Jazzer leben Spieltrieb aus

Fast scheint es, als würde die gelbe Pokémon-Figur Uli Zrenner-Wolkenstein (Mitte) angreifen. Der Bassist taucht mit Gerwin Eisenhauer (links) und Walter Lang auf der Schafferhof-Tenne in audiovisuelle, digitale Welten ein. Bild: tos

"Das kenne ich, es ist ein Spätwerk von Thelonious Monk". Ist es nicht. Gerwin Eisenhauer hat ein Lächeln auf den Lippen, als er dem "Musik-Experten" in New York den richtigen Titel nennt: Nämlich das Thema des PC-Spiels "Pacman".

Der Klang hüpfender Klempner, mystischer Graslandschaften oder fallender Klötze - Es ist ein ungewöhnliches Experiment, auf das sich Eisenhauer, Uli Zrenner-Wolkenstein und Walter Lang mit "Boom - Music from Computergames" eingelassen haben.

Münze einwerfen

Die Initialzündung beim Konzert im Schafferhof erfolgt im Spielhallen-Stil mit der projizierten Aufforderung an der Wand: "Insert Coin to Begin". Die symbolische Münze ist der Anfangsapplaus der Zuhörer, nach dem das Trio loslegt. Von "Super Mario" über "Die Legende von Zelda" und "Doom" bis "Angry Birds" - Computerspieler jeden Alters erleben einen wunderbar nostalgischen Abend. Die in unzähligen Stunden beim Daddeln in Fleisch und Blut übergegangenen Rhythmen werden in eine neue Dimension erhoben. Aber auch Zuschauer, die keine Gamer sind, genießen den kreativen, jazz-basierten Genremix. Nicht zuletzt seit Christopher Tins orchestrales "Baba Yetu" (das nicht gespielt wurde) als erstes Thema aus einem Spiel einen Grammy-Award gewann, erkennen immer mehr Musikfans, wie vielfältig Computerspiel-Musik sein kann.

Nächster Level geschafft

Eisenhauer und Co. zelebrieren dies, indem sie nahe an der Grundstimmung der Originale die Arrangements "Pixel für Pixel" aufbauen und mit ungeheurer Detailfülle überraschen. Hymnische Passagen mit vielen Verzierungen wechseln mit bedächtigen Phasen und viel rhythmischer Improvisation.

Lang, dem oft die schwierige Aufgabe zufällt, die Melodien zu transportieren, arbeitet den Charakter der Stücke heraus, die das überragende Schlagzeug Eisenhauers und der bewährt-variable Bass Zrenner-Wolkensteins mit viel Energie befeuern. Mehr und mehr verschmelzen die Musiker durch die stimmigen Video-Installationen von Stefan Wisiorek alias VJ Workflow mit dem Hintergrund. Physisch werden sie einfach ausgeblendet.

Wenn Pikachu, eine japanische Anime-Figur aus Pokémon, in "Goldenrodcity" mit feierlichen Piano-Akkorden durch die Straßenschluchten jagt, laufen die begeisterten Zuhörer längst mit. Bei berühmten Korobeiniki - der traditionellen russischen Weise, die dem Klassiker "Tetris" zugrunde liegt - verschleppt Lang wunderbar den Moment, an dem schließlich alle das Stück erkennen. Erst nach und nach taucht unter unzähligen Schnörkeln die mitreißende, stetig schneller werdende Tonfolge auf.

Seltene Perlen wie das hierzulande unbekannte "Vera Cruz" von Milton Nascimento - aus dem witzigen Adventure "Copacabana-Zombies" - ergänzen die Spiele-Hits.

Für das spannende Neuhauser Konzert muss Gitarrist Graeme Stephen, der das Trio bei Auftritten in Schottland und Brasilien unterstützte, passen. "Es ist immer ein bisschen anders, das ist das Spannende daran", erzählt Eisenhauer, den sein 14-jähriger Sohn zu dem Projekt inspirierte. Doch die Basis - Drums, Bass und Piano - mit drei exzellenten Musikern, ist stets die Gleiche.

Spiel (nicht) zu Ende

Im Schafferhof bereichert Markus Engelstädter den Videogame-Sound. In einer ungewohnten Rolle. Außer beim schwungvollen "Still Alive" (aus "Portal") tritt er nicht als klassischer Sänger in Erscheinung. Er liefert mit ätherisch langgezogenen Tönen, gehauchten Geräuschen und vokalen Effekten zwischen Beat-Box und Loops geniale Lautmalerei, die den hörenswerten Vortrag krönt. Die Fans dürfen auf die nächste Spiel-Runde von "Boom" gespannt sein.
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