In textlicher Hochform

Roger Waters' 23 Jahre altes Soloalbum "Amused To Death" wurde in digital optimierter Version gerade wiederveröffentlicht, samt neuem Cover und akustisch exzellenter "Blu.Ray Audio"-Version als Zugabe. Musikalisch hat sich die Scheibe längst überholt, inhaltlich dagegen ist das Konzept dahinter aktueller als je zuvor.

Ex-Pink-Floyd-Chefideologe Roger Waters hatte die Zeit zwischen 1988 und 1992 damit verbracht, ein eher mieses Album einzuspielen. "Amused To Death", so der Titel seines dritten Solowerkes seit dem Split seiner früheren Band im Jahre 1983, war nicht nur schlecht, sondern eigentlich hundsmiserabel: Musikalisch knüpfte es nahtlos an die visionären Pink Floyd-Platten "The Wall" und "The Final Cut" an. Der Innovationswert war gleich null - man denkt beim Hören eher an ein einst aufregendes Essen, das beim wiederholten Aufwärmen nur mehr vitaminarm und schal schmeckt. Singen konnte der Herr anno '92, trotz seiner damals 49 Jahre, immer noch nicht, sein näselndes Organ jammerte sich anklagend durch dreizehn der vierzehn Stücke (eines ist ein Instrumentaltitel).

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Soweit zur musikalischen Seite dieser Scheibe. Textlich war Roger Waters wie gewohnt in Hochform: Keiner kommentierte die tagespolitischen Ereignisse treffender, keiner skizzierte den alltäglichen Wahnsinn auf der Welt präziser, kein Pop- oder Rockschreiber verfügte über beißenderen, schwärzeren Humor. Und dennoch hatte sich bei Waters etwas getan: Trotz aller Ironie und Mitleidlosigkeit, was seine Protagonisten angeht, machte sich auf "Amused To Death" erstmals zumindest ansatzweise das "Prinzip Hoffnung" breit. Das verleiht dem Album beinahe eine Prise Menschlichkeit.

Die Geschichte der Platte (ein Konzeptalbum), die auf der gleichnamigen Streitschrift des politisch radikal linken, 2003 verstorbenen US-Medientheoretikers Neil Postman basiert, ist rasch erzählt: Ein Gorilla hockt vor der Glotze und schaut fern, wobei er mit seiner Fernbedienung durch die verschiedensten Kanäle surft. Immer wieder verharrt er bei Sendungen, die sich mit den wichtigsten politischen Stationen der letzten Jahre beschäftigen. So arbeitete Waters aus der Sicht eines Fernseh konsumierenden Affen das Massaker am Platz des Himmlischen Friedens in Peking auf, den Fall der Berliner Mauer, den Ersten Golfkrieg im Irak. Gleichzeitig versetzte er sämtlichen kommentierenden TV-Stationen - allen voran dem "amerikanischen Kampfberichterstatter CNN" (Originalton Waters) - wütende Seitenhiebe und degradierte sie zu Entertainment-Institutionen, die ihren Zuschauern selbst Kriege als realitätsfremde Spielshows verkaufen, wenn diese nur weit genug weg stattfinden. Hauptsache, die Einschaltquoten stimmen!

Kein Wunder bei derart brillanten Texten, wie sie selten genug im meist apolitischen Rockbusiness geschrieben werden, dass sich Roger Waters im Herbst 1992 beim Interview als äußerst kompetenter, geistreicher Partner erwies, weswegen man darüber glatt die musikalischen Unzulänglichkeiten von "Amused To Death" zu ignorieren bereit war. Waters bezeichnete sich gleich zu Beginn der Unterhaltung als eingefleischten Sozialisten.

