Im Notfall doch zur Stelle

Bürgermeister Manfred Dirscherl hat geahnt, welche Lawine an Arbeit auf ihn zukommt und den Wählerwillen akzeptiert. Ein Jahr nach Amtsantritt sieht er sich in seiner Einschätzung bestätigt. Bild: Bugl

"Von null auf hundert" hat sich Manfred Dirscherl mit seinem Amt als Bürgermeister arrangiert. Keineswegs blauäugig - und nicht ganz freiwillig hat er vor einem Jahr seine Wahl als Oberhaupt der kleinsten Gemeinde im Landkreis akzeptiert.

"Das kostet schon Kraft", so das Fazit des Weidinger Bürgermeisters nach einem Jahr im Amt. Eigentlich war ihm das damals schon klar, als er bei der Nominierung als Kandidat in den Fokus rückte. Er ahnte es, als schließlich sein Name auf den meisten Stimmzetteln auftauchte. Denn weil keiner im Ort die Nachfolge des 74-jährigen Hans Wirnshofer antreten wollte, war es in Weiding zu einer "echten Mehrheitswahl" gekommen, die landläufig auch als Urwahl bezeichnet wird. Zwei Wochen später brachte die Stichwahl Gewissheit - mit mehr Wissen um die neue Bürde als Freude über den Vertrauensvorschuss.

30 Stunden zusätzlich

Das winzige Büro des Bürgermeisters im Wohnhaus ist zu klein, um noch einen Stuhl für Besucher unterzubringen. Auf feste Sprechzeiten verzichtet Manfred Dirscherl ohnehin. "Ich bin ja telefonisch zu erreichen", meint der 54-Jährige, der für das Staatliche Bauamt Amberg-Sulzbach Baustellen überwacht und dabei viel unterwegs ist. Bis zu fünf Stunden kann er beim Arbeitgeber im öffentlichen Dienst für seinen "Nebenjob" als Bürgermeister pro Woche geltend machen.

Auf 30 Wochenstunden schätzt er das tatsächliche Ausmaß bei der Amtsführung. "Fast ein zweiter Vollzeitjob", seufzt der 54-Jährige, dessen Frau "anfangs nicht sehr begeistert" war über den Aufgabenzuwachs. "Inzwischen hat sie sich damit abgefunden." Freilich, die Verwaltungssachen erledigt die Verwaltungsgemeinschaft Schönsee. Trotzdem gibt es Buchungen zu genehmigen und Rechnungen zu unterschreiben. Mal tagt der Fremdenverkehrsverein, mal ruft die Leerstandoffensive. "Interessant und vielfältig, aber auch sehr zeitraubend" sind die vielen Termine. "Fast noch schlimmer, als ich mir das gedacht habe", so die nüchterne Einschätzung des Gemeindeoberhaupts. Kann da der Stellvertreter entlasten? Kaum, meint Dirscherl, schließlich sei Christian Ring als selbstständiger Zimmerermeister beruflich "noch mehr eingespannt".

Bauplätze vorhanden

Jetzt schon sorgt sich der 54-Jährige um den Winterdienst, dessen Organisation der Landkreis auf die Kommunen verlagert. "Wir haben ja nicht mal ein Salzlager", gibt der Bürgermeister zu bedenken. Wie viele Kollegen ist er auch mit einer schrumpfenden Bevölkerung konfrontiert. "Die Hälfte der Kinder hier geht aufs Gymnasium, die sind dann weg", kalkuliert er. Dabei gebe es im Ort noch sechs Bauplätze, "erschlossen, für 25 bis 26 Euro pro Quadratmeter, "dafür bekommt man woanders nicht mal den Grund".

Zwar muss jetzt die Käranlage nachgerüstetet werden und die Heizungskosten für die Schule belasten das Budget, aber noch ist man in Weiding stolz darauf, schuldenfrei zu sein. Auch im Gemeinderat geht es laut Dirscherl harmonisch zu. Was bleibt da einem Bürgermeister noch zu wünschen übrig? Ein Arbeitskreis vielleicht? "Dazu haben wir genügend Vereine", sagt der 54-Jährige, der selbst als Schriftführer bei Schützen- und Faschingsverein aktiv ist, als Jagdvorstand ran muss und bei Feuerwehr und Kriegerverein Mitglied ist.

Brennholz statt Yoga

Von der "großen Politik" erwartet er vor allem Infrastruktur. "Ohne Breitbandanschluss bringt man keinen Betrieb hier hinter", ist ihm klar. Nach dem Ortskern sei deshalb nun auch das Umfeld nachzurüsten. Außerdem möchte der Bürgermeister einen kleinen Bauhof für die Gemeinde einrichten. Einen Ausgleich im stressigen Alltag findet Dirscherl nicht bei Yoga oder beim Spazierengehen, sondern bei der Holzarbeit: Wenn er mal Zeit hat, sägt und spaltet er Brennstoff fürs Eigenheim, zu dem auch eine Gästepension gehört.

Dankbar ist er für den Rückhalt in der Familie, aber bei der nächsten Wahl 2020 will er potenziellen Kandidaten nicht im Weg stehen. Sollte sich keiner finden, sei er aber "im Notfall" zur Stelle.
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