus unter anderem Mohn-Öl her. Diese Entscheidung traf aber nicht nur auf Begeisterung. "Es gibt immer mal wieder Gerede, dass das alles etwas mit Drogen zu tun hat. Das wird natürlich durch die Tatsache verstärkt, dass ich lange Haare habe. Wir stehen aber zu unserer Entscheidung und ignorieren die Gerüchte."

Ihr Konzept ist darauf aufgebaut, die Landwirtschaft nach "altem Vorbild" zu betreiben: Beweidung, natürliche Bewirtschaftung ohne Einsatz von Pestiziden mit älteren, bodenschonenden Maschinen und dem Grundsatz der Nachhaltigkeit. Das hat einen bestimmten Grund: "Wir wollen im Steinwald aktiv etwas bewahren. In unserer Kindheit gab es so viele Besonderheiten in der Natur, wie die Arnika-Pflanzen. Die findet man kaum mehr", beklagt Schmidt. Die Familie will bei diesem Trend nicht zuschauen, sondern ein Zeichen für Veränderung setzen. Mit diesem Konzept gewannen sie bereits zahlreiche Wettbewerbe. (Hintergrund)

Doch nicht von jedem wird die Hingabe für das Projekt verstanden. "Durch die Sanierung bleiben unsere Rasen auch mal längere Zeit ungemäht oder Dinge unaufgeräumt." Es gebe einige, die sich darüber beschweren. "Man redet viel über uns. Sie sehen aber nicht, wie viel Arbeit wir in den Hof stecken. Es wird nur das Schlechte gesehen", bedauert Schmidt. Die meisten ihrer erwirtschafteten Waren würden Menschen von außerhalb kaufen. "Einige kommen extra aus Nürnberg, weil sie unser Fleisch schätzen. Regionale Konsumenten gebe es weniger. Dennoch nehmen sie mittlerweile genug ein, um davon leben zu können.

Die Entwicklung der heutigen Landwirtschaft sieht der Bauer kritisch. "Es gibt einige gute Betriebe. Viele haben aber den Bezug zu ihren Tieren und Flächen verloren. Das wäre so wichtig. Mit Sicherheit kennen die Wenigsten die Namen ihrer Rinder." Wirtschaftlichkeit käme zu oft vor Nachhaltigkeit. "Die Industrialisierung ist ein Problem. Das hat nichts mehr damit zutun, warum wir Landwirte sind. Die Natur sollte im Vordergrund stehen."

Eines ist für die Öko-Landwirte sicher: Trotz des enormen Arbeitsaufwandes, würden sie die Entscheidung, einen eigenen Betrieb zu eröffnen, jederzeit wieder treffen. "Wir leben unseren Traum im Einklang mit der Natur."

Mehr Informationen zum Biolandhof Schmidt: http://www.oekolandbau.de/verbraucher/demonstratio...
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