Horst Rittner
Kalenderblatt

Aus aktuellem Anlass wollen wir an einen deutschen Weltmeister erinnern. Nicht an Dr. Emanuel Lasker, dem einzigen deutschen Nahschachweltmeister, sondern an den ersten deutschen Fernschachweltmeister, Horst Rittner. Wohl nur wenigen Schachfreunden dürfte dieser Namen etwas sagen. Dies mag daran liegen, dass Rittner - am 16. Juli 1930 in Breslau geboren - nach dem zweiten Weltkrieg in Ostberlin lebte. Als guter Schachspieler kam der gelernte Bankkaufmann 1949 mit dem Fernschach in Berührung.

Beginnend mit der ersten Klasse der damals noch gesamtdeutschen Fernschachturniere machte er rasche Fortschritte und gewann bereits 1956 die gesamtdeutsche Fernschachmeisterschaft. 1961 verlieh ihm der Internationale Fernschachverband den Großmeistertitel für Fernschachspieler.

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Stark besetztes Turnier

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Insgesamt erfüllte er zehnmal die Großmeisternorm. 1966 siegte er im sehr stark besetzten Ragosin-Gedenkturnier. Krönender Höhepunkt seiner Fernschachkarriere war der Gewinn der zwischen 1968 und 1971 ausgespielten 6. Fernschachweltmeisterschaft - damals noch ohne Computerunterstützung - vor Ex-Weltmeister Wladimir Sagorowski.

Schon bald hat Rittner Schach zu seinem Beruf gemacht. 1954 wurde er hauptberuflich Generalsekretär des Deutschen Schachverbandes der DDR und lange Jahre - von 1965 bis 1991 - Redakteur der heute noch existierenden Zeitschrift "Schach".

Auch auf internationaler Funktionärsbühne hat er sich in den Dienst der Sache Schach gestellt. So bekleidete er von 1961 bis 1991 das Amt des Vizepräsidenten des Internationalen Fernschachverbandes ICCF und war Vorsitzender der Qualifikationskommission.

Nach eigenem Bekunden spielte Rittner zunächst Fernschach um des Nahschachs willen, um zu lernen und Mittel- und Endspiel besser beurteilen zu können. Doch bald erkannte er, dass Fernschach nicht nur Mittel zum Zweck, sondern eine selbstständige Art schachlichen Kampfes ist. Ob er diese Meinung auch noch heute im Zeitalter der Schachcomputerprogramme vertritt?

Sehen Sie eine spannende Partie des ersten deutschen Fernschachweltmeisters, die dieser 1971/74 kurz nach seinem WM-Gewinn beim Turnier des Bundes deutscher Fernschachfreunde anlässlich des 25. Jubiläums gegen den australischen Meister und Vize-Fernschachweltmeister (1956-59 gemeinsam mit dem deutschen GM Lothar Schmid) spielte.

Weiß: Lucijs Endzelins

Schwarz: Horst Rittner

1.e4 e6 2.d4 d5 3.Sd2 c5 4.exd5 exd5 5.Lb5+ Sc6 6.Sgf3 Ld6 7.0-0 cxd4 8.Sb3 Sge7 9.Lxc6+ bxc6 10.Dxd4 0-0 11.Lf4 Sf5 12.Dd2 a5 13.Sfd4 a4 14.Sxc6 Lxf4 15.Dxf4 Df6 16.Sba5 Dxb2 17.Dxa4 Df6 18.Tfd1 Le6 19.Db5 h5 20.Db7 Tfc8 21.Sb3 Ta4 22.Sb4 Dg6 23.Sxd5 Tg4 24.Kh1 Kh7 25.h3 Th4 26.Sc7 Se3 27.Sxe6 Sxd1 28.Dxc8 Sxf2+ 29.Kh2 Df6 30.Sf8+ Kh6 31.Kg1 Sxh3+ 32.gxh3 Dg5+ 33.Kf2 Tf4+ 0-1

Tagesnotizen: Ein Schmunzeln könnte die Taktikaufgabe Nr. 101a entlocken, die aus einer Partie stammt, die vor fast 80 Jahren bei der polnischen Meisterschaft in Jurata zwischen Leopoldowicz Lockwi und dem Turniersieger Savielly Tartakower gespielt wurde. Schwarz am Zug könnte den eingebüßten Bauern sofort mit 1...Dxb2 zurückgewinnen, gab sich jedoch damit nicht zufrieden. Sehen Sie, auf welch humorvolle Art und Weise er die Partie für sich entschied?

