Intimes Wäschestück

Ohne ihn fühlt sich Frau nicht richtig angezogen. Mit ihm kann es zuweilen ganz schön eng werden. Er ist sexy oder sportlich, verhüllend oder figurbetonend, in jedem Fall aber dient er der Unterstützung.

Die Vielfalt an Modellen ist groß, Einigkeit herrscht laut Dessous-Designerin Stephanie Schneider nur in einem Punkt: "Es gibt keinen hässlichen Busen, es gibt nur falsche Büstenhalter". Dieses Zitat der Berliner Maß-Schneiderin bildet den Mittelpunkt der kleinen aber feinen Schau im zweiten Stock des Nürnberger Museums für Kommunikation. Gezeigt wird aber keine langweilige Textil-, sondern Kulturgeschichte einmal anders, erklärt Kuratorin Julia Bastian: "Der BH verrät ganz viel über Rollenbilder, Schönheitsideale, Tabus und sittliche Vorstellungen."

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Die Ausstellung "Body Talks - 100 Jahre BH" lässt an acht Stationen, in der Art von Kleiderschränken aufgebaut, die Geschichte des intimen Wäschestücks lebendig werden. Gleich am Eingang zeugt ein starres und graues Korsett von einer Zeit, in der Frauen ihre Oberweite bis zur Ohnmacht abschnürten. Daneben liegt das Modell einer sogenannten Schnürleber.

Im Dienste der Schönheit kam es schon einmal vor, dass innere Organe Schaden nahmen. Zwei Männerhände sollten eine Taille umfassen können, hieß es. Das Ideal des 19. Jahrhunderts waren 40 bis 50 Zentimeter Taille. Die innovative Idee einer Amerikanerin befreite vor 100 Jahren den Frauenkörper aus dem Korsett und verlieh ihm eine neue Gestalt.

Das nachdenkliche Porträt der erfinderischen New Yorkerin Mary Phelps Jacob gehört zu den berührendsten Momenten der Ausstellung. Eigentlich hatte die 19-Jährige 1910 nur Probleme mit ihrem Abendkleid. Man konnte die Fischbeinstäbe ihres Korsetts durch den Stoff schimmern sehen. Prompt griff sie zu Seidentüchern und rosafarbenen Bändern und bastelte sich einen geschmeidigen Ersatz für das verhasste Korsett. Vier Jahre später meldete Jacob das Patent an. Seitdem schiebt und drückt der BH je nach Zeitgeist die Brust in alle Richtungen. Die emanzipierte Frau der 1920er Jahre wollte flach und knabenhaft aussehen. Nach dem Krieg waren runde und üppige Formen angesagt. Und in den Siebzigern verbrannten Feministinnen den Stoff als Symbol männlicher Unterdrückung.

Mit der Rückkehr der Männer aus dem Krieg wollten sich die Frauen der 1940er und 1950er Jahre wieder weiblich fühlen. Einher geht damit ein konservatives Frauen- und Familienbild: Während der Ehemann die Familie als Alleinverdiener wirtschaftlich versorgt, kümmert sich die Frau um Haushalt und Kinder. In der Modewelt formt der "New Look" die weibliche Figur. Das Vorbild geben Leinwand-Ikonen aus Hollywood wie Marilyn Monroe, Liz Taylor oder Sophia Loren. Frauen eifern den Filmgöttinen nach und zwängen sich für die Schönheit in formende Wäsche. Die Miederindustrie boomt und die Absatzzahlen schnellen in die Höhe.

"Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment", lautet eine der Parolen, mit der Studierende und Freigeister Ende der 1960er Jahre lautstark zum Bruch mit den Werten der bürgerlichen Gesellschaft aufrufen. In der Bundesrepublik fordern vor allem Frauen der 1968er-Revolte zur Gleichberechtigung auf und entlarven das traditionelle Rollenbild der passiven Haus- und Ehefrau als überholt. Einst als textile Befreiung empfunden, soll der Büstenhalter nun als Symbol der Unterdrückung ausgesorgt haben - immer mehr Frauen legen ihn ab. Erst in den 1980er Jahren finden sie zu einem neuen Körperempfinden, zu selbstbewusstem Sexappeal und damit zu edlen Dessous zurück.

Frauenquoten und die gesetzlich verankerte Förderpflicht des Staates bringen Frauen in den 1990er Jahren einen festeren Stand im Berufsleben. Modisch verschwindet die bunte Opulenz des vergangenen Jahrzehnts, doch der Körperkult setzt sich fort. Ein makelloses Äußeres wird zum Statussymbol und die Umsätze der Schönheitsindustrie erreichen Rekordwerte. Der Büstenhalter und nun der Push-up-BH sind angesichts dieser hohen Maßstäbe ein geradezu notwendiges Mittel, um die Figur in Form zu bringen.

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Wie echt

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Eines der neuesten Stücke der Ausstellung ist ein BH aus dem Jahr 2014. Das hautfarbene Wäschestück hat aufgedruckte Brustwarzen - und sieht auf den ersten Blick aus wie eine echte Brust. Mit diesem "Tata-Top" protestiert die Designerin Michelle Lytle gegen das Oben-ohne-Verbot in der Öffentlichkeit. Es scheint, als wäre die skandalträchtige Geschichte des BHs noch lange nicht zu einem Ende gekommen.
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