"Ich sag's lieber direkt": Kabarettist Michael Altinger nimmt in seinem Programm kein Blatt vor ...
Digitaler Wahnsinn analog aufbereitet

Weiden.Was waren das noch für glückliche Zeiten? Damals, als es noch keine Navis in den Autos gab, als man beim Fahren noch richtig mitdenken musste. Als man an die Seite gefahren ist, wenn man nicht mehr weiter wusste, die Fenster runter gekurbelt und wildfremde Menschen angesprochen hat ohne vorherige Freundschaftsanfragen anzumelden oder gar ein "Like" zu setzen. Kinder seien aus solchen Begegnungen hervorgegangen.

Wobei wir schon beim Thema sind: "Ich sag's lieber direkt!" In seinem jüngsten Programm setzt sich Michael Altinger analog mit dem digitalen Wahnsinn auseinander. Am Donnerstagabend leistet der Landshuter vor 300 Zuhörern Aufklärungsarbeit, fuchtelt mit dem Messer rum und erklärt der Oberpfalz seinen ganz persönlichen Ausweg aus der Kommunikationskrise.

One-Man-Band

Im Schlepptau: Seine Band. Bestehend aus einem Musiker, Martin Julius Faber. Er begleitet Altinger mit stoischer Gelassenheit am E-Piano und der E-Gitarre. Wenn sie gemeinsam loslegen, sind das Momente, in denen es im Gustav-von-Schlör-Saal mucksmäuschenstill wird, allerdings nur solange bis Altinger mit Grimassen schneidendem Gesicht zum brachialen Gesang ausholt.

Altingers Gegenentwurf zum aktuellen Datenchaos ist das idyllische Kaff Strunzenöd, irgendwo im Nirgendwo. Dort, wo sich Rokoko-Katholikin Tante Aurelia, die alte Dorf-Kindergärtnerin, in Glanz und Gloria gnädig schlurfend durch die Gassen schiebt. Dort wo der "Playboy" sein "Gemächt zum Läuten bringt" und sicher eingequetscht zwischen der "Gala" und "Brigitte" im zugeklappten Pink Floyd Album "The Wall" schlummert.

Eigentlich bezieht er diese analoge Klolektüre ja nur wegen seiner beiden Söhne. "Ich möchte die sexuelle Triebhaftigkeit meiner Buben in die richtigen Bahnen lenken." Gemeinsam mit den zweien im "Playboy" zu blättern sei nämlich so, als würden sie zusammen einen Drachen bauen und ihn dann auf der nächsten Wiese steigen lassen.

Überhaupt werde das Leben der heutigen Jugend von einer rasanten Entwicklung dominiert. Mit 20 den Bachelor und den Master. Mit 23 den Doktor. Ihre Midlife Crisis hätten sie damit längst hinter sich gebracht. "Was machen die mit ihren restlichen 60 Jahren? Die Vergangenheit aufarbeiten oder was?"

Altinger nimmt seine Zuhörer mit an einen Ort, wo das gesprochene Wort noch zählt und die digitalen Verlockungen der modernen Welt noch keinen Zugang haben. In Strunzenöd nutzt Festnetzfan Altinger das Flatrate-Angebot "Eins und eins mal vier geteilt durch drei" und zahlt so dummerweise die Gebühren fürs ganze Dorf mit.

Buch gegen E-Book

Im Publikum herrscht schenkelklopfende Fröhlichkeit, wenn der Frontmann etwa die Entführungswahrscheinlichkeit von Kindern vom Alter ihrer Handys abhängig macht oder seinen spindeldürren Jungs täglich vier bis fünf Stunden Computerspiele verschreibt, nur damit sie endlich Fett ansetzten und er unnötige Verpflegungskosten spart.

Für E-Books hat der Kerl nichts übrig. Altinger setzt auf bewährte Lektüre, die ihm erlaubt, Marker zu setzen, die ihm genau zeigen, wie viel er schon gelesen und was er noch vor sich hat. Einen weiteren Vorteil habe das Buch: Wenn's nix taugt, kann er es zerreißen und die Fetzen gegen die Wand schmeißen. Dieses Los muss Altinger nicht teilen. Seine Fans klatschen ihn begeistert für zwei Zugaben von der Seitenwand auf die Bühne zurück.
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