Zudem ist Roger Waters ein zwar gelegentlich barsch auftretender, immer aber auf gleicher Augenhöhe agierender Gesprächspartner, niemals arrogant. Ein Sozialist demnach gleichfalls in der zwischenmenschlichen Kommunikation, der jede Meinung akzeptiert und sich mit ihr beschäftigt, der allerdings vehement auf den eigenen Ansichten beharrt, wenn man ihm keinen für ihn schlüssigen Gegenentwurf vorzulegen hat. Vor allem was den schwermütigen Sound von "Amused To Death" betrifft. "Zunächst einmal muss man unterscheiden zwischen dem Privatmann Waters und dem Musiker Waters", relativierte der Engländer gleich zu Beginn des Interviews. "Privat bin ich überhaupt nicht depressiv, sondern einer der glücklichsten Menschen der Welt. Andererseits bin ich ein Beobachter, ein Chronist unserer Ära. Das ist mein Job. Und insofern gebe ich Ihnen recht: Mein Album m u s s düster klingen, denn ich bin ein aufrichtiger Schreiber. Und da einem die Welt beinahe nur Katastrophenmeldungen liefert, unterlege ich diese Nachrichten mit einem entsprechenden Soundtrack. Der kann nur bedrohlich und Moll-betont klingen. Es ist verdammt schlecht um diesen Planeten und seine Bewohner bestellt. Trotzdem hege ich eine vage Hoffnung im Herzen. Es wäre schön, wenn "Amused To Death" auch diese Seite meines Charakters hervorbringt."

"Amused To Death" basiert inhaltlich auf drei Grundpfeilern: Dem Fernsehen, dem Gorilla als eine Art Moderator und schließlich Gott, der durch das gesamte Album-Konzept hindurch eine entscheidende Rolle spielt. "Das stimmt", gab Waters unumwunden zu. "Speziell als ich die Texte für die Platte schrieb, hockte ich oft vor der Kiste und zog mir unterschiedlichste Programme rein. Vier Jahre lang hatten die Glotze und ihr Programm gewaltigen Einfluss auf meine Arbeit und damit auf mich. Sie lieferte mir Themen frei Haus, durch ihre interessanten wie ihre miserablen Sendungen.

Bei so viel Pessimismus im Weltbild konnte nur noch Gott weiterhelfen oder nicht? "Der spielt weder auf der Platte noch in meinem Leben eine wirklich entscheidende Rolle", konstatierte Waters. "Auf ,Amused To Death' ist Gott lediglich ein Synonym für verschiedene Religionsauffassungen, die in der Welt wiederum ausschließlich für Zwietracht, Intoleranz und Hass sorgen.

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Eindeutig Stellung beziehen

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Nehmen wir als Beispiel den Golfkrieg: Da stand sich ein fanatischer Moslem gegenüber, der im Namen Allahs das Recht zu haben glaubte, einen ganzen Planeten zerstören zu dürfen. Und da hatten wir einen sogenannten Christenmenschen, der sein Land frech als "God's Own Country" bezeichnet und der denkt, dass er mit Jesus' Erlaubnis die "Ungläubigen" ausrotten dürfe. Wer erklärt diesem Kerl: "Kumpel, du hast die Bibel falsch verstanden. Jesus hat nichts mit deinem System zu tun, er steht nicht an deiner fuckin' Seite?"

Und weiter: "Man muss in der heutigen Zeit politisch eindeutig Stellung beziehen, das ist wichtig, wenn man sich von den Medien nicht komplett einwickeln und manipulieren lassen will. Die Medien wollen, dass wir Bürger still halten, dass wir dümmer und dümmer werden. Keine Ahnung, warum das ihr Anliegen ist. Ich jedenfalls nutze die Medien intensiv - um danach gegen sie vorzugehen, um sie mit ihren eigenen Waffen zu schlagen. Die Macht der Medien und wie man damit als mündiger Bürger umzugehen hat, ist mein bestimmendes Thema. Es ist das wichtigste Thema überhaupt, wenn wir nicht völlig verblöden, sondern als Spezies mit Hirn überleben wollen."

Einen konsequenteren, weitsichtigeren Musiker gibt es kaum in der Musik-Branche. Nur: Wenn man Roger Waters, den Musiker, genießen will, schiebt man am besten Pink- Floyd-Meisterwerke wie "The Dark Side Of The Moon" oder "Wish You Were Here" in den Player - und liest dazu die eindringlichen Texte von "Amused To Death". Hochgenuss garantiert!
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