Im Freilandmuseum Neusath-Perschen präsentiert sich die Fachakademie
Beileibe nicht hölzern

Bei so viel Design fast vergessen: Schreinern ist Handwerk und ein klassisches noch dazu.
 
Die "Hängende" und der "Sitzende" nennt Martine Kreitmeier ihre Objekte. Sie ist aus Erle, er aus Linde.

Der hölzerne Bursche sitzt da und schaut auf das Geschehen als wäre er nur dafür geschaffen, an diesem Ort und nirgendwo anders auf der Welt zu sitzen - und herabzuschauen, nicht arrogant erhaben, sondern aufmerksam interessiert.

Ein stummer Beobachter des Geschehens im Erdgeschoss des Ausstellungsgebäudes im Freilandmuseum Neusath-Perschen. Der von Martina Kreitmeier aus einem Lindenstamm geschaffene "Sitzende" ist Teil einer das Saisonmotto "Wer will die fleißigen Handwerker sehen?" begleitenden Schau. Darin gibt die bezirkseigene Fachakademie für Raum- und Objektdesign in Cham ihre Visitenkarte ab. Und diese ist vom Feinsten.

Es ist die Moderne, die noch vor dem Museumseingang den Besucher empfängt. Hier beginnt der Bogen, der bei den traditionellen Möbeln, die in den Museumshäusern zu sehen sind, endet. Der Umkehrschluss ist gleichfalls legitim: Hier ist der Entwicklungsprozess angekommen, der in den Denkmälern beginnt. Das von den Schülern bearbeitete Material Holz wirkt nicht schwer, rustikal, massiv, sondern leicht, filigran, edel, wie die Stifte etwa, der Rasierpinsel oder das Rasiermesser. Das ist Handwerkskunst und Design in einem.

Aber nicht formvollendetes Design ausschließlich der Optik wegen, sondern geschaffen, um genutzt und benutzt zu werden. Ist Holz schon ein nachwachsender Rohstoff ist es Sven Stornebel noch ein besonderes Anliegen, nichts verkommen zu lassen. Er verklebt Holzabfälle zu ausgefallenen Hockern. Ausgefallen deshalb, weil der "Kleber" rausquillt - mit Absicht, in den Farben Grün oder Rot zum Beispiel. Auch Stornebels Teelichthalter aus unterschiedlichen Holzabfällen ziehen in ihrer schlichten Schönheit die Blicke auf sich.

Hartmut Knell ist die Wegwurfmentalität gleichfalls ein Dorn im Auge, macht ihn sogar wütend. Exakt diese Wut ist der Ausgangspunkt für seine Hocker und Stühle, die eine ungefähre Erinnerung an Andy Warhol aufkommen lassen. Auf Tragetaschen bekannter Marken wie "Frolic" oder von Lebensmittelketten sowie deren Eigenprodukte darf man Platz nehmen und sich anlehnen. Die Überwürfe auf Knells Hockern laden dazu ein, sie einfach mal wegzuziehen, um zu sehen, was drunter ist. Aber, Pech gehabt, sie sind fester Bestandteil der Sitzmöbel.

Filz und Eiche

Dass die Handwerker der Fachakademie etwas können und bei allem Ideenreichtum verstehen, mit ihrem Werkstoff umzugehen und auf Qualität zu achten, ist in Fachkreisen bekannt. Preise, die sie eingeheimst haben, zeugen außerdem davon. Fabian Schleyerbach aus Hemau ist einer dieser zahlreichen Preisträgern. Mit seiner fragil wirkenden Tischleuchte, einer Kombination aus grauem Filz und Eichenholz, hat er auf der Fachmesse der Elektrobranche in Berlin 2012 einen Design-Award geholt. Die beiden Materialien gehen nicht nur zusammen, sie passen zusammen, perfekt.

Die Absolventen der Fachakademie bauen aber auch stabile Tische, Garten-, Kinderzimmer- oder Wohnzimmermöbel, mit dem Ziel, die Einrichtungsgegenstände möglichst lange und gerne zu nutzen, mit ihnen zu leben und nicht nur dazwischen. Nichts ist von der Stange. Den Hauptteil machen Unikate aus, doch die Grenzen sind durchlässig zu designorientierer Serienproduktion. Auf diese Weise ist ein Regal entstanden, komponiert aus den "fünf Wänden" Stornebels.



Dieses Traumhaus - ein Umriss aus Holz - ist vielseitig, es kann als Uhrgehäuse genauso dienen wie als Sparbüchse für den Bau der richtigen, eigenen vier Wände. Der Bausatz ist immer der Gleiche, die Fantasie darf damit spielen. Grobe Klötze sucht der Besucher vergebens, sie haben bereits den nötigen Schliff erhalten, nur die Späne, die auf einer Werkbank arrangiert sind, rücken das Ausgangsmaterial gleichermaßen wieder ins Bewusstsein wie das klassische Schreinerhandwerk. Das Lied "Wo gehobelt wird, da fallen Späne" fällt einem genau da ein. Gehobelt wird sicher viel in der Fachakademie bis Holz so leicht daherkommt wie in den Objekten der Ausstellung.
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