Hirten für köstliche Vögel

Bis in die 60er Jahre war Luhe eine Gänse-Hochburg. Fast jedes Anwesen im Markt züchtete und hielt mehr oder weniger Gänse.

Am 24. April 1952 schloss Bürgermeister Bernhard Weiß einen Vertrag mit Ludwig Tertocha. Er sollte den Hirtendienst für die Gänse der Gemeinde übernehmen. Zusätzlich wurde er als Totengräber eingestellt. Tertocha übernahm diese Aufgaben nur für zwei Jahre. Abgelöst wurde er von Franz Wiese und Ludwig Pentner, der laut Vertrag vom 2. Mai 1957 zusätzlich Gemeindediener, aber nicht mehr Totengräber war.

Die Gänsehirten wohnten im kommunalen Hirtenhaus Nummer 19 in der heutigen Regensburger Straße. Es war 1808 errichtet und 1970 abgerissen worden. Dazu gehörten Kleintierstall, Hofraum, Schupfe und Garten.

Brennnesseln für Küken

Bis Anfang Mai waren die gelben Küken aus eigener Nachzucht herangewachsen. Zuvor hatte man sie mit einer nahrhaften Mischung aus Brennnesseln sowie gehackten und gekochten Eiern aufgepäppelt. Hatten sie ihren ersten Flaum verloren, wurde es Zeit, die Vögel auf die gemeindeeigenen Wiesen links und rechts der Luhe zu treiben und sie dort Gras zupfen zu lassen.

Die Aufsicht war Aufgabe des Hirten. Um 8 Uhr blies er zum Aufbruch und sammelte die farblich gekennzeichneten Tiere bei den Anwesen ein.

Gefährlicher Heimweg

Er musste darauf achten, dass sie die angrenzenden Äcker verschonten. Am Abend ging es in umgekehrter Richtung nach Hause. Die intelligenten Tiere fanden selbst die letzte Strecke in den heimischen Stall. Allerdings wurden einige Gänse beim Überqueren der Reichs- und späteren Bundesstraße überfahren. Ab Mitte Oktober war es mit der Ungebundenheit und dem Bad in der Luhe vorbei. Nun drohte dem ersten Teil der wohlschmeckenden Vögel das Ende. Sie wurden geschlachtet, gerupft und zur Martinikirwa um den 11. November der Familie und Verwandtschaft aufgetischt. Was nicht gleich verbraucht wurde, fand Platz in Einweckgläsern oder kam auswärtigen Feinschmeckern zugute.

Verarbeitet wurden fast alle Teile der köstlichen Tiere. Das galt auch für Innereien und das Blut, das mit Zwiebeln in einer Pfanne angebraten wurde. Geschätzte Delikatessen waren ebenso die Leber und das abgeschöpfte Fett für einen Brotaufstrich. Teile des Kopfes und Halses ergaben das "Gansjung". Auch die Federn fanden reißenden Absatz als wärmende Bettfüllungen. Die andere Hälfte der Gänseschar erhielt eine Gnadenfrist bis Weihnachten. Überleben durften nur einige Muttertiere und der Gänserich, der gelegentlich die Familienmitglieder, vor allem aber Fremde mit gestrecktem Hals, flatternden Flügeln und lautem Gezeter attackierte. Ansonsten waren viele Gänse vorbestellt und brachten der Hausfrau ein willkommenes Weihnachtsgeld ein.

Über 400-jährige Tradition

In Archiven ist nachzulesen, dass es in Luhe Gänsehirten schon vor 400 Jahren gab. Die Ratsprotokolle von 1623 berichten von jährlich wechselnden Kuh-, Schweine- und Gänsehirten. "Das Gänshüten hat der Butz dies Jahr angenommen. Als Lohn bekommt er einen Gulden und vier Kreuzer", hieß es in den Aufzeichnungen.

Am 18. Mai 1940 trat Michael Schwarzbauer aus Haidmühle den Hirtendienst an und erhielt pro Gans 30 Reichspfennige. Wöchentlich ging er von Haus zu Haus und sammelte Brotlaibe ein. Im Herbst standen ihm außerdem Kartoffeln zu. Bereits zwei Jahre später kam Johann Weißenburger aus Eslarn in den Ort. Er war nicht nur Gänsehirt, sondern auch Totengräber. Abgelöst wurde er 1950 von Anna Stellmach und deren Schwiegersohn Wilhelm Beischer, die ebenfalls die Doppelfunktion ausübten.

Brunnen auf Marktplatz

Seit etwa 50 Jahren gehört die Gänse-Hochburg Luhe der Vergangenheit an. An diese Zeit erinnert nur noch der Brunnen auf dem Marktplatz. Dargestellt ist eine Gänsehirtin, ein meist aus ärmlichen Verhältnissen stammendes Mädchen. Vorbild mag die Titelfigur aus dem Grimm'schen Märchen "Die Gänsemagd" gewesen sein.
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