"Im Frühling sterben"

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Kann man über das Kriegsende noch etwas Neues erzählen? Dem lakonischen Erzähler Ralf Rothmann gelingt das Kunststück, die individuelle Not von Heranwachsenden erfahrbar zu machen. Ein starker Roman.

Frühling 1945: Die Freunde Walter und Fiete sind zur Lehre nach Norddeutschland gekommen, arbeiten als Melker auf einem Bauernhof, während um sie herum das Nazireich langsam versinkt. Die dröhnenden Durchhalteparolen können die 17-jährigen Jungs längst nicht mehr hören.

Walter hat sich in Elisabeth verliebt, Fiete bandelt mit Ortrud an. Aber dann werden die vorlauten Halbstarken doch noch eingezogen und in einen wahnwitzigen Krieg verwickelt, in dem es nur noch ums Überleben geht.

Hoffnungen und Nöte

Ralf Rothmann, geboren 1953, erzählt in seinem neuen, bewegenden Roman "Im Frühling sterben" von den Hoffnungen und Nöten der Generation, die am Ende des Krieges gerade erwachsen wurde, und die oft längst immun gegen das Gift der Propaganda war. Dabei legt Rothmann keinen groß orchestrierten historischen Wälzer vor, sondern erzählt eindringlich und gewohnt knapp und lakonisch vom Wahnsinn und von der Entmenschlichung, die Krieg und die mörderische Nazi-Ideologie auslösten. Und auch die schier unüberbrückbare Kluft zwischen den Generationen ist wieder ein Thema.

Der gewissenhafte Walter hat Glück. Weil er einen Führerschein hat, wird er in einer Versorgungseinheit eingesetzt. Der aufmüpfige, spöttische Fiete muss an die Front ins besetzte Ungarn, fast schon ein Todesurteil. Als er trotz der Warnungen seines Freundes desertiert und gefasst wird, versucht Walter mit allen Mitteln und unter Lebensgefahr, die Erschießung des Freundes zu verhindern.

Wieder einmal erweist sich Rothmann ("Milch und Kohle", "Rehe am Meer") als Meister der Kunst, die spezielle Befindlichkeit von Heranwachsenden zu schildern. Ein wenig übermutig sind sie, aber natürlich haben sie auch Angst, aber eigentlich interessiert Walter und Fiete am meisten, wie es mit ihren Liebeleien weitergeht. Und die ignorante Eltern-Generation scheint auf einem anderen Planeten zu leben. Und dann erfahren beide die Brutalität des Krieges. Schonungslos und unparteiisch erzählt Rothmann von der Verrohung. Da werden die Gräueltaten der deutschen Besatzer an der Zivilbevölkerung ebenso wenig ausgespart wie der Horror der alliierten Luftangriffe.

Meisterhaft erzählt

Rothmanns Stil ist minuziös, alle Details stimmen. Aber man sollte diesen Autor nicht als Realisten missverstehen. Unter dem dünnen Firnis dieser meisterhaft erzählten Welt bricht immer wieder etwas Rätselhaftes hindurch, "ein seltsam unscharfes Bild", wie es einmal heißt. Da sitzt ein Falke regungslos im zerstörten Glockenturm einer Dorfkirche, und einmal scheint ein Rottweiler über Wasser zu laufen. Die Unwirklichkeit eines Luftangriffs an einem strahlenden Frühlingsmorgen, dafür findet dieser Autor die richtigen Worte. So sind seine poetischen Naturbeschwörungen kein Selbstzweck, sondern steigern als Kontrast die Unfassbarkeit des sinnlos-barbarischen Kriegsgeschehens.

Eingebettet ist diese packende, deutsche Endzeit-Geschichte in eine Rahmenhandlung, die kurz das weitere Leben von Walter skizziert. Die Traumata wurden verdrängt, nie vergessen. Komplett dekonstruiert dieser Roman den Mythos von der angeblichen "Stunde Null" und sagt damit auch viel über unsere Nachkriegszeit aus.

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Ralf Rothmann: "Im Frühling sterben", 234 Seiten, 19,95 Euro, Suhrkamp-Verlag.
Weitere Beiträge zu den Themen: Magazin (11335)Berlin (7520)Juli 2015 (8666)
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