Der Vierzüger als Aufgabe Nr. 101b stammt aus eigener Werkstatt und dürfte zum Lösen an heißen Sommertagen gut geeignet sein. Es wird die Frage zu beantworten sein, wie Weiß die drohende Pattstellung aufhebt. Diese Frage richtig beantwortet führt direkt zur Lösung.

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Turmopfer auf h-Linie

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Lösungen: Die Partie zu Taktikaufgabe Nr. 100a (Karjakin-Schirow, W: Kg2, De2, Th1, Th7, Ba2, f3, g3 [7], S: Kg8, Dc3, Td4, Le5, Ba6, c4, c5, f7, g6 [9]) wurde beim Schnellschach-Weltcup 2010 in Odessa zwischen den beiden Taktikriesen GM Sergej Karjakin, noch immer jüngster GM aller Zeiten, und GM Alexei Schirow gespielt. Weiß am Zug sieht sich der sehr unangenehmen Fesselung 0...Td2 gegenüber, hat jedoch alles im Griff. Mit dem Turmopfer auf der h-Linie, 1.Th8+! entscheidet er die Partie sofort für sich. Schwarz musste sich geschlagen geben, da er das Matt sowohl nach 1...Lxh8 2.De8+ Kg7 3.Dxh8# als auch nach 1...Kg7 2.Dxe5+ f6 3.De7# nicht verhindern kann.

Dieser Sieg brachte Karjakin bei dem im K.o.-System ausgetragenen Schnellschach-Weltcup in die nächste Runde und war entscheidende Voraussetzung für seinen Weltcup-Gewinn.

Mit der Jubiläumsaufgabe Nr. 100b (3#, Dr. Maßmann, W: Kc1, La4, Sa3, Bb2, c3 [5], S: Ka2, Bc5 [2]) ließen wir einen großen deutschen Problemschachkomponisten mit einer Miniatur zu Wort kommen. Mit nur sieben Steinen baute er ein bemerkenswertes Werk zusammen. Weiß hat hierbei die Schwierigkeit zu meistern, dem schwarzen König die Felder a1 und a2 streitig zu machen. Dies gelingt nicht mit 1.Sc2?. Zwar nimmt Weiß das Feld a1, kommt jedoch nicht weiter voran. Auch 1.Lb5? reicht nicht aus. Zwar würde es nach 1...Ka1? durch 2.Sc2+ Ka2 3.Lc4# und auch nach 1...c4? 2.Lxc4+ Ka1 3.Sc2# matt, nicht jedoch nach 1...Kb3!. Was hilft weiter?

Wenn scheinbar alle Versuche scheitern, hilft der "olle Inder"! So führt auch hier die indische Idee, die 1903 von Kohtz/Kockelkorn (Johannes Kohtz wurde am 18.Juli 1843 geboren) mit der berühmten Monographie "Das Indische Problem" eingeführt wurde, zum Ziel. Weiß leitet sie mit dem "Kritikus" 1.Ld1! ein. Der Läufer überschreitet das kritische Feld c2, das der Springer für eine Verstellung nutzen könnte. Es tritt Zugzwang ein. Die beiden schwarzen Zugmöglichkeiten:

a) 1...Ka1 2.Lb3 (mit Eroberung des Feldes a2) 2...c4 3.Sc2# und

b) 1...c4 2.Sc2! (Weiß bereitet eine Springer/Läufer-Batterie vor, in die der schwarze König hineingezwungen wird) 2...Kb3 3.Sb4#, womit die indische Idee zur Geltung kommt.

Eine reizende Miniatur, die trotz ihrer 75 Jahre jugendlich wirkt.
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