Im Dienst der Kirche

Unser Bild von der Reformation ist untrennbar verbunden mit Lucas Cranach: Die Porträts der Reformatoren geben den Umbrüchen ein Gesicht, die Altäre feiern den neuen Glauben. Die Cranachs waren aber auch exzellente Geschäftsleute.

Der Blick leicht skeptisch, die Haare wellen sich unter dem Barett hervor - durch die Porträts von Lucas Cranach dem Älteren wissen wir noch heute, wie Martin Luther aussah. Doch nicht nur das: "Cranach ist so etwas wie das Markenzeichen der Reformation", sagt die Weimarer Kunsthistorikerin Karin Kolb. Er porträtierte weitere Reformatoren und illustrierte ihre Schriften. Gemälde, Flugblätter und Drucke aus seiner Werkstatt sorgten in hohen Auflagen dafür, dass die Erneuerer und ihr Denken weithin bekannt wurden. Seine Werke haben das Bild von der Reformation nachhaltig geprägt - auf Denkmälern, in der Kunst und selbst auf Münzen.

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Wenn am 31. Oktober mit Blick auf den 500. Jahrestag der Reformation 2017 das neue evangelische Themenjahr "Bild und Bibel" beginnt, geht es darum auch um die Malerfamilie Cranach. Anknüpfungspunkt ist der 500. Geburtstag von Lucas Cranach dem Jüngeren (1515 - 1586). Er war Sohn des Hofmalers Lucas Cranach dem Älteren (um 1472 - 1553) und übernahm 1550 dessen Wittenberger Werkstatt. Damit setzte er fort, was der Vater in den Jahrzehnten zuvor aufgebaut hatte: ein erfolgreiches Unternehmen im Dienst der neuen Kirche.

Cranach der Ältere, geboren im fränkischen Kronach und nach mehreren Jahren als Künstler in Wien ab 1505 kursächsischer Hofmaler, war nicht nur ein versierter Porträtist. Er hatte auch einen ausgezeichneten Ruf als Gestalter von Altären. Zudem dokumentieren seine vielen Allegorien, Akte und Jagdszenen für höfische und private Auftraggeber bis heute den Zeitgeist des 16. Jahrhunderts. Das Gesamtwerk wird auf etwa 5000 Arbeiten geschätzt - allerdings mit einer hohen Verlustquote. Weltweit gibt es noch etwa 1500 "Cranachs".

Seine Werke waren vor allem Auftragsarbeiten, was jedoch damals nicht anrüchig gewesen sei, sagt Karin Kolb, die an der Weimarer Klassik-Stiftung eine große Cranach-Ausstellung für das nächste Jahr vorbereitet. Besonders zu Zeiten der Reformation seien Kunst und Politik ganz eng verbunden gewesen. Sie widerspricht damit der Auffassung, die vielen Arbeiten zur Reformation seien nur das Ergebnis einer engen Familienfreundschaft zwischen Cranach und Luther. Die gab es zwar ohne Zweifel: Der Künstler war Trauzeuge Luthers und seiner Frau Katharina von Bora sowie Taufpate des ersten Sohnes Johannes.

Aber jedes Porträt im Auftrag des Kurfürsten habe eine klare politische Aussage: Schon mit dem ersten Luther-Gemälde Cranachs dokumentierte Kurfürst Friedrich der Weise (1486 - 1525) auch seine positive Haltung zur Reformation - zumal der nichtadlige Martin Luther (1483 - 1546) als "nicht bildwürdig" galt.

Dieses erste Porträt zeigt ihn 1521 als Junker Jörg auf der Wartburg. Dort hatte der Kurfürst nach dem Reichstag von Worms die Schutzhaft Luthers arrangiert, denn der Reformator war für vogelfrei erklärt worden und musste vor der drohenden Verfolgung durch kaiserliche Truppen bewahrt werden. Als Höhepunkt der Reformationsaltäre aus der Cranach-Werkstatt gilt der Flügelaltar von 1555 in der Weimarer Stadtkirche St. Peter und Paul. Der jüngere Cranach vollendete ihn zwei Jahre nach dem Tod des Vaters in der Thüringer Residenz. Das Hauptmotiv unter dem Kreuz zeigt Lucas Cranach den Älteren mit Luther und bekräftigt damit nachhaltig den politischen Anspruch der Fürsten als protestantisches Haus.

Am kursächsischen Hof war Cranach der Ältere ein herausgehobener Bediensteter, der Waffen ebenso tragen durfte wie ein eigenes Wappen - eine geflügelte Schlange. Für die künstlerische Produktion führte er eine Werkstatt mit zahlreichen Mitarbeitern. Und jenseits der Kunst stellte er das "Unternehmen Cranach" auf eine breite Basis mit mehreren wirtschaftlichen Standbeinen. Sie reichten von einer Apotheke über Druckerei und Buchhandel bis zu Wein- und Bierhandel für den Hof und einträglichen Immobiliengeschäften.

Bei alledem entsprachen seine regelmäßigen Einnahmen als Hofbeamter etwa einem damaligen Professorengehalt. "Die Marke Cranach war ein ungeheures wirtschaftliches Unternehmen, das mit Klugheit und Umsicht geführt wurde", sagt Kolb. Auf dieser Grundlage sei es ihm möglich gewesen, dank seines technischen Vermögens alle künstlerischen Richtungen auf höchstem Niveau zu bedienen. Dabei gewährte ihm sein Dienstherr trotz der Stellung als Hofmaler weitgehende künstlerische und unternehmerische Freiheiten.

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Den Glauben gefeiert

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Cranach ließ sich denn auch nicht völlig auf reformatorische Inhalte festlegen. Als Beispiel dafür, wie er mit prächtigen Bildern "den alten Glauben richtig gefeiert hat", nennt Kolb die 142 Altartafeln von 1522/23 für die Stiftskirche des Erzbischofs Albrecht von Brandenburg in Halle. Der Bischof war Luthers ärgster Widersacher - und nicht zuletzt zuständig für den Ablasshändler Johann Tetzel, dessen Gebaren ein maßgeblicher Grund war für die Kritik des Reformators an der Papstkirche.
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